Abdou Hussain Saad Faleh steht auf einer ausgedienten Kiste. Sein Kopf steckt unter einer Kapuze, die sein Gesicht verdeckt. Seine Hände sind mit Drähten verkabelt, die Arme seitlich ausgestreckt. Amerikanische Wächter im US-Militärgefängnis Abu Ghraib fotografieren Faleh im Oktober 2003 in dieser Pose. Auf einem anderen Foto werden Hunde auf Häftlinge gehetzt, auf einem weiteren werden die Opfer gezwungen, sich nackt auszuziehen und eine menschliche Pyramide zu bilden. Mehr als 1000 dieser Fotos gehen im Frühjahr 2004 über Internetforen und TV-Kanäle um die Welt. Sie werden zum Sinnbild des Scheiterns des US-Kriegs im Irak. Am 6. Mai 2004 entschuldigt sich US-Präsident Bush für diese »Missstände«. Wenige Monate später werden die Aufseher, die auf den Fotos zu sehen sind, zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Der amerikanische Regisseur Errol Morris hat die Fotos zum Ausgangspunkt einer filmischen Untersuchung genommen. Er will wissen, was passierte, bevor das Bild geschossen wurde, und was danach geschah. Er versucht, die Geschichte, die dahinter liegt, zu rekonstruieren. »In meinen Filmen gehe ich dem auf den Grund, was die Menschen sind, warum sie tun, was sie tun, mich eingeschlossen«, sagte er einmal in einem Interview. In The Thin Blue Line aus dem Jahre 1988 erzählte er die Geschichte eines angeblichen Polizistenmörders, der zum Tode verurteilt wird. Morris gelang es durch akribische Recherchen, die Unschuld des Täters zu beweisen. Der Film vermischte gekonnt Interviewpassagen und nachinszenierte Sequenzen, für die Morris eine eigenwillige Bildsprache entwickelte. Er stilisierte seine Bilder durch eine expressionistische Lichtgestaltung, zeigte oftmals nur kleine Details. Kritiker stritten damals, ob dieser Film überhaupt dokumentarisch genannt werden dürfte.

In Fog of War , für den er 2003 zu Recht einen Oscar erhielt, erweiterte er seine inszenatorische Bildsprache durch klug komponiertes Archivmaterial. Morris porträtiert in seinem Film Kennedys Verteidigungsminister Robert McNamara. Der Regisseur interessiert sich für den Menschen, der hinter der Entscheidung steht, Hunderttausende von Soldaten in einen sinnlosen Krieg zu schicken.

»Die Kerle haben Informationen. Wir bringen sie zum Reden. Das ist alles.«

In seinem neuen Film Standard Operating Procedure wechselt er nun die Seite. Im Zentrum stehen nicht der US-Verteidigungsminister, nicht die für die Folter verantwortlichen Juristen im Pentagon, auch nicht die kommandierenden Generäle, sondern Soldaten der niederen Ränge – zwei Frauen: Lynndie England und Sabrina Harman. Im Oktober 2003, wenige Wochen nach der Eröffnung von Abu Ghraib, treten sie ihren Dienst als Aufseherinnen an. Sie sehen nackte Männer, an den Händen mit Handfesseln stundenlang an ein Gitter gefesselt, sie hören ihre Schreie. Sie sind fassungslos, wenden sich an ihre Vorgesetzten. Ihnen wird vermittelt, dass alles auf höheren Befehl geschehe, die Gefangenen unterständen dem militärischen Geheimdienst, die Wachmannschaften müssten sie für die Verhöre weichkochen, Fragen seien nicht erwünscht.

Bei Lynndie England setzt sehr bald ein Gewöhnungsprozess an die Gewaltszenarios ein. Sie verliebt sich in ihren Vorgesetzten, einen der Hauptverantwortlichen für die »Behandlungsmaßnahmen«. Und fotografiert, zunächst auf Anweisung, bald auch eigenständig, die Misshandlungen. Nach einigen Wochen quält und demütigt sie die Häftlinge mit offenkundiger Selbstverständlichkeit, wie die Fotos zeigen. Harman hingegen bewahrt sich in den ersten Wochen eine kritische Distanz zu den grausamen Vorgängen. Morris zitiert aus Briefen, die sie in dieser Zeit schreibt: »Der einzige Grund, warum ich an diesem Ort sein will, ist, Fotos zu machen. Ich will beweisen, dass die US-Regierung nicht das ist, was sie nach außen vorgibt zu sein.« Morris zeigt, wie auch sie an einem bestimmten Punkt ihre kritische Distanz verliert. Sie hält die Misshandlungen nach wenigen Wochen für normal und akzeptabel. Die Folter diene der Verhinderung von Anschlägen, bei denen ihre Kameraden verstümmelt oder ermordet werden könnten. Sie schreibt: »Die Kerle haben Informationen. Wir bringen sie zum Reden, das ist alles.« Nachdem ein Gefangener durch CIA-Agenten zu Tode gefoltert worden ist, posiert sie auf einem Foto mit der misshandelten Leiche wie vor einer Trophäe, lächelnd, mit ihrem Daumen ein Siegeszeichen formend.

Morris versucht, die Faktoren für diese »Anpassung« über Interviews einzukreisen. Für ihn geht es nicht um Individuen, sondern um ein System, das Menschen dazu bringt, ihr moralisches Koordinatensystem zu verschieben. Damit liegt er im Trend der sozialwissenschaftlichen Forschung. Christopher Browning hat in seiner Untersuchung einer Polizeieinheit, die im Zweiten Weltkrieg für die Erschießung von Tausenden von Juden verantwortlich war, schon 1998 darauf hingewiesen, dass es sich bei den Tätern um »ganz normale Männer« gehandelt habe. Sie seien aus der Mitte der Gesellschaft gekommen, seien weder Überzeugungstäter noch psychopathologisch in irgendeiner Weise auffällig gewesen. Psychologische oder biografische Erklärungsansätze, warum Menschen dazu in der Lage sind, andere in einer Gruppenkonstellation systematisch zu quälen oder gar umzubringen, würden, so Browning, deshalb in die Irre führen.

Stanley Milgram hatte in seinem legendären Experiment 1962 in Stanford nachgewiesen, dass fast zwei Drittel seiner Probanden bereit waren, einer Versuchsperson einen (vermeintlich) tödlichen Stromschlag zuzufügen, wenn sie von einer Autoritätsperson dazu aufgefordert wurden. Das Entsetzen über die Ergebnisse solcher Untersuchungen überlagert oftmals die Erkenntnis, dass es immer auch Menschen gibt, die sich dem geschlossenen System von Befehl und Gehorsam entziehen. Bei Milgram war es immerhin ein Drittel seiner Probanden, bei Brownings Polizeieinheit ein oder zwei der Einsatzkräfte. Merkwürdigerweise fehlt in der Forschung eine genauere Auseinandersetzung mit der Frage, warum es einigen wenigen gelingt, sich dem »System« zu entziehen. Antworten würde man nur bekommen, wenn man sich in die biografischen Dispositionen dieser Menschen begäbe – sowohl der Täter als auch derjenigen, die sich den Anweisungen widersetzen. Das ist aufwendig, komplex – aber möglicherweise sehr erkenntnisreich. Unterbleibt dieser Ansatz, läuft man Gefahr, in der bekannten Argumentationsschleife gefangen zu bleiben, dass jeder Mensch unter bestimmten Umständen zu jeder Grausamkeit befähigt sei. Auch Morris entkommt dieser Schleife in Standard Operating Procedure nicht.

Zu Beginn des Films lässt der Regisseur die Leiterin des Gefängnisses von einem Besuch erzählen. Der Chef des Gefangenenlagers in Guantánamo Bay kommt im August 2003 im Auftrag des US-Verteidigungsministers nach Abu Ghraib. Das Gefängnis soll »Verhörzentrum« im Irak werden. Den in Guantánamo erprobten Umgang mit Gefangenen bringt er gegenüber der Leiterin auf eine einfache Formel: »Behandeln Sie die Gefangenen wie Hunde.« Binnen weniger Tage wird in Abu Ghraib für Gefangene, die vom militärischen Geheimdienst verhört werden, eine abgeschirmte Station geschaffen. Die in Guantánamo erprobten und vom Pentagon genehmigten Verhörmethoden, die sogenannten Standard Operating Procedures, werden vom ersten Tag an angewendet. Etwa der systematische Schlafentzug durch Anketten der nackten Gefangenen in unbequemen und schmerzhaften Stellungen. Auch das Verkabeln eines Gefangenen mit Drähten, verbunden mit der Drohung, dass er bei der geringsten Bewegung durch Starkstrom exekutiert werde, gilt als Standard Operating Procedure. Morris weist damit nach, dass das Setting für Folter bereits gesetzt ist, als die Soldaten der Wachmannschaften ihren Dienst antreten.

Mehr und mehr werden die Aufseher auch in die Vorbereitung wichtiger »Operationen« einbezogen. Die CIA und andere US-Dienste bringen ihre »Top«-Gefangenen zur Folter nach Abu Ghraib. Einige der Wachleute reagieren mit Stolz. »Wir waren endlich nicht mehr nur die Babysitter.«

Morris gibt den später verurteilten Soldaten sehr viel Raum, sich zu rechtfertigen. Manchmal wirkt sein Film wie ein einziges Plädoyer gegen die Verurteilung der kleinen Täter, die man bestraft hat, um die eigentlich Verantwortlichen unbehelligt zu lassen. Aus dieser Komplizenschaft heraus entgeht Morris die Möglichkeit, bestimmte Rechtfertigungsschablonen der Täter aufzubrechen, die aus anderen Gerichtsprozessen, in denen »normale Menschen« zu Folterern oder gar Mördern wurden, hinlänglich bekannt sind. Auch die Soldaten von Abu Ghraib erklären, sie hätten nur »Befehle ausgeführt«. Andere berufen sich auf äußere Umstände: »Es war eben Krieg.« Lynndie England rechtfertigt die Demütigungen auf ihre Weise: »Wir haben nur das gemacht, was von uns verlangt wurde: eine Zigarette auf der Haut ausdrücken, jemand in Kleidungsstücken kalt duschen, ihn für 72 Stunden schlaflos halten. Wir haben sie nicht geköpft, haben niemand verbluten lassen.« Mit anderen Worten: Was wir getan haben, war doch harmlos.

In gewisser Hinsicht stimmt auch das, wie Errol Morris im Film nachweist. Die Geheimagenten der CIA folterten – im Gegensatz zum Wachpersonal – manche Gefangene zu Tode. Damit war der Rahmen des offiziell Möglichen noch einmal geweitet. Einer der befragten Wachleute bringt das auf den Punkt: »Wenn die das dürfen, dann ist uns doch bis auf Mord alles erlaubt.«

Das Fotoobjektiv dokumentiert diese Vorgänge in Abu Ghraib nicht nur, es produziert auch Wirklichkeit: Viele der Misshandlungen werden nur für die Kamera inszeniert, etwa wenn ein Gefangener mit einer Peitsche um den Hals im Stationsflur »Gassi« geführt wird. Damit die »Spiele« des Wachpersonals nicht langweilig werden, müssen sie eskalieren. Die zur Pyramide aufgeschichteten Gefangenen werden mit Schlägen gezwungen, zu masturbieren. Die Fotos werden vielfach kopiert und wie Souvenirs, auf die man stolz ist, innerhalb der Kompanie verschickt.

Auch Jahre nach der Verurteilung bereut keiner der interviewten Täter die Misshandlungen. Sie schauen mit fassungslosem Unverständnis auf ihre Strafe, erleben sie als Demütigung und Schande. Persönliche Verantwortung übernimmt keiner. Der Regisseur, der an anderen Stellen des Films hin und wieder nachhakt, hinterfragt die Schuldabwehr seiner Protagonisten in keinem Moment.

So wie Morris in The Thin Blue Line die Geschichte eines vermeintlichen Mörders benutzt, um die Ungerechtigkeiten des US-Rechtssystems zu analysieren, versucht er in Standard Operating Procedures die Beschreibungen der Wachmannschaften zur Analyse des »Foltersystems Abu Ghraib« zu benutzen. Für ihn spielt die Biografie der Täter dabei keine Rolle. Folgerichtig interviewt er seine Protagonisten vor einer neutralen Wand. Aufschlüsse, wie die Täter jetzt leben, aus welchen Verhältnissen sie kommen, will der Filmemacher nicht geben. Jegliche Nahsichten fehlen im Film. Sie würden erhellen, warum ein normaler, psychisch unauffälliger Mensch zu einem menschenverachtenden Folterer wird – oder eben auch nicht. Aber mitten im Film taucht für ein paar Minuten ein weiterer Zeuge auf. Auch er ist Militärpolizist. Er bekommt die Misshandlungen mit, aber er beteiligt sich nicht. Er wird die Bilder nicht mehr los. Am nächsten Tag geht er zu seinem Vorgesetzten und zeigt die skandalösen Vorgänge an. Dieser Zeuge widerspricht der fatalistischen Kausalität, mit der Morris das System Abu Ghraib zu erklären versucht. Morris interessiert sich für ihn nicht ernsthaft, im Film bleibt er eine Fußnote.

Die Nachinszenierungen schieben sich wie ein Schutzfilm vor den Betrachter

In seinen früheren Filmen verstand Morris es wie kaum ein anderer Regisseur, inszenierte Passagen assoziativ und virtuos mit dem dokumentarischen Interviewmaterial zu verbinden. Damals war er ein Pionier. Inzwischen ist die Inszenierung im dokumentarischen Arbeiten längst formatierter Standard und bis ins Vorabendprogramm der Privatsender vorgedrungen. Meistens wird dadurch vordergründig illustriert, was man bereits in den Interviewpassagen erfahren hat. Morris folgt diesem Trend – auf hohem technischem Niveau. Wenn in Interviews von Hunden die Rede ist, die auf Gefangene gehetzt werden, zeigt er zunächst die ikonografischen Fotos von zubeißenden Hunden und angsterfüllten Gefangenen. Doch er vertraut ihrer Wirkung nicht. Er illustriert diese Szenen mit opernhaft überhöhten Klang- und Bildcollagen. In zeitlupenartig stilisierten Flashs mit pompösem Sound-Design, unterlegt mit der dramatisierenden Filmmusik von Danny Elfman, reinszeniert er das Grauen: Er zeigt einen zähnefletschenden Kampfhund in Großaufnahme. Morris hat einmal gesagt, er wolle mit diesen Bildern Raum für Reflexionen schaffen.

Er erreicht damit das Gegenteil. Da, wo er aufklären will, überwältigt er. Die Bilder des Grauens, die durch die Beschreibungen der Täter im Kopf des Zuschauers erzeugt wurden, werden durch die Nachinszenierungen neutralisiert und überlagert: Sie schieben sich wie ein Schutzfilm vor den Betrachter. Das ästhetische Blendwerk verstärkt den Verdacht, dass Morris sich zu sehr für sein cinematografisches Gesamtkunstwerk und zu wenig für die interessiert, die das System Abu Ghraib letztendlich zum Funktionieren gebracht haben. Die große Chance dieses Films wäre gewesen, Abu Ghraib nicht als fatalistisches Phänomen zu beschreiben. Morris hat sie verpasst.