Die anfängliche Skepsis weicht allmählichem Staunen: Gerade die Ingenieure, die den Bachelor lange als Schmalspurabschluss ohne große Berufschancen abgetan hatten, beobachten überrascht, wie der Arbeitsmarkt nach den Absolventen technischer Studiengänge giert, ganz gleich, ob sie sich jetzt Bachelor, Master oder Diplom-Ingenieur nennen. Dass die Einführung der neuen Studiengänge mit der Hochkonjunktur zusammenfällt, gibt den Befürwortern von Bologna starke Argumente an die Hand. Sie hatten von Anfang an behauptet, genau dies sei ja der Vorzug der gestuften Studiengänge: Läuft die Wirtschaft gut, kann man gleich mit dem Bachelor arbeiten gehen. Werden die Jobs rarer, bleibt immer noch das Masterstudium.

So dachte sich das auch Sebastian Schönen. Vor einem Jahr hat er mit einem Bachelor die Uni in Wuppertal verlassen. Er war einer der Ersten, die den Sprung nach sechs Semestern Sicherheitstechnik ins Arbeitsleben wagten. Schon einen Monat nach dem Abschluss fand er einen Job. Heute arbeitet der 25-Jährige in einem Ingenieurbüro in Kaarst bei Köln. Die Tätigkeit passe genau zu seinem Studium, betont er. "Ich berate andere Firmen rund um die Themen Sicherheitstechnik und Brandschutz", sagt er und ergänzt zufrieden: "Ich wollte immer schnell in die Praxis und habe den richtigen Schritt getan."

Noch fehlen die Erfahrungen mit dem Bachelor

Viele Studenten sind allerdings trotz guter Jobchancen immer noch misstrauisch dem neuen Kurzstudium gegenüber. Sie setzen nach dem sechssemestrigen Bachelor lieber gleich den viersemestrigen Master drauf – und das, obwohl der deutschen Wirtschaft nach Schätzungen um die 100000 Ingenieure fehlen. Zögern sie zu Recht? Antje Lienert vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) kann die Zurückhaltung zumindest verstehen. "Wir haben in der Tat einen hohen Bedarf an Ingenieuren aller Qualifikationsstufen", sagt sie, "aber uns fehlen noch Erfahrungen über die Anerkennung von Bachelorabsolventen in der Wirtschaft. Ein klares Kompetenzprofil gibt es bislang nicht."

Professor Manfred Hampe von der TU Darmstadt hat sich für Bachelor und Master stark gemacht, als andere Universitäten noch am Diplom-Ingenieur klebten. Bereits 2000 stellte der Maschinenbauer seine Fakultät auf das neue Studienmodell um. Seine Motivation hat sich bis heute nicht geändert: "Wir bieten eine moderne Maschinenbau-Ausbildung an. Die ist gekennzeichnet durch offene Aufgabenstellungen, forschendes Lernen und Eigenständigkeit." Von der Idee, die Bachelorabsolventen schon nach sechs Semestern auf den Arbeitsmarkt zu entlassen, hält allerdings auch der Maschinenbauer wenig. Sicher könne auch ein Universitätsstudent mit einem Bachelor einen Job finden, er habe schließlich die Grundfertigkeiten mitbekommen, aber spezialisiert sei er nicht. "Der Master soll der Regelabschluss sein. Die Unis haben den Auftrag, forschungsorientiert auszubilden", sagt er, "und der Master baut nun mal auf den Bachelor auf und entlässt den Studierenden mit einem fundierten Wissen." Er verweist auf die Fachhochschulen, die Bachelorabsolventen ausbilden sollen. "Wer mit dem Bachelor gleich auf den Berufsmarkt will, um anwendungsorientiert zu arbeiten, sollte sein Studium eher dort absolvieren."

Personalverantwortliche sind da meist nicht so wählerisch. Ob ein Bewerber seinen Abschluss an der Uni gemacht hat oder an der Fachhochschule, ob er mit dem Bachelor oder Master abgeschlossen hat, ist für Andrea Morelli, Personalleiterin beim Hamburger Logistikunternehmen Still, nicht entscheidend. Morelli stellt ein, wenn sich der Bewerber für den konkreten Arbeitsplatz eignet. "Wichtiger als der Titel sind für uns die Fähigkeit, sich schnell in neue Sachverhalte einarbeiten zu können, umfassendes Systemdenken und ein sehr gutes Kommunikations- und Teamverhalten." Die Qualifikation aus dem Studium sei lediglich die Grundlage, "denn Berufseinsteiger lernen noch ganz viel bei uns", sagt sie. Die Aufstiegschancen seien für alle Absolventen gleichermaßen gut.

Alexander Fay ist Professor für Maschinenbau an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Er sagt: "Aufgrund der Marktentwicklung sind Bachelorabsolventen momentan sehr attraktiv." Aber er sagt auch: "Würde es einen konjunkturellen Umschwung geben, sind sie die Ersten, die nach dem Studium auf der Straße stehen würden." Wobei ja auch gerade das die Stärke der Reform ist, denn dann können die Betroffenen weiterstudieren und sich im Master höherqualifizieren – mit wiederum hervorragenden Berufsaussichten. Fay ist sich sicher: "Die 100000 Ingenieure, die die Industrie begehrt, sind Masterabsolventen, die für den Standort Deutschland neue Produkte entwickeln können. Uns fehlt der Forschungsnachwuchs."