Gerade habe ich meine 36. oder 37. Platte aufgenommen, so genau weiß ich das nicht. Aber es gibt für mich noch immer magische Momente, wenn man einen Song zum Leben erweckt, ihn regelrecht zu malen beginnt, man fügt Dinge hinzu, nimmt andere weg, diese Farbe oder jene. Ich habe keine besondere Formel. Nur ein offenes Herz. Hören und "Wow!" sagen. Ich lasse die Musik zu mir kommen. Wenn es gut ist, habe ich das Gefühl: Sie wird bei mir bleiben.

Vor 40 Jahren hatten wir zwei Tonbandspuren und spielten alles direkt ein. Heute sitzen wir vor dem Computer und haben eine Million Spuren. Ich mag die moderne Technik, aber ich brauche immer noch das Piano. Manchmal setzen wir ein Stück aus kleinsten Partikeln zusammen, manchmal spielen wir auch immer noch live. Das ist mir am liebsten. Aber mit der Technik kann man einen Song um die Welt schicken. Der Sänger Juanes zum Beispiel hat seinen Part am Weihnachtstag in Kolumbien aufgenommen. Ich schickte ihm den Song, er schickte ihn mit Gesang zurück. Till Brönner spielte seinen Part mit dem Flügelhorn in Berlin ein. Dann haben wir am Telefon darüber gesprochen. Für ein Solo muss man nicht mehr 14 Stunden im Flugzeug sitzen.

Aufgewachsen bin ich in einer kleinen Stadt namens Niteroi, sie liegt auf der anderen Seite der Bucht von Rio de Janeiro. Damals gab es die Brücke über die Bucht noch nicht. Man musste die Fähre nehmen, um nach Rio zu kommen. Eine Dreiviertelstunde Bootsfahrt. Nach Rio zu fahren war für mich ein großes Abenteuer. Rio war damals noch eine ganz andere Stadt als heute, ruhig und friedlich, man konnte ohne Angst durch die Straßen gehen.

Meine Eltern spielten beide kein Instrument. Ich bin der erste Musiker in der Familie; vielleicht ein verstecktes Gen von irgendwoher. Jedenfalls bekam ich mit sechs Jahren meine ersten Klavierstunden. Mein Vater war Arzt. Damals war es einfach die gesellschaftliche Norm, dass Kinder der Mittelschicht ein Instrument spielten. Natürlich klassische Musik. Zunächst passierte nicht viel. Ich mochte die Klassik, aber ich glaube, ich habe einfach nicht genug geübt. Mit 14 Jahren hörte ich zum ersten Mal Dave Brubeck. Diese Musik veränderte mein Leben. Mit 17 Jahren begann ich, regelmäßig in der Bottles Bar in Copacabana aufzutreten, einem Club, wo Musiker herumhingen und Sessions spielten.

Ich lernte Antonio Carlos Jobim und João Gilberto kennen, die damals begannen, brasilianische Musik und Jazz zu verbinden. Als ich 21 Jahre alt war, stand ich mit beiden auf der Bühne der Carnegie Hall in New York. Ich traf Stan Getz und Dizzy Gillespie. Später habe ich dort mit Frank Sinatra gespielt, oft auch allein. Aber beim ersten Mal war ich unglaublich aufgeregt. Ich dachte, ich träume. Gerade war ich noch in Niteroi, und jetzt bin ich in New York? Das ist nicht wahr. Aber das war es. Und ich begriff, dass es kein Traum war, sondern mein Leben.

Musik ist ein sich permanent erweiterndes Universum, und für mich besteht die Herausforderung darin, immer neue Bereiche zu entdecken. Dadurch ist die ganze Welt mein Zuhause. Gerade bin ich über Japan nach Paris gekommen. Morgen geht es weiter nach London und dann nach Bahia. Ich bin zwei Monate lang unterwegs. Ich freue mich schon jetzt darauf, wieder nach Hause zu kommen.

Wenn ich sage: Ich fahre heim, dann meine ich Los Angeles. 1964 gab es in Brasilien einen Militärputsch. Es wurde sehr schwierig, dort zu leben. Ich ging nach Los Angeles, weil mein Freund Herb Alpert dort sein Studio und seine Plattenfirma hatte. Schließlich blieb ich.