In New York, am East River, gibt es eine geheime Welt, ein Arkanum voller schmaler Gänge, kleiner und größerer Konferenzräume, winziger Sekretariate, alles abgeschirmt durch zwei strenge Grenzlinien. Die erste Grenze ("Delegates Only") stoppt die Journalisten. Die zweite trennt autorisierte und nicht autorisierte Diplomaten: Zugang nur für Mitglieder! Hinter dieser zweiten Grenzlinie beginnt die unbekannte Welt des UN-Sicherheitsrates.

Diese Welt liegt nur ein paar Schritte neben der bekannten Sicherheitsrats-Welt, wie sie uns aus den Fernsehnachrichten vertraut ist: der große Saal, in der Mitte der mächtige Hufeisentisch, dahinter das kitschige Wandgemälde des Norwegers Per Krogh, auf dem ein Phönix aus der Asche steigt. Knapp 700 Menschen fasst dieser Saal.

In der unbekannten Welt ist der große Hufeisentisch im Kleinformat nachgebildet. Der Raum, in dem er steht, fasst allenfalls 80 Personen. Alles hier drin ist eng, klein, alt und abgenutzt. Die Botschafter, die im consultation room tagen, sitzen Knie an Knie. Ihre Mitarbeiter müssen sich auf schmale Stühle quetschen. Und doch: Dies ist der Raum, in dem über Krieg und Frieden entschieden wird. Nebenan, im großen Sitzungssaal, heben die Botschafter zwar die Hand zur Abstimmung; die Entscheidungen aber fallen hier. Und natürlich in den Hauptstädten, aus denen die Diplomaten ihre Weisungen erhalten.

"Früher tagte der Sicherheitsrat grundsätzlich öffentlich", erzählt Gunter Pleuger, Berlins ehemaliger Botschafter bei den Vereinten Nationen. "Heute tagt er zu 95 Prozent in sogenannten informals, hinter verschlossenen Türen. Und die öffentlichen Sitzungen dauern häufig nur zehn Minuten. In diesen informals wird hart diskutiert, und ganz offen."

Im Februar 2003, auf dem Höhepunkt des diplomatischen Ringens vor Ausbruch des Irakkrieges, hatte Deutschland die Präsidentschaft im Sicherheitsrat inne. Mehrmals kam Außenminister Joschka Fischer herbeigejettet, ansonsten saß Pleuger dem Rat vor. Jetzt lebt der Exbotschafter in Berlin als rastloser Ruheständler, den das Thema UN nicht loslässt. "Als ich das erste Mal auf Posten in New York war, 1970, mitten im Kalten Krieg, da tagte der Sicherheitsrat vielleicht einmal im Vierteljahr. Und in der Regel traf er keine Entscheidung, weil das entweder an einem amerikanischen oder an einem sowjetischen Veto scheiterte. Heute tagt er jeden Tag, morgens und nachmittags."

So auch an diesem 23. April 2008. Morgens hat das Thema Nahost auf der Tagesordnung gestanden. Am Nachmittag wird es um Georgien gehen; aus Tbilissi ist der Außenminister angereist. Jetzt, um die Mittagszeit, da alles still ist, leuchtet auf dem Bildschirm vor der ersten Grenzlinie nur die Ankündigung: "4 pm Security Council Meeting (Closed)".

Um vier Uhr werden die Vertreter folgender 15 Nationen am Tisch Platz nehmen: Costa Rica, China, Burkina Faso, Belgien, Vietnam, Vereinigte Staaten, Großbritannien, Südafrika (das in diesem Monat den Ratspräsidenten stellt), Russland, Panama, Libyen, Italien, Indonesien, Frankreich und Kroatien. Und Russlands Botschafter wird mit Blick auf den georgischen Außenminister irritiert fragen: "Was macht der hier?" Denn außer den fünfzehn hat niemand Zugang zum consultation room. Also wird man das Treffen zum "private meeting" erklären. Der Außenminister darf kommen, aber das georgische Fernsehen bleibt draußen. Niemand in Tbilissi wird den Auftritt des Außenministers im Rat sehen.