Es ist kurz nach vier Uhr morgens, der Wind trägt die Kälte des Meeres herbei, als Norbert Rosing mit Kamera und Stativ über den Strand von Sassnitz eilt. Kies knirscht unter seinen Stiefeln, am Horizont wird es schon hell. Rosing ist spät dran. Er will Rügens Kreidefelsen fotografieren, und das, sagt er, "geht eigentlich nur kurz vor Sonnenaufgang". Weil dem Weiß der Felsen dann ein blau-rotes Leuchten innewohnt.

Rosing, 53, ein großer, ruhiger Mann, ist Naturfotograf. Seine Zeit ist der frühe Morgen und der späte Abend, sein Revier ist die Provinz, und sein Leben besteht aus viel Geduld und noch mehr Gehetze, weil er sich noch nach den Gegebenheiten richtet, so, wie sie sind, und nicht die Gegebenheiten nach ihm. Das heißt: Anfang März ist er gewöhnlich in der kanadischen Arktis, weil dann dort die Eisbärbabys zur Welt kommen. Ende des Monats muss er aber wieder in Deutschland sein, um nicht die zehntägige Blüte der Frühlingsknotenblumen in der Sächsischen Schweiz zu verpassen, ehe in der Eifel die Narzissenblüte beginnt, die sich, wenn er Pech hat, mit der Bärlauchblüte im Hainich-Nationalpark in Thüringen überschneidet – sowie mit den wenigen Tagen, an denen das Grün der Buchen über den Kreidefelsen so frisch ist wie jetzt gerade. "Eigentlich ist nie der richtige Moment", sagt Rosing, "das treibt mich immer wieder raus." Dann löst – mit einem schweren Klack – seine Leica aus.

Rosing ist in seiner Branche auch deshalb bekannt, weil er nach wie vor analog fotografiert. Er war bis 1992 Krankenpfleger und ist dann umgestiegen, mit den Jahren kaufte er sich 4 Kameras und 14 Objektive. Er wollte nicht schon wieder so viel Geld ausgeben, als seine Kollegen auf Digital umstellten.

Inzwischen gilt Rosing als Separatist. "Ich weiß, dass hinter meinem Rücken getuschelt wird", sagt er und erzählt, wie sich die Welt der Naturfotografie verändert hat. "Die Sache mit den Polarlichtern zum Beispiel: Es kommt vor, dass ich mit Kollegen in irgendeiner entlegenen Lodge beim Bier sitze, plötzlich rennt einer raus und fotografiert ein Polarlicht – obwohl eine Stromleitung mitten durchs Bild geht." Anfangs fragte Rosing noch: "Was willst du denn damit? Siehst du die Stromleitung nicht?" Mittlerweile kennt er die Antwort: "Dann warte mal bis morgen."

Rosing hat Wochen in Zelten gehockt, hat Erfrierungen an Fingern und Zehen in Kauf genommen beim Warten auf das richtige Polarlicht über der richtigen Landschaft, und jetzt montieren seine Kollegen im Hotel über Nacht perfekte Bilder zusammen. Mit Horizonten, die kein Strommast schneidet. Mit Himmeln, in denen kein Kondensstreifen an die Zivilisation erinnert. Rosing spürt, dass es langsam eng wird für ihn und seine Sicht der Dinge. Zwar ist er so etwas wie eine Marke geworden, macht viel für National Geographic . Doch er weiß: Wer mehr Zeit braucht, ist teurer. Und er merkt auch, dass viele Chefredakteure seine Dias gar nicht mehr ansehen wollen, nicht können, weil die meisten Redaktionen gar nicht mehr die Ausrüstung haben. "Die wollen Digitaldateien auf ihren Monitoren."

Ein paar Tage später in einer Altbauwohnung in Hamburg-Ottensen. Peter Bialobrzeski läuft schon wieder zum Regal, um einen Bildband herauszuziehen. Die Glaubwürdigkeit der Bilder! Sein Thema! Mehr als 15 Jahre hat er als Fotojournalist gearbeitet, seine Bilder erschienen in Geo, in Merian, in der ZEIT, dann ist er in die Kunst gewechselt. Für seine Neontigers- Serie, Aufnahmen asiatischer Megastädte, erhielt er 2003 den World Press Photo Award, bis vor Kurzem war er Professor für Fotografie in Bremen . "Bilder sind nicht die Realität", ruft er von seiner Bücherwand, "Bilder zitieren aus der Realität. Jeder Fotograf konzipiert ein Bild – das machen Sie beim Schreiben doch auch, geben Sie’s zu!" Tatsächlich ist dieser Artikel eine Montage aus Zeitebenen und Perspektiven, ein Konstrukt von Meinungen und Zitaten, die in voller Länge weit über die Seitenränder ragen würden. "Sehen Sie", sagt Bialobrzeski. In den Augen hinter seiner schwarzen Brille funkelt Triumph.

Bialobrzeski hat den Eindruck, dass Realität heute schwieriger zu darzustellen ist als vor 30 Jahren, "weil sich die moderne Welt durch abstrakte Vorgänge oder sogar durch ein Fehlen auszeichnet. In den siebziger Jahren waren alle links und haben Sozialreportagen aus Hamburg-Mümmelmannsberg gemacht", sagt er, "aber wie fotografiert man Globalisierung oder Technologietransfer?" Seine Neontigers- Serie habe er analog fotografiert, alles andere, sagt er, wäre inhaltlich falsch gewesen, "Städte wie Shanghai wirken auf uns ja so schon virtuell genug". Jetzt hingegen arbeitet er an Sylt-Bildern, mit denen er die Vergänglichkeit der Küste im Klimawandel thematisieren wolle, was mit einer Momentaufnahme kaum zu leisten sei. Daher sind diese Bilder komplexe Kompositionen, teils montiert, teils gekontert, die Farben bearbeitet.

Natürlich würde er sie nie Geo für ein Nordsee-Spezial verkaufen, sagt Bialobrzeski. Aber er würde sich freuen, wenn zumindest die Kunstfotografie in den Augen der Öffentlichkeit endlich von der "Last der Wahrheit" befreit würde – und die Öffentlichkeit im Gegenzug Gewissheit bekäme, welche der Bilder, die ihr von den Medien gezeigt werden, manipuliert sind und welche nicht. "Sonst wird in zehn Jahren jedes Bild vom Betrachter angezweifelt. Und zwar zu Recht."

Dies ist der Punkt, an dem aus dem Verteidiger der Fotografen ihr Ankläger wird: Wenn Bialobrzeski eines hasst, dann ist es Gedankenlosigkeit vor dem Fotografieren, die nachher Bearbeitung erzwingt. "Ein Bildhauer muss, bevor er anfängt zu hämmern, ganz genau überlegen, was er will. Das sollte auch der Anspruch an einen Fotografen sein." Man müsse sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen, aus der man zitieren möchte – damit auch das Zitat wahrhaftig bleibt. Oft aber habe er bei jungen Fotografen den Eindruck, dass sie nicht mehr neugierig seien und keine Ehrfurcht mehr hätten vor dem Objekt. Dass sie sich nicht mehr als Journalisten verstünden. "Ich sage denen immer: Lest! Denkt! In zwei Jahren ist zwanzig Jahre deutsche Einheit, da muss man jetzt anfangen zu überlegen – und nicht erst in den Wochen vor dem Jubiläum wieder ein paar Ossis vor die letzten Mauerreste stellen." Ein solches Bild, sagt er, wäre von vornherein unwahr. Egal, ob man es später bearbeitet oder nicht.

Ist das Bild vor unseren Augen nun klarer? Oder ist es zu einer überladenen Montage geworden – zumal nun noch Thomas Meyer hinzukommt, der Geschäftsführer der Berliner Fotografenagentur Ostkreuz , und mit ihm eine Menge Zeitgeschichte, hohe Ansprüche und eine weitere Sicht auf die Dinge?

Meyer, 1967 im niedersächsischen Delmenhorst geboren, wirkt sehr jung in den patinadunklen Räumen der Agentur in Berlin-Prenzlauer Berg, in einem der letzten Häuser, in denen der Osten noch nicht wegrenoviert ist. In einem Regal in seinem Rücken stapeln sich Fotokartons in Gelb und Schwarz, den Farben des Analogzeitalters, beschriftet mit symbolschweren Jahreszahlen, 1989, 1990. Diese Wand im Hintergrund wirkt wie eine Verpflichtung, vielleicht auch eine Last, vor der Meyer Ostkreuz führt: 1990 wurde die Agentur von sieben Fotografen gegründet, unter ihnen Ute Mahler, Sibylle Bergemann, Harald Hauswald. Große Namen. Die Bilder der Älteren haben im kollektiven Gedächtnis der Deutschen die Erinnerung an die DDR und an die Wendezeit geprägt, die Fotos der Jüngeren die Wachstumsschmerzen des vereinten Europas dokumentiert.