Doch es ist wie so oft, wenn eine Branche schweigt: Hinter dem Schweigen wird ein innerer Monolog geführt, ein neuer Standpunkt gesucht, wie immer, wenn sich plötzlich Koordinaten verschoben haben, wie in der Fotografie mit dem Durchbruch der Digitaltechnik. Hörbar wird dieser Monolog für die Öffentlichkeit nur selten. Etwa, wenn die Nachrichtenagentur Reuters, wie 2006, einen Fotografen entlässt, der den Himmel über dem bombardierten Beirut mit zusätzlichen Rauchsäulen verdunkelt hat. Oder wenn sich, wie 2003, die Schauspielerin Kate Winslet über ein Titelbild des Magazins GQ beklagt, auf dem sie extrem verschlankt wurde.

Es passt vermutlich nicht ins Bild, dass ausgerechnet der Chefredakteur der TV Spielfilm als Erster zusagt – oder eben doch, weil die Bildbearbeitung in seiner Redaktion derart offenkundig ist, dass man sie schon wieder als Stilmittel begreifen kann. Lutz Carstens empfängt in seinem Büro in der Verlagsgruppe Milchstraße in Hamburg, vor dem Fenster sind die Marken des Hauses geflaggt: Cinema, TV schlau, TV Today, TV Spielfilm, fit for fun, all die schönen neuen Magazine für die schöne neue visuelle Welt. Carstens ist 49 und trägt noch immer schwarze Slim-fit-Mode, die Frauen auf der Titelseite nennt er "Mädels", seine Illustrierte "coffeetabletauglich". Carstens spricht in einer Offenheit, mit der man ihn leicht bloßstellen könnte – doch das wäre in etwa so, als würde man ein Schwarz-Weiß-Bild seiner Grauwerte berauben.

Carstens macht das Heft seit 1999, immer mit blauem Hintergrund, der Farbe der tagesschau, "weil Blau in Deutschland als seriös gilt und gleichzeitig frisch wirkt". Und zu diesem Blau, sagt er, passe eine Blondine am besten; das sei sein "colour-code". Den zaubert sein Chefgrafiker Jens Wulf herbei, ein kleiner, unscheinbarer Mann hinter einem umso größeren Computerschirm. Die Kollegen nennen ihn ihren "digitalen Schönheitschirurgen", weil er Heft für Heft per Photoshop diesen samtenen TV Spielfilm- Schleier über Carstens Mädels legt.

In seinem Büro hängen die Cover der letzten Jahre, eine perlweiße Lächelgalerie mit Michelle Hunziker, Heidi Klum und Veronica Ferres , in die nun auch Wolke Hegenbarth aufgenommen ist – etwas blonder als in Köln. Leider darf Wulf nur in Anwesenheit des Chefredakteurs reden. Jedenfalls lässt der ihn nicht aus den Augen, damit Wulf nichts erzählt, was dem ZEIT- Redakteur Gelegenheit gäbe, später mit dem moralischen Zeigefinger rumzufuchteln. Entsprechend vorsichtig erzählt Wulf, wie er Glanzpunkte in die Augen setzt, um dieses Strahlen hinzukriegen, wie er "Licht ins Dekolleté" holt und unmerklich die "far ends" der Frauen auseinanderzieht. Die "far ends" sind die Mundwinkel.

Es geht darum, mit dem immer gleichen Lächeln vor dem immer gleichen Blau den immer gleichen Impuls auszulösen: Kauf mich! Chefredakteur Carstens macht gar keinen Hehl daraus, dass ein Titelbild mehr als jedes andere Bild ein Ziel erfüllen soll. Bei einer Fernsehzeitschrift heißt dieses Ziel nicht Glaubwürdigkeit, sondern Aufmerksamkeit. Dafür braucht man Schlüsselreize. Deshalb lassen manche Bildchefs Models buchen und ausschließlich deren Torsi fotografieren – volle Brüste, flache Bäuche, schlanke Hälse, auf die später ein bekannter Kopf gesetzt wird. Es soll Magazine geben, bei denen die Babys der Mitarbeiterinnen fotografiert werden, um sie später irgendeiner Prinzessin in die Arme montieren zu können. All das, sagt Carstens, machten sie übrigens nicht. "Wir sind in unserer Sparte die Authentischsten."

Authentizität. Dies ist das Wort, das man dauernd hört, wenn man durch die Welt der Bilder reist: Jeder reklamiert diese "Authentizität" für sich, jeder definiert sie anders, alle jedoch interpretieren sie freier als Tucholsky. Denn schon seit der Erfindung der Fotografie wird um deren Echtheit gestritten, weil die Fotografie wohl nie eine Abbildung der Wirklichkeit war, sondern allenfalls ein Vorschlag, wie die Welt zu sehen ist. Schon die Wahl des Filmes, des Objektives, des Fotopapiers, nicht zuletzt des Bildausschnittes bedeutete Selektion, hinzu kam das sogenannte Abwedeln störender Details in der Dunkelkammer und das Retuschieren von Abzügen und Negativen.

So wurden schon immer Schönheitsideale postuliert, denen selbst die Schönsten nicht genügten – und Bilder konstruiert, die nicht wahr waren, aber die Vorstellung von Wirklichkeit erfüllten: Wenn Fotografen im Farbfilmzeitalter nach Italien fuhren, um für Reisemagazine das Land zu fotografieren, in dem die Zitronen blühen, ließen sie ihre Assistenten Zweige von Zitronenbäumen ins Bild halten, die sie irgendwo anders abgeschnitten hatten – und lieferten so das Foto, das zu Hause alle sehen wollten. Und wer heute sozialkritisch wirken will, fotografiert wieder in Schwarz-Weiß.

Oder er mailt seine Digitaldatei, verbunden mit dem Auftrag, daraus ein grobkörniges Bild im Stil der Sechziger zu machen, an Produktionsfirmen wie Elektronische Schoenheit in Hamburg. Dort, in einem Loft, hobelt ein halbes Dutzend junger Männer und Frauen im Auftrag von Werbeagenturen Hüften glatt, verschiebt Taillen und streckt nahezu jedes Bein um einige Prozent.

Cathrin Bauendahl, die Chefin, hat das Büro vor acht Jahren gegründet, um "Beauty und Fashion" zu machen, mittlerweile lässt auch Fernsehprominenz wie Verona Pooth, Dieter Bohlen , Veronica Ferres und Heiner Lauterbach hier ihre Porträts nachschminken. Sie bearbeiten Bilder für Fielmann , Swarovski und Schiesser, für Bild, Vogue und Brigitte – ob Reklame oder Journalismus, alles geht durchs gleiche virtuelle Entwicklerbad. Die Sparte wächst schnell und hat längst ihre eigenen Stars.

Da ist zum Beispiel der Amerikaner Pascal Dangin, der Fotografen wie Annie Leibovitz als Kunden hat und dessen Kunst es ist, so subtil zu arbeiten, dass die Bilder hinterher nicht nur besser aussehen, sondern auch echter. Dangin ist längst kein Dienstleister mehr, er verdient mehr als viele seiner Auftraggeber – die sich wiederum immer öfter auf Postproducer wie ihn verlassen. Eine "gewisse Nachlässigkeit" stelle sie bei manchen Fotoproduktionen fest, sagt Cathrin Bauendahl, "am Set werden Models nicht mehr durchweg geschminkt, die Haare nicht mehr gemacht, die Klamotten nicht mehr faltenfrei abgeklammert… weil wir das ja später machen".

Wo verläuft nun die Grenze zwischen dem weiten Feld Authentizität und dem ebenso weiten Feld der Lüge, wie groß ist das Niemandsland dazwischen? Ist es Schönfärberei oder Fürsorge, wenn – wie auch bei der ZEIT – Politikern wenigstens im Nachhinein die Nasenhaare geschnitten werden? Ist es in Ordnung, dass Prominente wie Til Schweiger , André Heller und Michael Ballack nicht nur ihre Interviewzitate autorisieren dürfen, sondern auch die Fotos, die dazu gedruckt werden? Wo wird aus Verbessern Verfälschen? Und, die neue große Frage: Ist mit der digitalen Technik nur ein weiteres Werkzeug hinzugekommen, oder hat die Manipulation eine neue Dimension erreicht?