Es ist der 8. Juni 2007. Nick Ut wartet seit zwei Tagen vor der Villa mit der Hausnummer 1474 an der King Street auf einen Scoop. Die von großartigen Besitztümern und saftig grünen Hecken eingefasste Straße windet sich vom Sunset Boulevard hügelan, von hier oben hat man einen Blick weit über das Häusermeer von Los Angeles und die wie bizarre Klippen daraus aufragenden Wolkenkratzer der Innenstadt.

Ut, gebürtiger Vietnamese, ist ein fester Bestandteil des Medientrosses der Stars und Starlets. Er trägt eine schwarze, mit Silberstern verzierte Che-Guevara-Mütze und eine Pilotenjacke aus den Beständen der U.S. Air Force. Auf einem an der Jacke befestigten, abgewetzten schwarzen Lederschild stehen sein Name und seine Stellung: AP-Fotograf. Seit 42 Jahren arbeitet er für Associated Press, die älteste und mächtigste Nachrichtenagentur der Welt. Er ist einer von sieben festangestellten Fotografen des örtlichen Büros des Pressedienstes. Wenn er morgens ins Büro kommt, teilt ihm seine Dienstleiterin seine Einsätze zu. Mal ist es David Beckhams Fußballteam LA Galaxy, mal Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger, mal ein Kriminalfall. Aber meistens Hollywood. "Ich bin ein Glückspilz", begründet er das in seinem oft kaum verständlichen Vietnamesenenglisch. "Ich bin ein Winzling. Ich bin sehr schnell."

Zweihundert Reporter, Paparazzi und TV-Crews lauern an diesem 8. Juni vor dem Grundstück und in zehn darüber kreisenden Hubschraubern der Hausbesitzerin auf: Paris Hilton, der Nummer eins unter Amerikas It-Girls. Das höchste Bezirksgericht von Los Angeles hat am Vortag angeordnet, der Sexstar müsse eine vorübergehend ausgesetzte, wegen Trunkenheit am Steuer und anderer Verkehrsdelikte verhängte Gefängnisstrafe nun doch antreten. Seit den frühen Morgenstunden ist die King Street abgeriegelt, ein Polizeiaufgebot hält die Reportermeute auf der gegenüberliegenden Seite im Zaum.

Um halb elf gleitet das Tor, das Hiltons Autostellplatz abschirmt, zur Seite. Ein Streifenwagen rollt heraus und biegt in die von dem Polizeiaufgebot freigehaltene Spur ein. Die Medienmeute drängt vor, das Polizeiauto rammt einen Reporter, der Fahrer zögert kurz. Ut nutzt die Gelegenheit, rennt flink wie ein Wiesel um den Wagen, hält seinen Fotoapparat in das Rückfenster und lässt den motorisierten Filmtransport schnurren. Schon tritt der Fahrer wieder aufs Gas, der Streifenwagen rast davon. Als Ut seine Bilder durchsieht, findet er zwei Aufnahmen des Stars, eine davon verwertbar. Paris Hilton ist in Tränen aufgelöst, eine Haarsträhne hängt ihr quer über die Stirn. Ein Knüller! Ihm ist es als Einzigem gelungen, sie zu knipsen. Das Bild geht um die Welt. "Ich habe solches Glück!", stammelt Ut. "Der 8. Juni ist mein Glückstag."

An einem 8. Juni gelang ihm schon einmal eine Momentaufnahme, die um die Welt ging. Das Bild ist eines der berühmtesten Fotos des 20. Jahrhunderts. Ut gewann damit den Pulitzerpreis und den ersten Preis des weltweit größten Wettbewerbs der Pressefotografie, den World Press Award 1972. Es zeigt ebenfalls ein weinendes Mädchen, dem ebenfalls eine Haarsträhne über die Stirn hängt. Das nackte Kind schreit mit vor Schmerz und Schreck verzogenem Gesicht, es streckt die Arme hilflos von sich. Im Hintergrund sieht man schwarze Rauchwolken und Soldaten, neben ihm vier weitere flüchtende Kinder.

Als der damalige Präsident Richard Nixon das Foto sah, fragte er seinen Stabschef Bob Haldeman, ob das wohl getürkt sei. Nixon war mit gutem Grund entgeistert. Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass der Schock, den das Bild auslöste, den Rückzug der USA aus Vietnam wenn nicht unvermeidbar machte, so doch beschleunigte. Der Hollywood-Star Warren Beatty erklärte der Folksängerin Joan Baez damals: "Jetzt sind wir alle gegen den Krieg."

Die Aufnahme ist zum Symbol der Exzesse des US-Imperialismus geworden. Im öffentlichen Geschichtsbewusstsein bildet sie eine amerikanische Untat ab, der nicht einmal die Erniedrigung der Gefangenen von Guantánamo und Abu Ghraib gleichkommt. Das Bild hat Eingang in die zeitgenössische Kunst gefunden, auf dem hochpolitischen Gemälde You Can’t Beat the Feeling ("Ein unschlagbares Gefühl") des britischen Graffitikünstlers Banksy haben eine blöd grinsende Mickymaus und McDonald’s-Werbeclown Ronald das Napalm-Mädchen in die Mitte genommen.