Was ist Literatur? Bevor wir die Lexika befragen, fahren wir lieber nach Marbach. Das ist ein nettes Städtchen am Neckar und wäre nicht der Rede wert, wäre nicht Schiller hier geboren, was insofern unübersehbar ist, als oben auf dem Hügel sein Denkmal und das 1903 errichtete Schiller-Nationalmuseum stehen. Daneben (in der Hauptsache: darunter) liegt das Deutsche Literaturarchiv, das seinesgleichen sucht. Man muss sich dieses Archiv als ein riesiges Bergwerk vorstellen, dessen Gänge und Stollen tief in den Neckarhang hineingetrieben wurden.

Oben also der weit ins Land schauende Dichterfürst von nationaler Dimension, unten die lichtscheuen Magazine mit ihren Millionen von Büchern, Briefen, Handschriften, Zetteln und Lebenszeugnissen. Sie enthüllen das dunkle Treiben der Sinnsucher in den Wüsteneien des Daseins, der Entdeckungsreisenden im Dickicht der Seele.

Und schon haben wir die zwei Seiten der Literatur: ihre staatstragende oder staatskritische, mithin öffentliche Funktion und ihre unsichtbare, unterminierende, oft verstörende. Einerseits gibt es den Schriftsteller als Agenten ohne Auftrag, der die eigene, oft schmerzliche Sache verfolgt und damit nicht selten die von uns allen; andererseits den erzieherisch tätigen Seher und Mahner, der sich in den Dienst einer moralischen Idee stellt.

Schiller zum Beispiel. Seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795) sind eine wahrhaft beflügelnde Schrift mit weltverbessernder Absicht. Der Philosoph Odo Marquard hat einmal bemerkt, Schiller habe "das politische Scheitern ästhetisch überlebt". Dies in der Tat war die große Idee der deutschen Klassik und Romantik: den politisch zugemauerten Horizont mit der Kraft der Fantasie aufzubrechen – "tatenarm und gedankenvoll", wie Hölderlin kritisch bemerkt hat. Aber was für Gedanken! Auch Ideen können Taten sein.

Der Entzauberung des Menschheitsprojekts, das man in der Französischen Revolution zunächst erblickt hatte, folgte nun die Verzauberung der Welt mit den Mitteln der Poesie. Eichendorff hat diese Chance ein für allemal in seinem Gedicht Wünschelrute festgehalten: "Schläft ein Lied in allen Dingen, / die da träumen fort und fort. / Und die Welt hebt an zu singen, / triffst du nur das Zauberwort."

Aus der romantischen Idee entstand die Nationalliteratur

Es war aber die romantische Idee, die damals ganz Europa ergriff, mehr als nur ein Handlungsersatz. Wenig später beschleunigte sie die Entstehung der Nationalliteraturen, und ähnlich wie Schiller in den Augen der Deutschen die Kulturnation begründete, geschah es mit Puschkin und Russland, mit Mickiewicz und Polen, mit Manzoni und Italien – um drei Beispiele aus der romantischen Epoche zu nennen.