»Oma, du bist mein Freund« – Seite 1

Was die Blumen betrifft, ist Annemarie Seifert nicht mehr zimperlich. Die müssen jetzt so wollen, wie sie will. Hält es eine Pflanze nicht aus, dass drei Tage in der Woche niemand zum Gießen da ist, fliegt sie eben raus.

Es ist Montag, und wie jeden Montag packt Annemarie Seifert Kleidung und Zahnbürste in ihren schwarzen Rollkoffer, noch ein letzter Blick ins Wohnzimmer: Telefon in der Basisstation, Fenster geschlossen, Handy eingesteckt? Mantel über den Blazer, dann geht es los. Strammen Schrittes zur Bushaltestelle, die Absätze klappern, das Rollköfferchen ruckelt hinterher. Wie eine Managerin auf Geschäftsreise – nur dass Frau Seifert aus dem Geschäftsreisealter längst raus ist. Sie ist 79 – und auf dem Weg zu ihren Enkelkindern.

»Ich sehe das als meine Aufgabe an, als ein Geschenk«

Jasper und Emil, fünf und drei, sind jetzt ihr Job, wenn man so will. Von Montagabend bis Donnerstagabend. Dafür reist sie wöchentlich mit Bus, Stadtbahn, ICE und S-Bahn – 2 Stunden, 30 Minuten von ihrer Haustür in Hannover zur Haustür nach Hamburg. Seit fünf Jahren.

Damit gehört Annemarie Seifert zu den 30 Prozent der Großmütter in Deutschland, die mindestens einmal pro Woche ihre Enkelkinder betreuen. Bei den Großvätern ist es etwa ein Viertel. Und weniger regelmäßig hüten fast 60 Prozent der Großmütter und mehr als die Hälfte aller Großväter innerhalb eines Jahres ihre Enkelkinder. Das haben Karsten Hank von der Universität Mannheim und Isabella Buber vom Demographischen Institut Wien in einer Studie zu Generationenbeziehungen im alternden Europa festgestellt. Ausgewertet wurden die Daten von mehr als 14500 Großeltern aus elf europäischen Ländern und Israel. Was die Betreuung begünstigt: In allen Ländern leben 85 Prozent der Großeltern nicht mehr als 25 Kilometer von ihren Kindern entfernt.

Die generationenübergreifenden Betreuungsmodelle sind verschieden: Es gibt die Großeltern, die einspringen, wenn die normale Betreuung nicht mehr ausreicht – bei Dienstreisen, am Wochenende oder längeren Krankheiten der Enkel. Es gibt die, die sich im Alter wieder Kinderstuhl, Wickelmatte und Plastiklöffel angeschafft haben, weil die Enkelkinder an festen Tagen in der Woche zu ihnen kommen. Und es gibt die Omas, die regelmäßig ihre Enkelkinder im Haushalt der Kinder betreuen – wie Annemarie Seifert.

Warum tut man sich das an? Feste Verpflichtungen, Tage oder Wochen voller Termine, Abhängigkeiten – jetzt, wo man sein Leben frei und unabhängig genießen könnte? Weil es an Kinderbetreuung fehlt? Weil Eltern immer Eltern bleiben und nie das Gefühl loswerden, ihre Kinder unterstützen zu müssen? Und: Kann verlässliche Betreuung innerhalb der Familie überhaupt funktionieren – oder sind Konflikte programmiert?

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»Es werden einem Dinge vor die Füße gelegt. Ich sehe das als meine Aufgabe an, als Geschenk«, sagt Annemarie Seifert, verwitwet seit acht Jahren. Blaue Augen, Brille, die weißen Haare hochgesteckt, sitzt sie im Zug, am liebsten gegen die Fahrtrichtung. Sie erzählt, wie sie die Zeit mit ihrer Tochter genoss und wie schön es ist, jetzt Enkelkinder zu haben. Wie sie ganz selbstverständlich nach der Geburt ihrer Tochter zur Hausfrau wurde, dass man aber heute »nicht den Maßstab wie vor 40 Jahren anlegen kann« und sie volles Verständnis hat, wenn Mütter arbeiten.

So hat Annemarie Seifert sofort ihre Hilfe angeboten, als Tochter Antje Kruse, Managerin bei IBM, schwanger war. Zehn Monate nach der ersten Geburt arbeitete Kruse wieder 30 Stunden pro Woche. Am Montag hat sie frei, am Freitag ihr Mann, ein IT-Berater. Von Dienstag bis Donnerstag ist die Oma da. So funktionierte es von Anfang an und auch jetzt, da Kruse seit einem halben Jahr wieder Vollzeit arbeitet. Blonde kurze Haare, geblümter Mantel, große grüne Kette – die 39-Jährige steht mit den Kindern auf dem Bahnsteig und holt ihre Mutter ab.

Das Oma-Modell ist für die, die keine Oma zum Kinderhüten haben, Anlass zum Neid: Die Oma kostet nichts, die Oma hat keine Schließzeiten, die Oma ist keine fremde Bezugsperson, man kennt die Erziehungsmethoden. Die Oma als Zauberformel, die alle Betreuungssorgen löst.

Aber das Modell Oma hat auch Nachteile: Die Oma ist kein Dienstleister, bei dem man fünf Tage in der Woche verbindlich buchen kann, die Oma hat nicht nur 30 Urlaubstage im Jahr, sondern, theoretisch, 365. Man muss sie mit Geschwistern und deren Kindern teilen. Der Oma kann man ihren Sport, ihr Englisch nicht verbieten, nur weil man sie jetzt mal am Donnerstag braucht statt am Dienstag. Der Oma kann man nicht kündigen, wenn man mit irgendetwas unzufrieden ist. Das Oma-Modell ist ein Balanceakt. Bei den Kruses und anderswo.

Ingeborg Badach, zwei Töchter und vier Enkelkinder, sagt: »Ich bin glücklich, dass ich Enkelkinder habe. Ich fahre gern hin – aber auch gern wieder heim.« Mindestens einmal im Monat ist die 65-Jährige im Einsatz, manchmal bis zu zwei Wochen lang. Fährt mit dem Zug von Fulda nach München, zu Tochter Nummer eins, einer Pharmazeutin und Psychotherapeutin. Fährt mit dem Auto von Fulda nach St. Gallen, zu Tochter Nummer zwei, einer Tänzerin und Sportlehrerin. Im Kalender in der Küche stehen jetzt schon Termine bis weit in den Herbst. Wenn die Tänzerin mit ihrem Mann, einem Choreografen, ein Projekt in Augsburg oder Mainz hat, dann kommt Oma Badach mit. Auch wenn sie es nicht gut findet, dass ihre Tochter trotz Stillkind schon wieder arbeitet: »Das sage ich meiner Tochter auch, ich kann ja nicht zu allem Ja und Amen sagen.« Sie verwöhnt die zwei kleinen Enkel mit »Törtli oder Eis« – »aber nicht der Mama erzählen«. Die Kinder verraten es dann doch. »Und meine Tochter findet dann, das ist zu viel Süßes. Aber ich mache mich da nicht so verrückt – ich sage: Ich bin ja nicht oft da!«

Sie wird ja noch in München gebraucht, bei der älteren Tochter: Deren Kinder sind zwar schon sieben und neun, können aber auch kein ganzes Wochenende allein bleiben, wenn der Vater, ein Musiker, Termine hat und die Mutter Seminare hält. Und dann brauchen beide Töchter die Mutter am gleichen Wochenende, und dann heißt es unter den Schwestern schon: »Ich brauch die Mami auch mal!« Oder »Die Mami ist ja immer nur bei euch in der Schweiz!« Auch der Schwiegersohn sagte schon: »Wenn wir dich mal brauchen, bist du auf Kreuzfahrt.«

Familie ja, helfen ja, das haben Badachs eigene Eltern auch schon gemacht – aber nicht bis zur Selbstaufgabe: Konzert, Klassentreffen oder Kreuzfahrt geht vor. Zehn, zwölf Tage am Stück Enkelsitten, mehr nicht. »Ich habe ja hier auch noch mein Leben und meinen Mann. Der ist nicht sehr häuslich. Wenn ich weg bin, koche ich vor und bitte die Nachbarn, den Müll rauszustellen.«

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Es gibt Fälle, in denen sich Großeltern ihr eigenes Leben komplett versagen – Ingeborg Badach erzählt von ihrer Bekannten, die seit neun Jahren Tag für Tag die Enkelkinder betreut, eigene Hobbys völlig aufgegeben hat. Es kommt vor, dass die einen Enkelkinder den Großeltern näherstehen als die anderen. Zum Beispiel dann, wenn die drei Generationen unter einem Dach leben. Tägliche Betreuung, rund um die Uhr Enkelsitten, kein Problem – aber die anderen Kinder, die weiter weg wohnen, sind neidisch, fühlen sich ungerecht behandelt und sehen die eigenen Eltern ausgenutzt.

Heribert Engstler, Diplom-Soziologe am Deutschen Zentrum für Altersfragen, sagt: »Je klarer Großeltern regeln, wie ihre Zeitblöcke aussehen und welche Aufgaben sie übernehmen, desto einfacher ist es für alle.« Wie für jede zwischenmenschliche Beziehung aber gilt: »Ein gewisses Maß an Reziprozität muss gewährleistet sein.« Wer nimmt, muss auch geben. Trotzdem gelten in Familien etwas andere Regeln, weiß Engstler, der am Alterssurvey mitarbeitet, den das Familienministerium in Auftrag gegeben hat: »Der soziale Austausch innerhalb einer Familie ist anders als zwischen Bekannten oder auf dem Arbeitsmarkt. Es ist eben kein möglichst austariertes Modell. Die Großeltern geben mehr – Geld und Hilfe.«

Die Tochter fragt sich oft, ob sie ihrer Mutter zu viel zumutet

Antje Kruse entlastet ihre Mutter, wo es geht: Die Kinder essen im Kindergarten, dann muss die Oma nicht kochen. Wenn Antje Kruse oder ihr Mann freitags auf Dienstreise muss, versuchen sie das ohne Omas Hilfe zu regeln – wenn es irgendwie geht: »Wir fragen meine Mutter gar nicht, weil ich weiß, dass sie am Donnerstagabend k. o. ist. Da habe ich eine Hemmschwelle«, sagt die IBM-Managerin. Am Donnerstag führt sie die wöchentliche Telefonkonferenz um 15.30 Uhr von zu Hause, damit der Übergang nahtlos ist, wenn um 17 Uhr ihre Mutter zur Heimreise aufbricht. (Die Fahrkarte bezahlt selbstverständlich die Tochter.) Sie guckt, dass sie zum Abendessen daheim ist, hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie bis spät in die Nacht arbeitet und keine Zeit für ihre Mutter hat. Sie ist dankbar, dass ihre Mutter wäscht und putzt, aber gleichzeitig findet sie, ihre Mutter solle sich am Vormittag lieber Ruhe gönnen. Trotzdem ist da nicht ständig das Gefühl, sich revanchieren zu müssen. »Ich habe gelernt, Geschenke anzunehmen und auch, mich auf andere zu verlassen.«

Antje Kruse mag nicht daran denken, was ist, wenn die Mutter krank wird und all das nicht mehr kann: mittags zu Fuß zum Kindergarten und im Bus mit Emil und Jasper zurück. Sandburgen bauen und Pirat spielen. Nasen putzen und Streit schlichten. »Da würde eine Welt zusammenbrechen – aber ich lasse Probleme auf mich zukommen und suche dann eine Lösung. Ich mache mich ja sonst völlig verrückt.«

Das Modell Oma ist für viele Eltern nicht nur das praktischste und preisgünstigste, es steckt auch eine gewisse Ideologie dahinter: Es ist eben die Oma, zu der die Kinder eine enge Beziehung aufbauen, und keine fremde Person. Die Kinder schon als Babys in eine Krippe zu geben, das hätte Antje Kruse nicht gewollt.

Als sich Annemarie Seifert auf ihren neuen Job einließ, war sie 74. Ob sie je bereute, was sie sich da auflud? Sie schweigt ein wenig, die Bäckchen werden rosa, dann sagt sie: »Wenn Jasper sagt, ›Oma, du bist mein Freund‹, da geht einem das Herz auf. Das ist immer der Mühe wert.« Und ihre Tochter muss einfach damit klarkommen, dass die Kinder am Freitag »Oma« zu ihr sagen.

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