Der ganze Zorn, den die Bundesrepublik über lange Zeit gepflegt hat – man erinnert sich gern daran in diesem 68er-Gedenkjahr –, scheint glücklicherweise verschollen zu sein. Im Büro oder im Fernsehen – lauter Menschen, die vor sich hinplaudern; hier und da eine Meinungsverschiedenheit, affektdiszipliniert; ritualisierte Gefechte, keine gesichtserhitzten Wehner/Strauß-Debatten mehr. Und ist der Pragmatismus unserer Zeit nicht ein zivilisatorischer Fortschritt?

Das könnte voreilig denken, wer derzeit im Kino Klaus Kinski beobachtet. Er steht auf der Bühne der Berliner Deutschlandhalle, den Blick in erhabenem Wahnsinn auf das 5000-köpfige Publikum gerichtet, und wütet. Wütet, wie heute niemand mehr wüten kann. Jesus Christus Erlöser heißt der Film, in dem Kinskis Nachlassverwalter Peter Geyer den gleichnamigen Rezitationsabend aus dem Jahr 1971 rekonstruiert. Als zornigen, antiinstitutionellen Aufrührer hatte Kinski Jesus darstellen wollen, doch er wird von den Zuschauern sogleich unterbrochen. Er maße sich zu Unrecht an, Jesus Christus zu sein! Einer der Zuschauer kommt gar auf die Bühne und sagt, Jesus sei ein duldsamer Charakter gewesen. Kinski staucht ihn zusammen: Jesus habe Störenfriede mit einer Peitsche traktiert und ihnen in die Fresse gehauen! »Das hat er gemacht. Du dumme Sau!«

Unbegreiflich ist derlei für den Nachgeborenen. Nicht nur, weil da jemand derart den Choleriker gibt, sondern weil die Zuschauer Kinskis Aufführung nicht als Schauspiel, vielmehr als Debattenbeitrag begreifen, dem es zu widersprechen gilt. Zum Skandal konnte es nur kommen, weil die Inszenierung als solche gar nicht rezipiert wurde. So ein Abend wäre heute kaum denkbar. Zutiefst befremdlich sind das Aus-der-HautFahren und das Gebrülle, die Schmährufe und das Fiebrige der Veranstaltung.

Unvorstellbar, dass Angela Merkel Journalisten beschimpfen würde

In wenigen Jahrzehnten ist offenbar etwas verloren gegangen: das öffentliche Unbehagen an der Zivilisation, das ein Choleriker wie Kinski rasend zum Ausdruck bringen konnte. Im Prozess der Zivilisation werden beharrlich Fremdzwänge in Selbstdisziplin umgewandelt, man legt sich in der Moderne eine »psychische Selbstzwangapparatur« an (Norbert Elias). Dem Choleriker oblag es, die Zurichtung und Einengung, das alltägliche Sich-Zusammenreißen zu markieren und für einen Moment zu unterwandern. Er bündelt die kollektive Unzufriedenheit mit dieser Normierung und Affektdämpfung, indem er aufgrund von Nichtigkeiten, einer kleinen hässlichen Bemerkung etwa, vollends die Fassung verliert. Es kommt selten darauf an, was genau er sagt. Eindeutig ist nur die Vehemenz seiner Unzufriedenheit.

Auch heute regt sich ab und an noch jemand auf. Doch dem Choleriker fehlt der Resonanzboden, ihm haftet mittlerweile Tragikomisches an. Als vor knapp zwei Jahren ein Gesprächspartner dem ehemaligen Kulturchef des Spiegels, Matthias Matussek, im Presseclub inmitten der Patriotismusdebatte einen »engstirnigen Nationalismus« vorwarf, konterte dieser bebend: »Sie sind ein ganz linker Finger! Sie mache ich fertig! Sie merke ich mir!« Nach der Sendung soll es sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Prompt wurde behauptet, Matussek wolle lediglich sein Buch promoten, das vom Patriotismus handelt. Wie dem auch sei – nichts könnte die Krise des Cholerikers besser versinnbildlichen als die standardisierte Medienkritik, er agiere lediglich marktkonform, strategisch, bauernschlau. Angesichts eines notorischen Inszenierungsverdachts wird dem Choleriker das Cholerische nicht mehr abgenommen.

Götz George warf 1998 auf der Wetten, dass…? -Couch Thomas Gottschalk vor, sich mit ihm nicht niveauvoll unterhalten zu können: »Bei dir kommt doch immer wieder der Oberlehrer durch!« Großes Publikumsgebuhe. Fünf Jahre später war George wieder zu Gast, abermals wurde gestritten, allerdings nur, um wenig später den Streit als gespielten zu entlarven.

Unvorstellbar ist es, Angela Merkel oder Kurt Beck würden einen Journalisten öffentlich als »Schmeißfliege« angehen, wie es noch Franz Josef Strauß getan hat. Einmal gefragt, wie es zu einem Temperamentsausbruch kam, sagte Strauß lapidar, er habe nicht immer Zeit, »einen Oszillografen für Seelenregungen aufzustellen«. Der Choleriker entschließt sich nicht zum Zorn, der Zorn befällt ihn.

Noch von Otto Schily wird behauptet, seine Mitarbeiter im Innenministerium hätten sich vor seiner reizbaren Stimmung in Tateinheit mit umherfliegenden Schreibutensilien und Aktenordnern gefürchtet. Nicht zufällig endete die rot-grüne Ära mit einem Auftritt, den Doris Schröder-Köpf »krawallig« nannte. Nach der vergangenen Bundestagswahl weigerte sich ihr Mann in der Sendung Berliner Runde anzuerkennen, dass er abgewählt worden war. Einst wurde von der Berliner Republik behauptet, sie führe zu einer Überhitzung der parlamentarischen Debatten, gar zu Straßenkämpfen und Chaos. Mit dem Regierungswechsel hat sie auch den Wandel von einem kollektiven Affekthaushalt zu einem wohltemperierten Verhaltensideal vollzogen, das sich in allen gesellschaftlichen Bereichen niederschlägt.

 

Nach einem missglückten Länderspiel der Deutschen gegen Island hat sich Rudi Völler im Trainingsanzug maßlos über negative Berichterstattung aufgeregt. Seine Nachfolger Klinsmann und Löw tragen stets gute Anzüge und zeichnen sich durch professionelle Freundlichkeit und Gelassenheit aus. Auch in der Wirtschaft sind nicht mehr die unumschränkten Patriarchen gefragt, die mit Schuhen nach ihren Angestellten schmeißen und launisch wie Diven nach einer durchzechten Nacht mit überschwappender Stimme Mitarbeiter zusammenstauchen. Heute gibt man sich geschmeidiger. Die E-Mail-Accounts der Angestellten sind nach diversen Führungskräfteseminaren übervoll mit motivierenden Nachrichten. Man duzt sich im Team. Die durchsichtigen Türen in gläsernen Bürogebäuden, die keine Rückzugsräume mehr haben, versinnbildlichen die sonnenlichtdurchflutete Heiterkeit flacher Hierarchien, von denen immer dann die Rede ist, wenn der »flexible Mensch« im Zeitalter der Globalisierung charakterisiert wird. Er sei, heißt es, reaktionsschnell, ortsunabhängig und anpassungsfähig.

Nicht zufällig sind diese Begriffe dem höfischen Leben entlehnt, das Moralisten einst mit Klugheitslehren zu fassen suchten. Die Verstellungskunst (dissimulatio artis), die etwa der spanische Jesuit Baltasar Gracián insbesondere Karrieristen am Hof ans Herz legte, liefert eine ziemlich genaue Beschreibung jenes Typus, der mit größter Freundlichkeit blendet. Er möge, heißt es bei Gracián, sich verstellen, die Mühe der Verstellung aber verheimlichen und als Lässigkeit erscheinen lassen. Es gelte, »leidenschaftslos zu sein«, um sich im durchökonomisierten Kampf um Selbsterhaltung zu behaupten. Die Führungskraft der Gegenwart, der taktierende Charmeur, hat mit dem Höfling, den gleichfalls Abstiegsangst und Konkurrenzdruck umtrieb, mehr gemein als mit seinem direkten Vorgänger, dem cholerischen Unternehmer, der sich noch nicht im feinmaschigen Netz unendlicher Abhängigkeiten befand. Gewiss wünscht sich niemand all die Erregungen und Scheingefechte der späten Bundesrepublik zurück, von denen uns die Revolution von 1989 befreit hat. Doch ist mit ihnen zugleich jene ungeschmeidige Kauzigkeit verschwunden, jene Intensität und unabgeklärte Nervosität, die Figuren wie Marcel Reich-Ranicki verkörpern.

Der Wandel des Affekthaushalts hat Auswirkungen selbst auf die Jugend- und Popkultur. Coolness, mentalitätsgeschichtlich der aristokratischen Contenance entlehnt, hatte sich einst als Abgrenzung gegenüber Philisterei und Kleinbürgerlichkeit etabliert. Doch auch diese Geschichte ist mittlerweile zu Ende erzählt. Im letzten James-Bond-Film saß der Held irgendwann weinend unter der Dusche, umarmt vom Bond-Girl, die er in besseren Zeiten im Bett empfangen hätte.

Mit Oliver Kahn hat auch der letzte Choleriker unter den Fußballern seine Karriere beendet. Er hat versucht, einem Gegner in den Hals zu beißen und schüttelte die eigenen Mitspieler durch, wenn sie ihm zu schludrig agierten. Er konnte jedem heiteren Spiel einen heiligen Ernst abtrotzen; sein Synonym Titan wies ihm antike, kosmische Eigenschaften zu. Auch in Kinski erblickte man ja keinen profanen Wüterich. Der betörende Zorn seiner Deklamationskunst gründete nicht auf den Nichtigkeiten des Alltags, sondern war vergebliches Aufbegehren gegen die gebrechliche Einrichtung der Welt. Kahn und Kinski waren von einem elementaren Gefühl des Zorns bestimmt, das als schicksalhafte Gewalt, wie in den Epen Homers, über göttliches und menschliches Handeln entscheidet. Und dieser Zorn kann auch nicht besänftigt werden, indem man den Zornigen zum Psychoanalytiker schickt, um sein Sexualleben zu therapieren. Der Zorn ist nicht vom Eros abgeleitet, wie Peter Sloterdijk jüngst ausgeführt hat, sondern ein eigenständiger Trieb.

Wem der augenblickhafte Zorn fehlt, dem fehlt die Selbstachtung

Nicht jeder Auftritt des Cholerikers kann vollendet gelingen. Deshalb haben sich Figuren wie Giovanni Trapattoni so tief in unser kulturelles Bewusstsein gebrannt. Der ehemalige Trainer von Bayern München beschimpfte die eigenen Spieler (»In diese Spiel es waren zwei, drei oder vier Spieler, die waren schwach wie eine Flasche leer!«), ehe er mit dem legendären »Ich habe fertig« feierlich und nicht frei von Stolz den Raum verließ. Helmuth Plessner hat ausgeführt, dass jeder an einem Punkt »die Karikatur seiner selbst« wird, da das Innere, das man zur Sprache bringen möchte, an den Grenzen des Körpers und seiner Ausdrucksmöglichkeiten bisweilen zerschelle. Dies ist die Grundlage aller Komik der Anschauung, weshalb der Choleriker besonders viel riskiert. Er fordert ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit für seinen Ausbruch, in dem er dann völlig allein ist, fernab jeder Klugheitslehre, jeder Kosten-Nutzen-Rechnung, jeder ökonomischen Vernunft. Er feiert, indem er alle Ketten von sich reißt, eine Selbstbefreiung, mit der er sich bisweilen selbst beschädigt.

Der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen schreibt, dass die kalte persona der Verstellungskunst immer in Krisenzeiten besonders hell leuchte. Das Verschwinden festgelegter Lebensläufe, der beständige Auf- und Abstieg prekärer Existenzen, das notorische Schließen von Fabriken und ihre Neueröffnung an anderer Stelle, der Zusammenfall von Berufs- und Privatleben, das Umherreisen des Pendlers, das Vagabundieren noch des sesshaftesten Gemüts, kurz: die verschärften Wettbewerbsbedingungen dulden offenbar eine unkluge Figur wie den Choleriker nicht mehr. Er hat sich in die eigenen vier Wände verzogen, so wie die Konflikte der Arbeit nicht mehr auf der Straße, sondern im Inneren ausgefochten werden. Wutausbrüche werden allenfalls noch anonymisiert in Internetforen artikuliert, feige vom heimischen Sessel aus. Der Choleriker, der noch öffentlich und mutig zum Vorschein trat, widersetzte sich jeder reibungslosen Verwertung. Er ist ein Ventil, ohne das Zivilisation nicht auskommt; er schwächt sie nicht, sondern stärkt sie.

Sozialpsychologen haben herausgefunden, dass die meisten Gewalttaten aus kalter Planung erfolgen. Die ist dem Choleriker völlig fremd, weshalb er auch nicht zum Terroristen taugt, der seine Tat mit kühlem Kopf vorbereitet. Wem der augenblickhafte Zorn fehlt, das wusste schon Aristoteles, dem fehlt die Selbstachtung. Der Mangel an Selbstachtung aber ist eine Hauptquelle fundamentaler Zerstörungslust.