Wie stirbt ein Theater? Mit Operettenschwung und guter Laune. Am Landestheater in Eisenach wird die Oper abgewickelt, die Politiker haben es beschlossen. Eisenach ist der vorerst letzte Theatersterbefall in den neuen Bundesländern. Die zwölf Sängersolisten sind gekündigt, das Orchester wird in Zukunft mit 24 Leuten nur noch Musicals und Tanzabende begleiten, einen Chor gibt es längst nicht mehr. Zum Ende aber haben sich die Eisenacher noch eine Fledermaus von Johann Strauß geleistet. Es gibt Gratissekt als Schierlingstrunk für alle Gäste. Den Chor bilden Bürger der Stadt und Studenten. Und Rosalinde und Alfred singen ihr Duett: "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist."

Vor zwei Jahren hat die Regierung von Thüringen einen Sparbeschluss von zehn Millionen Euro über die Theater und Orchester des Landes verhängt. Manche Institutionen haben mit Erfolg dagegen angekämpft. Auch für Eisenachs Theater setzten sich Prominente ein, die Berliner Philharmoniker etwa, der Regisseur Peter Konwitschny, und doch hat es dieses Haus am schlimmsten getroffen. Es ist keine Renommieradresse wie das Meininger Theater, dessen Anhängsel Eisenach künftig sein wird. Der schmucke kleine Bau des Landestheaters wird zwar nicht im Erdboden versinken. Aber er wird kein Herz mehr haben, wenn es Oper nur noch als Import gibt.

Michiel Dijkema, der Fledermaus- Regisseur und Bühnenbildner, hinterfragt nicht viel. Hübsch dekoriert er den Untergang, zeigt den Deckenschmuck und den Leuchter des Zuschauerraums als edle Trümmer auf der Bühne. Der Intendant Michael Schlicht, der bald kein Intendant mehr sein wird, bewegt sich auf seiner letzten Premiere wie der Kapitän der Titanic: "Wir arbeiten hier auf das Ende zu." Und der Gefängniswärter Frosch macht im dritten Akt Anspielungen auf die Landesregierung, die vom Publikum dankbar weggelacht werden: Nur nicht mehr kämpfen müssen… Die Eisenacher feiern ein fideles Begräbnis, auch Untergänge können identitätsstiftend wirken. Ergebene Haltung, erhobenes Haupt – so paradox ist die Stimmung hier.

Im harmlosen Wirrwarr der Inszenierung fallen die skurril pointierten Aktionen der kleinen Tanzcompagnie sofort auf. Unter Tomasz Kajdanski hat sie überregionalen Ruf errungen. Sie wird nicht abgewickelt. Na bitte, könnten die Politiker sagen, die Kürzung taugt doch als Evolutionskick fürs Überleben der Besten! Aber zur Kultur gehören nicht nur die Gipfel. Das Tanzensemble hat sich an diesem Haus entwickelt, als es noch intakt war. Und ein Orchester, das so animiert spielt wie die Landeskapelle unter Tetsuro Ban, schreit wahrhaftig nicht nach Abwicklung.

Die Stadt Eisenach hätte dieses Ende verhindern können wie andere Städte, die von sich aus den Etat ihrer Häuser beibehielten oder gar aufstockten, während man im touristisch boomenden, frisch gepflasterten, mit bester Infrastruktur versehenen Eisenach den Landeskürzungen folgte und selbst 1,3 Millionen Euro strich. Davon kann man gerade mal 78 Meter Autobahn durch den Thüringer Wald bauen. Musikstadt Eisenach? Schon die Bachs wurden hier erbärmlich bezahlt. Berühmt wurden sie anderswo.

Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Bildergalerien gibt's auf zeit.de/musik "

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier , und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.