Katja Urbatsch ist immer noch überwältigt. In der ersten Woche hat sie mehr als zwanzig E-Mails pro Tag bekommen. »Das war einfach überfällig«, schrieb ihr ein Student. Eine Forscherin aus England fragte: »Wie kann ich euch unterstützen?« – »Sehr sinnvoll und wichtig«, mailte ein Professor aus Sachsen und berichtete von seinem Weg »vom Arbeiterkind zum Hochschullehrer«. Das verbindet ihn mit Katja Urbatsch: Beide kommen aus sogenannten bildungsfernen Schichten, haben erfolgreich studiert – und sind somit eine Ausnahme im deutschen Bildungswesen.

Damit sich das ändert, hat Urbatsch Anfang Mai das Internetportal Arbeiterkind.de gegründet. Die 29-Jährige, die in Gießen über amerikanische Literatur promoviert, will so »Kinder von nichtakademischer Herkunft ermutigen zu studieren und ihnen helfen, das Studium erfolgreich zu bestehen«. Sie kennt die Hürden, mit denen Nichtakademikerkinder zu kämpfen haben: »Ihnen fehlen grundlegende Informationen genauso wie finanzielle und ideelle Unterstützung aus der Familie.« Deshalb gibt Urbatsch nun im Internet Tipps, wie man ein Studium finanzieren kann und wie man an Stipendien kommt.

Sie erklärt, warum es sich lohnt zu studieren – und wie man Vorurteilen in der Familie begegnet, etwa wenn »auf jeder Familienfeier Verwandte fragen, wie lange man den Eltern noch auf der Tasche liegen wolle oder ob man zu faul zum Arbeiten sei«. Urbatsch kennt solche Situationen aus eigener Erfahrung. »Man muss endlich etwas gegen die Benachteiligung von Arbeiterkindern tun«, sagt sie. Dafür sucht sie Mitstreiter, und täglich melden sich neue Freiwillige.

Arbeiterkinder an die Hochschulen – die Forderung klingt nach alter Klassenkampfrhetorik, legt aber den Finger in die Wunde des Bildungswesens: die soziale Selektivität. Von 100 Akademikerkindern studieren in Deutschland 83. Von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben, sind es nur 23.

Wenn über soziale Selektion gesprochen wird, dann oft über die in der Schule. Mit dem Übergang auf Gymnasium, Real- oder Hauptschule sind viele Bildungskarrieren bereits nach der vierten Klasse vorgezeichnet. Doch auch der Übergang von der Schule zur Hochschule ist eine entscheidende Schwelle – die in der Diskussion oft untergeht. 94 Prozent der Abiturienten, deren Eltern Akademiker sind, nehmen ein Studium auf. Bei den Arbeiterkindern sind es nur 50 Prozent. Die Schere ist in den vergangenen Jahren noch weiter auseinander gegangen.

Wie diese Zahlen aus der Sozialerhebung des Studentenwerkes zeigen, ist die Aufnahme eines Studiums »komplett unabhängig von der schulischen Leistung«, sagt Bildungsforscher Andrä Wolter. Akademikerkinder mit mäßigen Noten studieren häufiger als die Arbeiterkinder mit guten Zensuren. »Wenn aber nicht Qualifikation ausschlaggebend ist, sondern Herkunft, widerspricht das dem Selbstbild unserer Leistungsgesellschaft«, sagt Wolter.

Von Chancengerechtigkeit könne keine Rede sein. »Außerdem verschwenden wir so viele Talente und Begabungen.« Die Bundesregierung will, dass statt der momentan 37 künftig 40 Prozent eines Jahrgangs studieren. »Das schafft man aber nur, wenn man verstärkt Kinder von Nichtakademikern an die Hochschulen bringt«, sagt Wolter. Denn die Potenziale in den herkömmlichen Bildungsschichten sind bereits ausgeschöpft.