Bloß gut, dass die Erde keine Scheibe ist. Stellen wir uns vor, sie wäre es doch, und es wäre ein sonniger Sommersamstagnachmittag. Überall versammelten sich Menschen um eine Vorrichtung, die aussieht wie ein Opferaltar. Fleisch brutzelte über der Glut: Schweinenacken, T-Bone-Steaks, dicke, dünne, lange Würste, Hühnerkeulen, Ziegen, Schweine, Hammel, Ochsen. Auch mal Fisch, ein Meerschweinchen, ein Stück Känguru. Und überall stiege der unverkennbare Geruch gen Himmel, der entsteht, wenn Fleisch verbrennt und Fett in die Glut tropft. Die Welt wäre die Hölle an jedem Sommersamstagnachmittag.

Zum Glück aber ist die Erde eine Kugel, die sich dreht, sodass der Rauch sich gerecht über den Globus verteilt, über Zeit und Raum. Und die Stürme, die nicht zuletzt durch diese Drehung entstehen, tun ein Übriges, um die Luft wieder rein zu machen. Der männliche Teil der Menschheit hätte, wäre die Erde eine Scheibe, nur halb so viel Freude im Leben.

Wo immer nämlich auf der Welt gegrillt wird, ist das Männersache. Auch wenn der deutsche Mann in der Küche sonst höchstens das gekühlte Bier findet – seine Grillzange lässt er sich nie aus der Hand nehmen. Der Italiener legt den lardo auf den Rost, der Amerikaner zelebriert sein barbecue, der Australier sein barbie, der Argentinier sein asado, der Südafrikaner den braai. "Lass die Finger von der Frau und dem Feuer eines anderen Mannes", sagt ein Sprichwort aus dem Süden des Schwarzen Kontinents, "vor allem aber von dem Fleisch, das er gerade brät!" Wenn sie grillen, verstehen Männer keinen Spaß.

Sicher: Manchmal sieht man auch Frauen am Rost. Am Strand von Koh Samui balancieren sie ein komplettes Grillrestaurant an einer Stange auf den Schultern, links hängt der Grill, rechts eine Etagere mit den Zutaten, und dann bereiten sie für halb nackte Touristen à la minute Saté-Spießchen zu, für ein paar Baht. Ganz, ganz selten stehen auch in unseren Breiten Frauen am Grill, dann sind sie aber gleich zu dritt oder zu viert, haben sich die albernen Grillschürzen ihrer Kerle umgebunden und schon ein bisschen zu viel getankt. Frauen am Grill, das hat immer etwas von Ärmlichkeit – oder von Frauenfußball.

Fürs Fleisch nämlich, aber mehr noch fürs offene Feuer, waren immer schon die Männer zuständig. Schließlich hat Prometheus das Feuer vom Himmel geholt (und nicht eine schaumgeborene Schönheit), damit es den Menschen von den Tieren unterscheide. Oder so.

Klaus E. Müller, emeritierter Professor für Völkerkunde an der Universität Frankfurt am Main, weist in seinem Werk Nektar und Ambrosia – Ethnologie des Essens und Trinkens (Verlag C. H. Beck) darauf hin, dass der Mensch den Großteil seiner Geschichte, nämlich rund drei Millionen Jahre, in Sammlerinnen- und Jägerkulturen verbrachte. Das heißt: Der Mann jagte – und hätte einen Teufel getan, die Zubereitung des Mammutsteaks seiner Frau zu überlassen. Die war nämlich fürs Sammeln zuständig: Beeren, Früchte, Blätter, Kräuter, Eier, Pilze. Drei Millionen Jahre Erfahrung kann man eben nicht so einfach über Bord werfen. Und klar dürfte jetzt auch sein, warum Frauen heute noch so gern den Salat mitbringen, wenn es ans Grillen geht.

Auch eine Frau forscht übers Grillen: Nina Degele, Professorin für Soziologie und Geschlechterforschung an der Universität Freiburg, Kann es ein Zufall sein, dass sich in ihre Aussagen ein vorwurfsvoller Ton einschleicht? "Wer Feuer macht", sagt sie, "steht in der Sozialhierarchie ganz oben." Und: "Männer tun eher Dinge draußen, die sichtbar sind. Das ist prestigeträchtiger als die Arbeit hinter Fenstern und Türen." Soll heißen: Wenn es ums Aufräumen geht und um den Abwasch, sind die Kerle verschwunden. Na ja.

Interessant, wie solch tendenziöse Wissenschaft in die Breite wirkt: In Kaiserslautern kam es am Pfingstsamstag zu einem Zwischenfall. Da hatten zwei Männer auf ihrem Balkon einen Grill aufgebaut und wollten der Glut mit Benzin nachhelfen. Es gab eine Stichflamme, ein Kanister fiel zu Boden, brennendes Benzin troff vom Balkon auf ein geparktes Auto (es gehörte einem der Grillmeister). Zum Schluss brannten drei Autos lichterloh, es entstanden ein Schaden von 30.000 Euro und ein Polizeibericht, in dem es unangemessen hämisch heißt: "Ob die Beteiligten in ihrem Leben nochmals grillen wollen, ist nicht bekannt." Wir müssen annehmen, dass dies eine Polizeibeamtin geschrieben hat, die von der wahren Natur des Mannes nicht viel versteht.