DIE ZEIT: Die Bertelsmann Stiftung hat in einem gerade erschienenen Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme zum ersten Mal die Lage der frühen Bildung und Betreuung in allen 16 Bundesländern untersucht. Was haben Sie herausgefunden?

Anette Stein: Unser Bericht zeigt eines ganz deutlich: In Deutschland hängen die Bildungsmöglichkeiten kleiner Kinder ganz stark von dem Ort ab, an dem sie aufwachsen. Weder Ost noch West können sich auf diesen Ergebnissen ausruhen. Die einen müssen in mehr Qualität investieren, die anderen in Quantität. Während die westlichen Länder in Qualitätsfragen vergleichsweise gut dastehen, gibt es dort oft einen Mangel an Plätzen, vor allem für die unter Dreijährigen. Dagegen bekommen im Osten sehr viele Kinder einen Platz, aber dafür ist dann die Qualität der Betreuung entwicklungsbedürftig. Es ging uns jedoch überhaupt nicht darum, ein Ranking der Bundesländer aufzustellen. Wir wollten vor allem mehr Transparenz in diesen völlig unübersichtlichen Bereich der frühkindlichen Bildung bringen.

ZEIT: Von welchen Fragen sind Sie ausgegangen?

Stein: Uns hat vor allem interessiert, ob möglichst allen Kindern eines Bundeslandes der Zugang zu qualitativ hochwertigen Angeboten frühkindlicher Bildung möglich ist. Deshalb haben wir uns auf die drei Schwerpunkte Teilhabe, Investitionen und die Qualität der Bildung festgelegt.

ZEIT: Nun möchte jedes Bundesland wissen, wo es steht. Wer gehört zu den Leuchttürmen?

Stein: Es gibt kein Bundesland, das in allen untersuchten Bereichen in der Spitzengruppe steht. Fast alle Länder zeigen erhöhtes Engagement in der frühkindlichen Bildung, und für alle gilt, dass es sowohl Stärken als auch Entwicklungsbedarfe gibt. Erschreckend war für mich, wie schlecht die Versorgung der Dreijährigen teilweise noch ist. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein liegt ihre Teilhabequote bei unter 70 Prozent, obwohl es einen Rechtsanspruch gibt. Andererseits erreichen Länder wie Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg inzwischen eine Teilhabequote von über 90 Prozent – so gut schneiden nur noch die ostdeutschen Bundesländer ab. Herausragend bei den unter Dreijährigen ist Sachsen-Anhalt. Das Land gewährt von der Geburt des Kindes an einen elternunabhängigen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Schon 10 Prozent der Kinder unter einem Jahr besuchen eine Einrichtung, bei den Einjährigen sind es 60 Prozent, bei den Dreijährigen 94 Prozent.

ZEIT: Wie viel Geld geben die Länder dafür aus?

Stein: Die Spannbreite bei den Investitionen ist sehr groß. Zwischen 1000 und 3000 Euro werden pro Kind unter zehn Jahren für die Bildung und Betreuung ausgegeben. Das heißt zum Beispiel: Schleswig-Holstein und Niedersachsen investieren jeweils nur rund 37 Prozent von den Ausgaben, die Berlin für seine Kinder aufwendet. Entsprechend unterschiedlich werden die Eltern an der Finanzierung beteiligt – ihr Eigenanteil an den Kitakosten liegt je nach Bundesland zwischen 11 Prozent in Berlin und 27 Prozent in Schleswig-Holstein.

ZEIT: Und wie gut sind Deutschlands Kindergärten?

Stein: Es wird in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich mit dem Thema Qualitätsentwicklung umgegangen. Die Grundtendenz ist es, dass allgemeine Qualitätsstandards benannt werden, aber es wird wenig verbindlich definiert und oft gar nicht kontrolliert oder überprüft.

ZEIT: Machen sich die neuen Studiengänge zur Elementarpädagogik bereits in der Praxis bemerkbar?

Stein: Der Anteil des Personals mit Hochschulabschluss ist sehr gering. Im Osten hat aber zumindest ein hoher Anteil des Personals einen Fachschulabschluss, während in den westlichen Bundesländern auch viele Kinderpflegerinnen eingesetzt werden. Außerdem arbeiten nur noch 40 Prozent aller Erzieherinnen Vollzeit, während die Betreuungszeiten für die Kinder immer weiter ausgeweitet werden.

ZEIT: Sehen Sie eine Möglichkeit, die Niveauunterschiede zwischen den Bundesländern anzugleichen?

Stein: Anzugleichen ja. Ein Ausgleich erscheint mir in unserem föderalen System kaum möglich. Für eine intensivere Förderung benötigen wir mehr Investitionen und eine ungleiche Mittelverteilung. Wenn wir vergleichbare Start- und Entwicklungschancen anstreben, müssen wir eine stärkere Teilhabe benachteiligter Kinder anstreben und Investitionen an konkrete Ziele knüpfen. Es stellt sich dabei auch die Frage, wie weit der Bund bereit ist, sich dauerhaft an der Finanzierung zu beteiligen, denn frühe Bildungsinvestitionen haben letztendlich einen Nutzen für die gesamte Volkswirtschaft.

Das Gespräch führte Jeannette Otto .

Der vollständige Länderreport ist im Internet zu finden: www.kinder-frueher-foerdern.de