Südafrika gehört zu jener Handvoll Länder, von denen die Welt eine Idee hat, ein starkes, unverwechselbares, bedeutungsvolles Bild. Nelson Mandela und die friedliche Überwindung der Apartheid stehen für eine der großen Befreiungsgeschichten des 20. Jahrhunderts – das Gute schlechthin, scheinbar unbelastet von der moralischen Zweideutigkeit, die etwa die militanten Befreiungsbewegungen in Lateinamerika entstellt hat. Der Krugerpark, die Löwen, das Gold, das traumschöne Kapstadt unter dem Tafelberg geben diesem Südafrika seine postkartenhafte Leuchtkraft. Die Kriminalität, von der man auch gehört hat, liegt wie ein dunkler Schatten darüber. Aber die Identifikation mit dem Land, das Gefühl, dass Südafrika für gelungene Geschichte steht, sind stärker.

Es sind darum mehr als dramatische Nachrichten aus einem wichtigen Schwellenland, der Vormacht des afrikanischen Kontinents, wenn uns in diesen Tagen Schreckensbilder aus Johannesburg, Durban und anderen Großstädten erreichen. Es ist ein Modell, das auf dem Spiel steht, ein Traum, der auf einmal als Illusion erscheint. Treibjagden auf schwarzafrikanische Einwanderer sind zu sehen, geplünderte Läden und zerstörte Townships. Und ein sterbender Mann, der vom Mob auf eine Matratze gezwungen, mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leib verbrannt wird: Szenen der Barbarei, die ausgerechnet an die Grausamkeiten der Apartheidjahre erinnern und das Bild des Landes verdüstern.

Lange galt Südafrika als Hort der Stabilität auf einem unruhigen Kontinent, als demokratisches Vorbild und ökonomische Lokomotive Afrikas, als Inbegriff der Versöhnung von Schwarzen und Weißen, ja als Labor für die multiethnischen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts. Nun sieht es so aus, als ob auch Südafrika den »afrikanischen Weg« einschlagen werde: den Weg des Niedergangs. Der Weltfußballverband Fifa, der 2010 die erste Weltmeisterschaft in Afrika austragen will, äußert sich besorgt. Kann ein Gastland, in dem über Nacht Gewaltexzesse ausbrechen, ein derartiges Großereignis wirklich bewältigen? Auch wenn es die Funktionäre bestreiten: Ein Plan B liegt bereit. Die Vereinigten Staaten, Mexiko und Spanien sind als Ersatzveranstalter im Gespräch.

»Unsere Elite lebt in einem Paralleluniversum«

Als hätte es nur eines Anstoßes bedurft, um den ganzen Südafrika-Mythos zum Einsturz zu bringen, erscheinen plötzlich auch andere Fehlentwicklungen in grellem Licht. Da ist die skandalöse Aids-Politik der Regierung, die die Seuche immer noch verharmlost, obwohl nach inoffiziellen Schätzungen jeden Tag 900 Menschen sterben und 5,5 Millionen Bürger mit dem HI-Virus infiziert sind – mehr als in jedem anderen Land der Welt. Da häufen sich die Bestechungsaffären bis hinauf in die höchsten Staatsämter. Da fällt infolge einer planlosen Energiepolitik in den Metropolen regelmäßig der Strom aus. Da ist das kolossale Scheitern von Präsident Thabo Mbekis »stiller Diplomatie«, die das Nachbarland Simbabwe vor der Selbstzerstörung retten wollte. Jetzt also die Pogrome gegen Ausländer.

Alle diese Übel werden durch den Grundfehler, die Ursünde der gegenwärtigen südafrikanischen Politik, noch potenziert: die Regierung leugnet, dass die Probleme überhaupt existieren, und erklärt sie zu Erfindungen ihrer Gegner. »Unsere Elite lebt in einem Paralleluniversum und hat den Kontakt zur Realität verloren«, meint ein enttäuschtes Mitglied der Regierungspartei African National Congress (ANC). »Sie hat die Sache, für die wir gekämpft haben, vergessen.«

War das »Wunder am Kap«, der friedliche Machtwechsel anno 1994, als das weiße Apartheidregime abgelöst wurde, nur ein Trugbild? Das neue Südafrika hat viele Gesichter, und ebenso wie als gefährdete Hoffnung kann man es als Erfolgsgeschichte betrachten: als aufstrebende Regionalmacht, die auf ihre Errungenschaften stolz sein darf. Südafrika hat sich im Zeitalter der Globalisierung einen Platz erobert. Seit zehn Jahren legt die Volkswirtschaft kräftig zu, Millionen von neuen Arbeitsplätzen wurden geschaffen. Die Regierung fährt einen soliden Wirtschaftskurs und hat im Rahmen ihres Wiederaufbauprogrammes über zwei Millionen Häuser bauen lassen, die Armenviertel flächendeckend elektrifiziert, die Trinkwasserversorgung verbessert, Kliniken und Schulen gebaut, Altersrente und Kindergeld eingeführt. 12,4 Millionen Bürger erhalten staatliche Transferleistungen, Millionen von weiteren Familienangehörigen leben davon.