Der alte Kommissar. Hans Brendel passte gut in einen dieser Filme, die man sich immer wieder gerne anschaut: wenn ein pensionierter Ermittler noch mal ranmuss, für einen allerletzten Fall reaktiviert wird. Jemand würde in den Münchner Stadtteil Oberföhring fahren, in dem Mietshaus dann hoch in den fünften Stock und schließlich auf der Couch sitzen in der kleinen Wohnung, um Brendel zu überreden. Komm, Hans, wir brauchen dich. So wäre es im Film. Weil sich einer erinnerte, dass dieser Brendel jahrelang der Beste in Sachen Korruptionsjagd war.

Im richtigen Leben sitzt Hans Brendel, Kommissar a. D., auf dieser Couch in seiner Einzimmerwohnung und schnäuzt sich. Heuschnupfen. Erster Eindruck: unscheinbarer Typ, Cordhose, Hemd, Brille, leichte Knollennase, ein Jedermanngesicht. Brendel, mittlerweile knapp 70 Jahre alt, sagt, er habe eigentlich schon erwartet, dass sich in seinem Ruhestand einige melden würden bei ihm, Behörden, private Firmen beispielsweise, um zu profitieren von seiner Erfahrung, seinem Wissen, »doch niemand kam, nix, gar nix«. Brendel lacht. Nicht dass ihm langweilig ist, nein, er beschäftigt sich mit Goethe, ist Geschäftsführer des Ortsvereins München der Goethegesellschaft, er hat sogar zu studieren angefangen, Philosophie, Geschichte, Literatur. »Ich möchte ran ans wissenschaftliche Denken. Ich möchte verstehen, nach welchen Gesetzen das abläuft.«

Apfelschorle steht auf dem Tisch. An den Wänden Bücherregale, die meisten Bücher sind von oder über Goethe, darunter einige besondere Gesamtausgaben. Ein Bügelbrett ist aufgebaut, ein Fernseher ist da, auch ein Schreibtisch mit Computer, hinten im Eck ein großes Bett, ein paar Familienbilder. Gibt es in dieser Wohnung irgendeine Spur, die an den Kriminalkommissar erinnert? Brendel lacht wieder kurz. Oft macht er das, und dann schweigt er, als wäre dieses kurze Lachen ein Übergang zum Nachdenken. Er blickt sich um, sein Blick wandert durch den Raum. »Nix«, sagt er, »nix ist mehr da vom Kriminalkommissar.«

Er steht auf, kramt in Schubladen herum, er findet ein Polizeiabzeichen. Brendel sagt, irgendwo müsse diese Collage sein, die ihm seine Kollegen zum Abschied geschenkt haben, bestehend hauptsächlich aus den unzähligen Zeitungsschlagzeilen, für die Brendel und seine Leute mit ihrer Ermittlungsarbeit gesorgt hatten. Er erzählt von seinem Ausstand. Einen Bauernhof hatte er gemietet, 170 Leute waren gekommen, fast alles Polizisten, auch einige Staatsanwälte, »aber nur die guten«. »Gut« bedeutet mutig, Menschen, die nur nach dem Gesetz handeln und sich nicht einschüchtern lassen von der Prominenz eines Verdächtigen.

In dem VW Bus der Fahnder stapelten sich die Akten bis unters Dach

Brendel erwähnt, dass einer seiner Polizeikollegen nicht mehr dabei gewesen sei, »einer der besten Ermittler«, der hatte sich umgebracht, Gehirntumor, »er hatte wahnsinnig Angst, er wird verrückt«. Aber ein anderer war da, ein langjähriger Weggefährte. »Der spricht breites Niederbayerisch, so breit, dass ihn alle immer unterschätzt haben, vor allem die Großen, die Bosse. Die dachten, na, der wird uns ja bestimmt nicht gefährlich. Gerade deswegen konnte keiner besser verhören als er. Am Ende haben sich viele gewundert.« Sehr sentimental sei diese Feier gewesen, erinnert sich Brendel, »heulen hab ich müssen. Es waren alles meine Leute. Und wir waren gut.«

Brendels Metier waren die Wirtschaftsstrafsachen, wo die Polizeiarbeit besonders kompliziert und mühsam ist. Manchmal fuhren sie mit einem VW Bus herum, in dem sich die Aktenordner bis unters Dach stapelten, wenn es wieder Durchsuchungen gegeben hatte bei Siemens und anderen, damals bei der großen Klärwerksaffäre Anfang der Neunziger. Die Beamten pflegten einen bestimmten Rhythmus: Montag bis Donnerstag wurde durchsucht und verhaftet, danach wurden zwei Wochen lang die Akten ausgewertet, die Festgenommenen verhört. Dann ging es in die nächste Runde.