Als Paul Weller eines Nachts mal wieder betrunken ins Taxi stieg, drehte sich der Fahrer zu ihm um und sagte: "Sie sind doch Paul Weller, nicht wahr? Ich liebe Ihre Musik." – "Ist das so?", fragte Weller schneidend zurück. "Wenn Sie meine Musik wirklich so sehr mögen, dann nennen Sie mir den Titel eines einzigen meiner Lieder. Gelingt Ihnen dies, so will ich es für Sie singen." – "Furchtbar einfach", antwortete der Mann in die aufkommende Ungemütlichkeit der Situation hinein, "wie wär’s mit You’re The Best Thing?" Und so geschah es, dass einem Londoner Taxifahrer zu nachtschlafener Zeit ein Privatständchen zuteil wurde.

Die Episode – festgehalten ist sie in Paolo Hewitts aktueller Biografie The Changing Man – sagt einiges über Wellers Verhältnis zum Ruhm aus. Es ist, vorsichtig ausgedrückt, schwierig geblieben. Längst hat der Arbeitersohn aus dem Provinzstädtchen Woking alles erreicht, was man in seinem Metier erreichen kann. Das Volk grüßt ihn auf offener Straße, die Granden des Britpop akzeptieren ihn als ihresgleichen, und den Kamin seines Hauses im schicken Londoner Westend ziert ein Lifetime Achievement Award. Am kommenden Sonntag feiert er seinen Fünfzigsten, was nicht nur die Inselpresse zum Anlass nehmen wird, reihum ihren Salut zu entbieten. Man sollte meinen, so viel Anerkennung wäre Grund genug, eine gewisse Milde in Umgang und Habitus an den Tag zu legen. Doch sich einfach nach hinten zu lehnen auf der Rückbank des Lebens ist einem Paul Weller nicht gegeben.

Weller gehört zu denen, die sich ungern etwas schenken lassen. Wenn es sich partout nicht vermeiden lässt, schenkt er umgehend zurück. Auch im fortgeschrittenen Alter ist er ein leicht entflammbarer Charakter geblieben, der missliebige Kritiker gern mit Verachtung straft, und selbst ernannten Freunden erst einmal auf den Zahn fühlt. Ehrungen sind so einem etwas Schönes, doch fallen sie zu reichlich aus, könnte dies bedeuten, dass interessierte Kreise ihn kaltstellen wollen. Weller, mit anderen Worten, hat das Hadern mit sich und der Welt zur Produktivkraft erhoben. Insbesondere abends im Pub, wenn geistige Getränke das ohnehin reizbare Temperament beflügeln, passiert es regelmäßig, dass sein Jähzorn emporzüngelt. So erst unlängst wieder, als ein Schreiberling es wagte, den Wellerschen Spätstil "claptonesk" zu nennen. "Die Explosion war meilenweit zu hören", schreibt Hewitt.

Weller ist eine Institution wie der FC Chelsea oder die Queen

22 Dreams hat er sein jüngstes Album genannt, eine Platte wie eine Geburtstagstorte. Zunächst nur so viel: In Schichten findet sich hier alles, was Weller-Alben von Beginn an auszeichnet, vom Punk-inspirierten Krach, den er mit seiner Band The Jam in frühen Jahren veranstaltete, über den Kaffeehauspop der Achtziger bis hin zu den Soul-, Prog- und Powerrock-Exegesen seiner Phase als freischaffender Solokünstler. Inhaltlich geht es ums Suchen und Finden, um Anfang und Ende, um rauschende Nächte und die Zweifel eines Christenmenschen, sogar eine Zwiesprache mit Gott ist vertreten. In seiner Summe ergibt das nicht nur ein Statement gegen den unerbittlich voranschreitenden Lauf der Zeit, wir erleben ein spätes Zeugnis des ausgestorben geglaubten Genres Konzeptalbum. Soll keiner sagen, der Jubilar habe sich auf seinen Lorbeeren ausgeruht.

Nötig wäre dies, wie gesagt, nicht gewesen, auch ohne aktuelle Großtaten sind seine Verdienste unbestritten. Paul Weller, das ist eine britische Institution wie der FC Chelsea, Westminster Abbey oder die Queen. Mit Letzterer verbindet ihn ein Dasein als Ikone des insularen Cool: Jede seiner Stilentscheidungen wird öffentlich diskutiert wie sonst nur die Hutmode in Ascot, und der berühmte Weller-Mop gilt zu Recht als Mutter aller Britpopfrisuren. Mit Ersterem teilt er eine Verehrung seitens seiner Anhänger, wie man sie bevorzugt in der Welt des Fußballs findet. Weller-Fan zu sein bedeutet nicht, eine Geschmacksentscheidung zu treffen, man wird es schicksalhaft und bleibt es dann ein Leben lang. Das legt fest, beruhigt aber auch. Mögen die Gladiatoren kommen und gehen, Eigenschaften wie Treue und Beständigkeit bleiben Werte in einer sich wandelnden Welt.