Der Markt treibt zuweilen merkwürdige Blüten. Vor knapp drei Wochen verkündete der saudi-arabische Ölminister, das Königreich mit den weltweit größten Erdölreserven werde fortan jeden Tag 300.000 Fass mehr aus dem Boden pumpen. 300.000 Fass à 159 Liter sind zwar nicht wirklich viel, verglichen mit dem Öldurst der Welt. Es entspricht aber beispielsweise der Menge, die Kanada und Iran im vergangenen Jahr zusätzlich auf den Markt brachten. Die Ankündigung des saudischen Ministers hätte also den Ölpreis drücken müssen, wenigstens ein bisschen. Er machte aber einen Sprung: von rund 123 Dollar auf mehr als 135 Dollar.

Mehr als 10 Dollar mehr binnen weniger Tage – normalerweise lassen nur Kriege oder Revolutionen den Ölpreis in so kurzer Zeit dermaßen in die Höhe schießen. Nun brach aber weder ein Krieg aus, noch gab es eine Revolution. Warum wurde das Öl trotzdem so teuer? Weil der Markt der saudischen Ankündigung einfach nicht glaubte, sagt Christof Rühl, Chefvolkswirt in der Londoner Zentrale des Energiemultis BP. Oder weil er ihr doch glaubte, aber Zweifel daran hatte, dass die angekündigte Fördererhöhung ausreichend ist.

Oder spielt der Markt einfach verrückt? Sind die Rohstoffhändler und -spekulanten so nervös geworden, dass sie die Preise beim kleinsten denkbaren Anlass in die Höhe jagen?

Viele Beobachter der Energiemärkte sehen es so wie der Energieforscher Josef Auer von Deutsche Bank Research: Im Drehbuch der Energiewirtschaft werde gerade »ein völlig neues Kapitel aufgeschlagen«. Daniel Yergin, Chef eines US-Forschungsinstituts und bisher für seine überaus optimistischen Ölpreisprognosen bekannt, spricht inzwischen von einem »vierten Ölschock«. Die ersten drei waren die Ölkrisen in Folge des Jom-Kippur-Krieges (1973), der Revolution im Iran (1979) und des Golfkrieges (1990). Selbst die Internationale Energie Agentur (IEA), Anfang der 1970er Jahre mit dem Auftrag gegründet, die Ölversorgung des Westens zu sichern, warnt vor einem »Angebotsengpass«: Schon mittelfristig, bis 2015, könne ein »abrupter, starker Preisanstieg« nicht ausgeschlossen werden, hieß es in ihrem Weltenergieausblick, den sie vor gut einem halben Jahr publizierte.

Die Realität gab der Behörde schneller als gedacht recht. Und während das Öl teurer wurde, ließ die bisher nicht des Alarmismus verdächtige IEA die Alarmglocken noch vernehmlicher läuten. Ungewohnt offen warnte kürzlich ihr Chefökonom Fatih Birol in der Fachzeitschrift Internationale Politik vor einer »Versorgungskrise«, vor »großem Stress«, vor einer unschönen »neuen Weltölordnung«. Für die nächsten Jahre prophezeite er »äußerst enge, turbulente und hochpreisige Ölmärkte«.

In den Industrieländern ist die Nachfrage jetzt geringer geworden

Die Verbraucher in den Industriestaaten haben schon reagiert: Wegen der hohen Spritpreise fahren sie weniger Auto und fliegen weniger. Auch deshalb war die Ölnachfrage der Industrieländer im März 2,8 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Neuere Daten gibt es noch nicht. Zwar ersetzten die Konsumenten das gesparte Öl, täglich rund 1,4 Millionen Fass, teilweise durch Biodiesel und Bioethanol. Für das Geschehen auf dem Ölmarkt ist es aber belanglos, weshalb die Nachfrage sinkt. Dass die Verbraucher sich zurückhalten, hätte den Preisanstieg bremsen müssen – und wohl auch können, wenn Millionen anderer Verbraucher anderswo auf der Erde es nicht verhindert hätten.