Früher war das so: Ein weißer Brief aus Büttenpapier schwebte herein, der Blick des Empfängers verlor sich in der Ferne, voller Vorfreude auf einen schönen Tag. Heute schweben Hochzeitseinladungen nicht mehr, sie sind nämlich mit einem Küchenmagneten beschwert. Aufschrift: "Save the date". Als routinierter Gast holt man jetzt Kalender und Urlaubsantrag raus, denn date heißt in der Sprache der wedding planner: mindestens ein verlängertes Wochenende.

Wir erleben ein hochzeitliches Wettrüsten. Sieger ist, wer größer, länger, weiter weg heiratet. Nur so ist es zu erklären, dass neuerdings fast jede Hochzeit auf das Ausmaß einer Tom-Cruise-Vermählung aufgeblasen wird und drei bis vier Tage dauert.

Die neue Bürgerlichkeit führt dazu, dass Kinder nach deutschen Kaisern benannt werden, und sie macht auch vor dem schönsten Tag im Leben nicht halt. Das private Glück ist zum höchsten Gut geworden und muss – kurios eigentlich – unbedingt öffentlich gewürdigt werden. Man will zeigen, was man hat, emotional und materiell. Paare heiraten später, der durchschnittliche Mann mit 37 Jahren, die Frau mit 33. Sie haben schon etwas erreicht im Leben und wollen das auch demonstrieren. Wer einfach um die Ecke feiert, der scheint es nicht geschafft zu haben.

Das Paar, das auf sich hält, macht aus seiner Hochzeit ein Event. Ist ein Gut nicht gut genug, wird gleich ein Schloss gewählt. Und weil wir ja überall auf der Welt zu Hause sind, vermählt man sich an der Côte d’Azur, auf Elba oder Formentera. Zur Not tut es auch ein Landgut in Niederbayern oder im Mecklenburgischen. Hauptsache, der Ort ist von keiner deutschen Großstadt aus in weniger als fünfeinhalb Stunden zu erreichen.

Aber wir freuen uns ja erst mal sehr und steigen in die Reiseplanung ein. Glücklich, wer vom Brautpaar an die Hand genommen und mit einer Liste der örtlichen Bleiben versorgt wird. Die Einladenden schätzen nämlich zunehmend engagierte Gäste. Unter dem Hinweis "Unterkunft" steht in der zeitgenössischen E-Mail-Einladung: "Infos zur Übernachtung findet Ihr bei www.booking.de oder www.hotels.de." Vielen Dank, wir recherchieren auch privat gerne im Internet. Wir haben ja sonst nichts zu tun.

Davon geht das moderne Brautpaar offensichtlich aus. Natürlich, da treffen zwei Menschen eine Lebensentscheidung und möchten, dass die ganze Welt drei Tage lang innehält. Vielleicht feiern einige auch vorsorglich gegen die Unheil verkündende hohe Scheidungsrate an. Wenn schon die Ehe nicht ewig dauert – derzeit im Schnitt 13,7 Jahre –, dann wenigstens die Hochzeit. Und da der Freundeskreis heute zum Großfamilienersatz geworden ist, soll er nach Möglichkeit gesammelt anreisen.

Wer andeutet, dass Sizilien in diesem Sommer nicht ganz auf der Reiseroute liege, weil man eigentlich einen Skandinavien-Urlaub geplant habe, stößt deshalb auf wenig Verständnis. Vor allem Gastgeber, die selbst gerne Verabredungen mit der Begründung absagen: "Du, das ist mir heute echt zu weit", reagieren extrem uneinsichtig, wenn man dieses Argument bei ihrer Hochzeit anbringt. Im Idealfall kommt dann der Vorschlag, man könne gerne auch länger in Taormina/Sevilla/der Camargue Ferien machen. Eine Liste der örtlichen Hotels finde man problemlos im Internet.