Bis heute gewinnen Ostkreuz-Fotografen viele Preise, ihre Bilder werden überall gedruckt. Die Agentur ist jetzt 18 Jahre alt und besteht aus 18 Mitgliedern. Die meisten arbeiten analog, doch bei der Frage nach der Glaubwürdigkeit gehe es nicht um Technik, sagt Meyer – und ringt mit sich, weil ein Geschäftsführer nun mal ungern seine Kunden beschimpft; dann sagt er es doch: Es sei unfair von den Medien, jetzt ein Fehlen von authentischen Bildern zu beklagen. Weil sie selber dazu beitrügen.

Meyer kann doch in seinen Bilanzen lesen, wie all die neuen Controller in den Verlagen die Preise drücken – mit dem Hinweis, die digitale Fotografie sei billiger als die analoge. "Wir Fotografen mussten neue Ausrüstungen anschaffen, die Redaktionen profitieren von den günstigen Produkten", sagt Meyer. Obwohl Fotos in den Medien immer wichtiger werden, fallen die Preise: Materialkosten werden nicht mehr übernommen, Fotografen bekommen weniger Zeit. "Du gehst in die Geschichte rein, arbeitest die Geschichte ab und verlässt die Geschichte wieder. Diesen klassischen Fotojournalismus, dass man loszieht, sich Zeit nimmt – das macht man heute auf eigene Rechnung, auf eigenes Risiko."

Auch bei Ostkreuz müssten sie jetzt mehr "Corporate" machen, sagt Meyer, der zwei Jahre lang die FAZ- Kampagne fotografiert hat. In der Werbung gibt es für Fotografen rund zehnmal mehr zu verdienen als im Journalismus. Werbung sei für viele längst das eigentliche Standbein – das beeinflusse auch die Bildsprache. Wenn er sich all die neuen Magazine anschaue, sei das "Werbefotografie im redaktionellen Bereich". Hier hoffen junge Fotografen, von Werbeagenturen entdeckt zu werden – und Werbefotografen holen sich ein wenig Pressepathos ins Portfolio.

Wie tief wollen, müssen sich auch die Ostkreuz-Fotografen in diese Welt begeben? Darüber diskutierten sie andauernd, sagt Meyer. Er sieht bei den Gründern der Agentur "schon fast eine Emigration aus dem Markt", die machen jetzt Bücher, Ausstellungen, haben Lehraufträge angenommen. Und die Jüngeren? "Versuchen den Spagat hinzukriegen." Einmal im Monat treffen sie sich und reden über ihre Fotos, streiten auch. Die Konflikte, die inneren wie die äußeren, sagt Meyer, "drehen sich immer um 'oberflächlicher Scheiß' gegen 'Wir müssen auch Geld verdienen'".

Das letzte Bild in dieser Reportage zeigt spätes Licht auf einer Weide, golden wie auf einem Kodak-Film. Es ist ein weiter Weg bis nach Borsfleth in Schleswig-Holstein, selbst der Taxifahrer muss das Haus am Deich suchen, in dem Christiane Gehner lebt, ehemals Bildchefin bei Geo , bei Merian , beim stern , beim Spiegel und seit einigen Jahren im Ruhestand. Man merkt schnell: Ihr Abstand zur Hamburger Medienwelt ist nicht nur räumlich. Gehner kocht Tee, schaut hinaus in die Siegfried-Lenz-Landschaft vor ihren Fenstern und sagt dann Sätze, so druckreif, als hätten sie lange auf Veröffentlichung gewartet: "Fotos sind immer nur so glaubwürdig wie die Zeitungen, die sie drucken. Ich glaube, das Gestaltungsmodell Erzählung ist dem Gestaltungsmodell Effekt gewichen. Die Dinge werden heute vereinfachter dargestellt – weil man eins nicht mehr will: die Leute zu sehr anstrengen. Deshalb ist eine Serie von Bildern, die man noch nie gesehen hat, in höchster Gefahr, nicht gedruckt zu werden."

Gehner trägt flache Schuhe, eine grüne Hose und eine rote Brille. Vielleicht ist es überinterpretiert, aber nicht nur ihre Sätze, auch ihr Kleidungsstil erinnert an die achtziger Jahre, die Glanzzeit der Reportagefotografie, in der sie reichlich Arbeit und Spesen verteilen konnte, selbst wenn es um abseitige Themen ging. 1984 wollten sie im stern eine Fotostrecke zum Thema Die Deutschen an der Küste machen. Der Fotograf schaffte es nicht in einem Sommer. Also bekam er noch den nächsten, "um am Ende sieben gute Doppelseiten zu haben".

Das sei heute undenkbar, sagt Gehner. Und dann fällt ein Name, der im Verlauf der Reise hier und da geraunt wurde, den aber erst Gehner laut ausspricht: Wilfried Bauer. "Es gibt kaum ein Gespräch in der Branche, das nicht bei Bauer endet", sagt sie. Bauer war einer ihrer Lieblingsfotografen, einer, der sich noch in den Stoff einlas wie die Redakteure, und wenn er 500 Seiten aus dem Archiv bekam. Seine Bilder waren stilprägend, adelten manchen Text – aber Bauer verlangte dafür auch Zeit, die er irgendwann nicht mehr bekam. Vier Wochen in der Hoffnung auf die eine Bildikone? Die Chefredakteure wollten jetzt lieber Effekt, "und die jungen Bildredakteure", sagt Gehner, "sind mit der Inszenierung aufgewachsen". Sie konnten mit Bauer nichts anfangen. Und Bauer nichts mit ihnen. Er war kein einfacher Typ, sensibel, verschroben. Er zog sich zurück, bekam immer weniger Jobs, bis manche Redaktionen ihn nicht mehr kannten und baten, doch mal eine Arbeitsmappe einzureichen. Im Dezember 2005, mit 61 Jahren, legte Bauer Feuer in seiner Hamburger Wohnung. Als in seinem Rücken sein Archiv in Flammen aufging, sprang er in den Tod.

Christiane Gehner sagt, sie stelle sich bis heute die Schuldfrage. Es habe wohl zu fünfzig Prozent an Bauers Gemüt gelegen und zu fünfzig Prozent an der Welt der Fotografie, wie sie heute beschaffen ist.

Man kann nun beklagen, dass die Bilder, die wir zu Gesicht bekommen, verschönert sind, manchmal an der Grenze zur Fälschung oder darüber hinaus. Man kann bedauern, dass der Fotograf nicht mehr wochenlang auf den einen Augenblick warten kann. Dass er am Bildschirm seine Motive glättet. Doch die Digitalisierung hat erstmals für jedermann kenntlich gemacht, dass der Fotografie per se eine Verfälschung der Wirklichkeit innewohnt. Wir, all die Jahre Foto-Analphabeten wie Tucholsky, lernen langsam, Bilder zu lesen. Niemand, der in einen Zeitschriftenladen geht, kann noch ernsthaft an die Makellosigkeit all der Körper und Gesichter glauben. Wir lernen, dass es einen Unterschied macht, ob eine Schauspielerin oder ein Politiker digital geliftet wird. Wir sind im Umgang mit der Bilderwelt keineswegs unkritischer, aber wacher und ironischer, wodurch auch die Fotografie ironischer werden kann. Wenn wir uns heute noch einer Bilderillusion hingeben, dann der, die Fotos seien früher authentisch gewesen. Ganz sicher waren sie anders.

Beim Abschied, auf dem Weg zur Tür, kommt Christiane Gehner an zwei Schwarz-Weiß-Aufnahmen vorbei. Bilder von Bäumen. Bilder von Bauer. Sie wirken – mit ihrer Stille, ihrem sanften Licht – inzwischen ziemlich konventionell. "Das Leben ist ein Piktogramm geworden", sagt Gehner. Neue Bilder provozieren neue Sehgewohnheiten, die wieder neue Bilder provozieren… und am Ende könnte deshalb endlich dort ein Unbehagen sein, und wachsen, wo wir auf Fakten, auf fotografische Neutralität angewiesen sind: in der Zeitung, online, in der Wissenschaft. Das wäre nicht die schlechteste Folge der digitalen Revolution.