Hinter Martin Luther will ich nicht zurückstehen. Wir sitzen im Treibhaus, Polkappen schmelzen, Weltenstürme toben, Golfströme strömen falsch, und Tuvalu versinkt im Meer – da will ich gleich heute noch einen Baum pflanzen. Schon weil heute von Amts wegen der Tag des Baumes ist. Das weiß auch der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern. "Auf Usedom Hand anlegen!", hat er getrommelt. Und Ameropa hat flugs ein Baumpflanzpaket geschnürt: Anreise, drei Nächte im Heringsdorfer Hotel Maritim, Teilnahme an der Aktion "Klimawald gegen Klimawandel".

Eine prima Idee des Tourismusverbandes in Zeiten der Klimadebatte, da sich der Einzelne schon fragt, ob er noch vor die Tür und CO₂ ausatmen darf, und da solche Skrupel natürlich in besonderem Maße die Reiselust betreffen. Der Baum ist ja nicht bloß Sinnbild der Hoffnung. Er ist auch das Symbol für den Kampf gegen die Klimakatastrophe schlechthin.

Atmet der Baum nicht wie unsereiner, nur andersrum? Schluckt er nicht durch das Wunder der Photosynthese CO₂, um sauberen Sauerstoff auszuatmen? Ist er nicht der ideale Weltenretter? Der Vatikanstaat lässt ja inzwischen einen riesigen Wald in Ungarn pflanzen und will so der erste CO₂-freie Staat auf Erden werden. Und wer mit dem Flugzeug reist, kann die von ihm verursachten klimarelevanten Emissionen durch Spenden an ein Aufforstungsprojekt kompensieren. Also dachte man sich in Mecklenburg-Vorpommern: Wenn wir eh schon die Profiteure des Klimawandels sein werden, wenn die Ostseeküste zum Florida Europas wird, während Spanien versteppt – dann könnten wir auch mal was Gutes tun.

Wildschwein am Spieß und Bier vom Fass – so macht Pflanzen Spaß

Alles andere wäre wirklich schändlich: Ich reise mit Bahn und Fahrrad an. Um genau zu sein, mit der Usedomer Bäderbahn, deren Geschichte auf das Jahr 1876 zurückgeht. Damals schuf die Errichtung einer Drehbrücke über den Peenestrom bei Karnin die Voraussetzungen dafür, dass aus einer Reihe von Fischerkaffs die "Badewanne Berlins" wurde, mit den entsprechenden Begleiterscheinungen wie stilreiche Protzhäuser und Konzertmuscheln. Heute zuckelt das schmucke Dieselbähnchen der UBB emissionsreduziert durch Wolgast, Bannemin-Mölschow und Zinnowitz, und bevor das brave Koserow erreicht ist, passieren wir die schmalste Stelle der zweitgrößten deutschen Insel.

Hier liegt Damerow, zwischen Ostsee und das hechtreiche brackige Achterwasser geklemmt. Von einem zum anderen Wasser sind es gerade 300 Meter. In Damerow gibt es – als sollte der Klimafreund verspottet werden – ein Autokino! Ansonsten an der B111: ein Hotel Forsthaus, viel Wald und ein Stück nasser Wiese ohne Wald. Noch ohne Wald. Hier wird heute gepflanzt.