Chengdu/Peking - Zhong Ming ist ein reicher Kunstsammler in Chengdu, der Hauptstadt der westchinesischen Provinz Sichuan. Er ist ein mondäner, etwas selbstverliebter Typ mit hohem Ansehen in der Künstlerszene, das bis nach Peking reicht. Viele seiner antiken Schätze hat er bei Ausgrabungen in den jetzt vom Erdbeben zerstörten Berggegenden von Sichuan erstanden. Jetzt liegen die wertvollen, jahrhundertealten Steinfiguren, die er auf den drei Etagen seines City-Penthouses sorgfältig aufgestellt hatte, in Stücke zerbrochen vor ihm auf dem Fußboden. Keine von ihnen ist beim Erdbeben stehen geblieben, nur ein wertloser Buddha aus Porzellan kippte nicht um. Zhong, der frisch frisiert und in Outdoor-Kleidung dasteht, ist wütend. Er weiß natürlich, dass er jetzt nicht über seine Verluste klagen kann, während dort, wo er sonst auf Schatzsuche geht, die Opfer immer noch unter Trümmern verschüttet liegen. Also schimpft er auf die falsche Entwicklungspolitik in China. »Man kann sich jetzt nicht verkneifen, an den Drei-Schluchten-Staudamm zu denken«, sagt Zhong. Seine Worte klingen wie die eines aufgeklärten westlichen Skeptikers.

Zhong führt die Besucher auf seine Dachterrasse. In diesem Augenblick bebt die Erde erneut, mit Stärke 6 auf der Richterskala – eines jener Nachbeben, die die Arbeit der Rettungshelfer im Katastrophengebiet so ungeheuer erschweren. Zhong hält sich an der Balkontür fest, drinnen rutschen Stühle und Tische hin und her. Dann ist der Schrecken vorbei und Zhong eilt zum Fernseher. Er wartet auf die Nachrichten über das Nachbeben, sie kommen fünf Minuten später, bis dahin hat er die Bilder verfolgt, die in diesen Tagen alle in China sehen: Opfer über Opfer, dazwischen zwei Politiker, Präsident Hu Jintao und Premierminister Wen Jiabao. Im Fernsehen eilen sie von Trümmerhaufen zu Trümmerhaufen, von Rotes-Kreuz-Zelt zu Rotes-Kreuz-Zelt. »Wen hat Tränen in den Augen. Der macht das nicht zur Show«, meint Zhong. Ansonsten traut er den Medien nicht. »Es gibt noch viele abgelegene Dörfer, über die niemand redet«, sagt er. Er vermutet, dass die Opferzahl bei 80000 liegt, viel höher als die 50000, die bisher die Regierung nennt. Er ringt mit dem Eindruck der Fernsehbilder. Er kommt schließlich doch nicht umhin, Peking zu loben: »Die KP hat diesmal schnell reagiert und keine Fehler gemacht«, sagt Zhong.

Es ist die erste Staatstrauer, die keinem KP-Führer gilt

Wenn aber schon Leute wie er ihre Kritik an der Partei einstellen, dann muss das Beben in China auch ein politisches sein. Dann stehen diesmal womöglich wirklich alle Chinesen hinter der Partei. Es wäre ein historisches Novum. 1949, bei der Gründung der Volksrepublik, war das Land noch voller Anhänger der im Bürgerkrieg unterlegenen Kuomintang-Nationalisten. 1966, beim Ausruf der Kulturrevolution, war die Parteiführung gespalten. 1989, im Zuge der Studentenrevolte, wehrte sich ein großer Teil des Volkes gegen die Partei. An diesem Montag aber herrscht Staatstrauer in China. Für die Opfer des Bebens. Es ist die erste Staatstrauer in der Geschichte der Volksrepublik, die nicht einem verstorbenen KP-Politiker gilt. Und zum ersten Mal scheint das riesige Land mit seinen 1300 Millionen Menschen geeint zu sein, Dissidenten inklusive.

Eng stehen die Massen für eine gemeinsame Trauerminute auf dem Tiananmen-Platz in Peking zusammen. Es sind Zigtausende. Sie schreien keine politischen Slogans, sie wehen nicht einmal mit roten Fahnen. Sie rufen nach der Schweigeminute nur: »Gib nicht auf, China! Gib nicht auf, Wenchuan!« Nach der kleinen Bergstadt Wenchuan im Epizentrum des Erdbebens. Das ist kein organisierter Nationalismus, sondern spontane Anteilnahme. In ganz Peking steht am Nachmittag zur genauen Uhrzeit des Bebens der Verkehr still. Bauarbeiter legen ihre Schaufeln nieder, Hoteljungen stehen stramm, die Fußgänger halten inne. Nur ruhig wird es nicht: Alle Autos hupen. Am Morgen hatte die Pekinger Wochenzeitung The Economic Observer einen Traueraufruf veröffentlicht: »Wenn das Schicksal diese Katastrophe vorherbestimmte, dann sollten wir Mut und Zuversicht zeigen und uns vom Schmerz stählen lassen, damit wir gelassener und zäher werden. Streckt eure Hände aus, lasst uns gemeinsam durchhalten.« Nur diese Worte auf der Titelseite der Zeitung. Sie sprechen von einem propagandafernen Einheits- und Solidaritätsgefühl, das es in China bisher so nicht gab.

Der Premierminister scheute die persönliche Gefahr nicht

Versteht man das im Westen? Ausgerechnet am Tag der Staatstrauer in China wird in Berlin vor großer Kulisse am Brandenburger Tor der Dalai Lama empfangen. »Die Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Der Dalai Lama steht für den gewaltfreien Weg hin zu diesem Ziel«, sagt Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. Es soll wahrscheinlich heißen: In China gibt es weder Demokratie noch Menschenrechte. Deshalb unterstützen die Berliner den Dalai Lama in seinem Kampf gegen die chinesische Herrschaft über Tibet. In China wird man es so verstehen, als sei Wowereit und vielen anderen deutschen Politikern die Unterstützung für die Anliegen der Tibeter auch an diesem Tag wichtiger als die Trauer um die chinesischen Erdbebenopfer.

Dabei berichten die Medien in der Volksrepublik seit dem Erdbeben so frei wie nie zuvor, und der Staat funktioniert eindrucksvoll. Peking reagierte schneller als zuvor Tokyo und Washington auf ähnliche Katastrophen – jedenfalls, wenn man den prompten persönlichen Einsatz der politischen Führung zum Maßstab nimmt. Zweieinhalb Stunden nach dem Beben war Premier Wen Jiabao im Flugzeug unterwegs nach Dujiangyan, der am schlimmsten betroffenen Großstadt. Nach dem schweren Erdbeben in der japanischen Hafenstadt Kobe im Jahr 1995 brauchte der Tokyoter Premierminister Tomiichi Murayama zwei Tage, um sich vor Ort zu zeigen. Noch viel mehr Zeit verging, bis der amerikanische Präsident George W. Bush die Opfer von Hurrikan Katrina im Sommer 2005 in New Orleans besuchte. Er war erst nur im Flugzeug über das Katastrophengebiet geflogen – ohne zu landen. Wen dagegen dirigierte die Rettungsmaßnahmen in Dujiangyan zur Zeit der größten Nachbebengefahr. Diesmal zahlte sich das wolkige kommunistische Prinzip der Volksnähe für die Betroffenen aus.