Der Funke, der überspringen soll, muss ganz schön Schwung holen. Es sind locker 150 Meter von der Bühne, auf der Neil Diamond steht, bis zur hinteren Wand der Hamburger Color Line Arena, wo die Ehefrauen mit ihren Ehemännern sitzen. Die, die sich auch nach 40 Jahren lieben, die miteinander durch dick und dünn gegangen sind und somit jene Phrasen verinnerlicht haben, mit denen Neil Diamond sein Publikum von der ersten Sekunde an einzuckert. Er tut dies profimäßig: Die ehemalige Ottermatte mit Föhnfinish ist einer schnittigen Light-Variante in Silberrücken-Grau gewichen, die Figur ist immer noch top, der Anzug schwarz mit Lurexfäden, die mit dem Schweiß des New Yorker Sängers um die Wette funkeln. Die Posen sind bei David Copperfield entliehen, große Gesten, die Hand wie Moses vor dem Berg Sinai gen Himmel gestreckt, auch mal lustvoll in der Bewegung verharrend, um dem Publikum den Augenblick stärker ins Gedächtnis einzubrennen.

Home Before Dark heißt die neue Platte, mit ihr ist Neil Diamond auf Deutschlandtour. Nur große Hallen, schließlich schaut der Mann auf über 40 Jahre Karriere zurück. Seit Starproduzent Rick Rubin sich seiner angenommen hat, scheint seine Anziehungskraft sich nochmals potenziert zu haben: Die Zuneigung des Publikums ergreift jetzt Schichten, die bislang zu den Diamond-Verächtern gehörten. Rubin hat das Cash-Rezept auf ihn angewandt: Man nehme einen alternden Songwriter, befreie ihn vom Kitsch, Schmock und anderen Altlasten. Keine Geigen, nur der Mann und die Gitarre. Und schon umgibt den ehemaligen Witwentröster eine Aura von Hipness.

In der Halle riecht es nach Weichspüler

Wahr ist an diesem Abend zunächst einmal: Neil wird überall geliebt. In den Rängen der gut gefüllten Arena riecht es verdächtig nach Weichspüler. Es müssen Menschen sein, die an das Gute glauben, denn nichts anderes kommt in Diamonds Welt vor: Von der Liebe handeln seine Songs, vom Geben und Nehmen, von »love and laughter«, vom Suchen und Finden. »I was an empty vessel, and you filled me up inside«, heißt es in Pretty Amazing Grace auf der neuen Platte oder auch »beauty and love surround me, freed me from what I feared«. Und schon ist man wieder bei den allgemeingültigen, unkonkreten Phrasen, die sich wie honigsüße, watteweiche Schals um seine Lieder wickeln.

Nun ist die Liebe ja eventuell das Wichtigste überhaupt. Dennoch fragt man sich, woher der Mann seinen Antrieb nimmt: Entstammte Kunst nicht stets der sich zerfleischenden Künstlerseele? Dem Leiden? Der Enttäuschung? Nicht bei Diamond. Ihm ist die Zerbrochenheit und damit einhergehende Authentizität eines Johnny Cash fremd, das irre Genie eines Brian Wilson und die lyrische Qualität eines Leonard Cohen sowieso, die Nachdenklichkeit und Unzufriedenheit eines Bob Dylan hat er nie empfunden, auch die Abgeklärtheit und sexuell konnotierte Frechheit eines Lee Hazlewood nicht. Nein, wie er da vorn an der Rampe steht und in Jahrzehnten erprobte Gesten zum Besten gibt, erinnert der neue, zum Songwriter-Klassiker emporgejazzte Neil eben doch an den Neil Diamond, wie wir ihn schon immer kannten: einen gediegenen Schnulzier, an dem alle späteren Entwicklungen vorbeigegangen sind.

Er kennt nur: die Liebe und ihre Verkleidung, das Pathos. Und ist damit das Gegenteil von Neil Young. Jener Neil singt, um gegen Regierungen, Vietnam- und Irakkriege zu demonstrieren. Dieser Neil singt über die wahre Liebe im Midtempo. Privatheit schlägt Politik. Punkt.

Auf der Arrangementebene ist immerhin alles in bester Ordnung, der anrührende Welterfolg I am… I said von 1971 greift einem mit seinem von der 14-köpfigen Begleitband dramatisch untermalten Gefühlsgedudel richtig an die Nieren. Zu Brooklyn Rose flimmern Bilder vom Künstler als jungem Mann über zwei Riesenleinwände, Neil mit Familie in den Fünfzigern, Neil lachend mit Geschwistern beim Schneeballwerfen: Sogar seine Kindheit war schön. I’m a believer, das die Monkees groß gemacht haben, ist ein wunderbares Stück Glück, und wenn man nicht wüsste, dass Diamond es verfasst hat, spätestens bei der romantischsten aller Zeilen – »Then I saw her face, now I’m a believer« – müsste man es ahnen. Doch dass Songs wie Cherry Cherry, dieser mittelständische Bastard aus La Bamba und Cool Jerk, die 11000 in der Halle von den Sitzen reißt, als ob es echten Soul nie gegeben hätte und die 68er übrigens auch nicht, das macht einen mitunter schaudern.