Ambanelli, der seine Arbeit getan hatte, saß mit dem Sohn des Gutsherrn vorm Haus und versuchte, lesen und schreiben zu lernen. Zuerst käme das A. Geduldig wiederholte es der Alte. Dann das B. Warum »zuerst und dann danach« – fragte Ambanelli. Der Junge wusste es nicht. »So etwas haben sich Leute ausgedacht, die ihre Zeit zu verschenken hatten.«

Trotzdem lernt der Alte. Zuerst seinen eigenen Namen, dann Wort um Wort. Er »zählte die Wörter, die er gelernt hatte, wie man Säcke voll Korn zählt, die aus der Dreschmaschine kommen«. Auf altem Zeitungspapier suchte er die Wörter, »und wenn er eins fand, das er kannte, war er zufrieden, als hätte er einen Freund getroffen«.

Die Entdeckung des Alphabets, das erste Buch von Luigi Malerba aus dem Jahr 1963, beschreibt bereits, noch im Gestus realistischen Erzählens, die irrige Vorstellung einer vernünftigen Ordnung, und sei es auch nur die des Alphabets. Solche Grenzen hat er sein Leben lang aufgespürt. Dort, wo die Vernunft endet, fand er die Absurdität. Und damit hat er gewissenhaft jongliert, in immer neuen Anläufen. In den Taschenabenteuern (auf Deutsch 1985) glaubt ein gewisser Marione, »daß er dringend die Welt in Ordnung bringen müsse« – und scheitert, naturgemäß, an diesem Vorhaben.

Doch Marione verzweifelt ebenso wenig wie die anderen Helden des Autors. Mangelnde Rationalität wird aufgewogen durch Fantasie, Einfallsreichtum und einen skurrilen Humor, der unregelmäßig zwischen Lakonie und Nonsens pendelt. Seine späteren Romane und Erzählungen sind oft historisch verortet, in der Antike, dem Mittelalter, der beginnenden Neuzeit: unglaubliche Geschichten in der Geschichte, angesiedelt zwischen historischen Eckdaten, Byzanz um das Jahr 1000 (Das griechische Feuer, 1991), im Rom der Renaissance, nach dem Tod des Papstes Leo X., (Die nackten Masken, 1995). Satt, prall saftig, erzählt er uns unerhörte Begebenheiten, die unsere Wirklichkeit aus den Angeln heben. Da lernt zum Beispiel ein junger Kirchenmann beim Vögeln das Fliegen, muss allerdings, um im Bild zu bleiben, kräftig Federn lassen, denn Margotta, das käufliche Mädchen, hatte ein Gelübde abgelegt, die Sünden der Kleriker ungesäumt zu sühnen, indem sie deren Kleidung zum Fenster hinauswirft und die frommen Herrschaften damit zwingt, sich so, wie Gott sie geschaffen hat, auf den Heimweg zu machen. »Der nackte Diakon legte den ganzen Weg vom Borgo bis zur Piazza dell’Oro im Laufschritt zurück, über Löcher und Müllhaufen springend und unentwegt betend, damit er nicht fluchen musste.« Verfolgt von einem streunenden Hund, der bellend hinter ihm herlief. Der Diakon, Kammerdiener eines Kardinals, hatte es ohnehin nicht leicht. Die Verhältnisse waren aus den Fugen geraten. Es ging, der Gipfel allen Schreckens, sogar das Gerücht um, dass der neue Papst, der täglich erwartet wurde, tatsächlich an Gott glaube.

Malerba nahm den Schein ernst. So ernst, dass er damit unentwegt spielte. Darin war er, ähnlich wie seine Kollegen Calvino, Manganelli und Celati, ein Nachfahre der literarischen Moderne. Manchmal jedoch, räumte er ein, »sind die Dinge wirklich so, wie sie sich darstellen, und der Schein stimmt mit der Wirklichkeit überein«. Das Spiel wird Wirklichkeit – und umgekehrt. So hat der große Ironiker 131 Geschichten über Die nachdenklichen Hühner in die Welt gesetzt, die – selbst behutsam gedeutet – nicht nur seine Affinität zum Kalauer zeigen, sondern auch seine Nähe zum Anarchismus. Seine literarische Verwandtschaft zeigt die edle Herkunft: Kafka, Borges und vor allem Wittgenstein. In Der geheime Zirkel von Granada erklärt ein Hausierer einer Prostituierten, mit der er gemeinsam durch eine sommerliche Vollmondnacht zieht, den Begriff der metaphysischen Finte. Wir sind es doch, so erörtert er der begriffsstutzigen Hure in einer Kurzfassung die Grundlagen der modernen Sprachphilosophie, die den »Wörtern« einen »Sinn« geben.

Malerbas erste Bücher erschienen bei Suhrkamp, von Mitte der achtziger Jahre an, dann im Wagenbach Verlag. Darunter auch, eine übersetzerische Großtat, Pataffio, 1988, die Geschichte eines imperialistischen »Graffzogs« mit »drey Eyern«, der mit rabelaisscher Wucht zeigt, wie der »Neorealismo« in die mittelalterliche Welt gekommen ist.

Luigi Malerba wurde am 11. November 1927 in der Nähe von Parma als Luigi Bonardi geboren. Malerba, das heißt »Unkraut«, starb am 8. Mai 2008 in seiner römischen Wohnung. Sein Künstlername, Unkraut, verweist aber nicht nur auf ein ästhetisches Programm, sondern zugleich auf die Hoffnung, die sich auch in unserem Sprichwort ausdrückt: Unkraut vergeht nicht.