Normalerweise rufen bei Britta und Kurt Kohlhage abends um halb elf keine Lieferanten mehr an. Vergangene Woche passierte es doch. "Morgen gibt es keine Milch", sagt einer der Bauern, der die kleine Molkerei der Kohlhages in Mossautal beliefert.

Dabei waren die Eheleute und Unternehmer so stolz auf die langjährige Zusammenarbeit mit ihren Landwirten. Sie lief "zum Teil über Generationen", wie es auf der Homepage der Molkerei heißt, und "bot eine vertrauensvolle Basis für den hohen Qualitäts-Standard der Rohmilch". Von Vertrauen kann derzeit keine Rede sein, die Molkerei kann ihre Händler nicht mehr mit Käse beliefern. Kurzarbeit droht. "Der Streik macht so viel kaputt", sagt Kohlhage, "nicht nur zwischen uns und unseren Lieferanten."

Was die Menschen in Mossautal gegenwärtig umtreibt, bewegt das ganze Land. Hunderttausende Liter von Milch – wie viel genau, weiß keiner – sind in den vergangenen Tagen nicht bei den Molkereien gelandet, sondern in der Gülle, auf dem Acker und wohl auch in manchem Bach und Kanal, obwohl das verboten ist.

Sind das Verzweiflungstaten eines ausgebeuteten Berufsstands? Oder handelt es sich um Trotzreaktionen ewig gestriger Landwirte, die allzu lange mit Zulagen und Subventionen gepampert worden sind und heute vom freien Markt und dem Spiel der Preise nichts wissen wollen?

In jedem Fall ist es eine Reaktion auf die Politik in Brüssel. Die Europäische Union hat den hoch regulierten Acker einst bestellt. Jetzt macht sich die EU-Kommission daran, diesen Acker tief umzupflügen. Die Milch steht für den geplanten Systemwechsel in der Landwirtschaft wie kaum ein anderes Produkt. Weg von der Überregulierung, hin zum Markt. Die EU-Kommissarin für Landwirtschaft, Mariann Fischer Boel, sagt, dass es an der Zeit sei, die "Zwangsjacke" abzustreifen. Die Mengenregulierung soll fallen. Im Jahr 2015 soll es keine Quote mehr geben. Bis dahin will Boel die zulässige Milchmenge schrittweise anheben, um zwei Prozent dieses Jahr, danach jeweils um ein Prozent. Davon verspricht sie sich eine "weiche Landung".

Soweit der Plan. Nur scheint es gegenwärtig so, als ob der Milchmarkt aus den Fugen geriete, bevor es mit dem entfesselten Angebot ernst wird.