Die roten Kleber auf den Schaufensterscheiben verkünden schon draußen, was los ist: Wächter sagt Tschüs, alles muss raus! Wie wörtlich die Kaufleute Claas und Claudia Wiemer den Ausverkauf ihres Textilgeschäfts nehmen, wird im Laden deutlich. Neben heruntergesetzten Büstenhaltern und Damenhüten stehen auch entblößte Schaufensterpuppen für 150 Euro das Stück zum Verkauf, Deko-Weihnachtsmänner aus Pappmaché sind schon für zwei Euro zu haben, der Gummibaum wartet für 15 Euro auf einen Interessenten. Nur das alte Firmenschild, das bis zum Krieg das Textilhaus Wächter im niedersächsischen Rastede als »Hoflieferanten Sr. Königl. Hoh. d. Großherzogs von Oldenburg« auswies, steht unverkäuflich in der Ecke.

Es ist der sechste Tag des Räumungsverkaufs. An den Wühltischen mit den Socken zu 6,95 Euro für zwei Paar tummeln sich um die Mittagszeit Schnäppchenjägerinnen. Inmitten der Auflösung ihrer bisherigen Existenz stehen die Geschäftseigentümer und tragen alles mit erstaunlicher Fassung. Claas Wiemer trösten jetzt die Tagesabschlüsse, von denen mancher an einen mäßigen Monatsumsatz aus jüngster Zeit herankommt. Wenn es bis zum Ende des Räumungsverkaufs so weitergeht, wird er wenigstens seine Lagerbestände zu Einstandspreisen losschlagen können – immerhin macht das den Gegenwert eines Einfamilienhauses aus. Seine Frau Claudia ist sogar beinahe heiter gestimmt. Sie sagt: »Das Gefühl der Befreiung wird mit jedem Tag größer.« Sie hat es regelrecht genossen, dass sie vor ein paar Tagen einem Kunden ein selbstbewusstes »Nein« ins Gesicht sagen konnte, der um eine schon stark herabgesetzte Strickjacke noch feilschen wollte. »Endlich ist es weg«, sagt sie, »dieses Bangen, wenn einer den Laden betrat: Hoffentlich kauft er, hoffentlich geht er nicht enttäuscht wieder raus.«

Die Wiemers haben bittere Monate hinter sich, in denen der Entschluss gedieh, das fast 150 Jahre alte Geschäft, das sie in fünfter Generation betrieben, aufzugeben. Dass ein Fachhändler wie das Textilhaus Wächter schließt, ist Alltag im deutschen Einzelhandel. Und doch lohnt ein naher Blick auf Wächters Ende, weil in der überschaubaren 20.000-Seelen-Kommune Rastede wie unter Laborbedingungen akute ökonomische Prozesse sichtbar werden – und ihre kulturellen Nebenwirkungen.

Wollte man soziologisch einen Ort bestimmen, in dem die Menschen in deutschen Durchschnittsverhältnissen leben, wäre Rastede keine schlechte Wahl. Ein bisschen ländlich, aber mit nahem Zugang zur Stadt Oldenburg. Ein bisschen wohlhabender vielleicht als der Schnitt, mit eingesprenkelten Symptomen von Wohlstandsverlusten. Ein bisschen grüner, ein bisschen gemütlicher, bieder und sauber. Als Mitte des Ortes gelten 500 Meter Durchgangsstraße, an der sich die Dienstleister reihen. Ein gut sortierter Feinkosthändler und ein Döner-Imbiss, dazu Friseur, Reisebüro, Drogerie, Gelateria und Grieche, Sparkasse, Ein-Euro-Shop, Anzeigenannahme des Lokalblatts, die Schülernachhilfe praktischerweise gleich über der Daddelhalle. Und zehn Geschäfte, die mit allen Arten von Textilien handeln. Wächter war unter ihnen das ältesteingesessene und der qualitative Marktführer.

Wenn Kleider Leute machen, dann galt im Laden von Claudia und Claas Wiemer auch der Umkehrschluss, dass nämlich die Stammkunden das Sortiment und die Ästhetik des Geschäfts bestimmen. Das Textilhaus Wächter war deshalb so etwas wie die Stoff gewordene Rasteder Einwohnerschaft: solide, dauerhaft, traditionsgebunden, resistent gegen billige Effekte. Wenn so eine Handelsstätte verloren geht, verschwindet ein Stück lokaler Identität.

Am Wochenende vor Pfingsten hatten die Wiemers publik gemacht, dass sie schließen. Montags darauf hatten die Stammkunden an der Kasse Schlange gestanden, mit Worten des Bedauerns. »Schade, dass Sie gehen«, hat ein älterer Herr gesagt, »Aber wir haben so was geahnt. Wir fahren ab und zu nach Oldenburg, aber da findet man nur, was alle haben. Bei Ihnen bekommt man auch, was man sonst nirgends bekommt.« Zuvor hatte er sich an die Chefin gewandt und gesagt, dass er einen neuen Pullover brauche, und zwar genau den, den er gerade trage, der aber nun ersetzt werden müsse. Zu Wächter kam keine shoppende Bummelkundschaft, man kaufte gezielt. Eine Kundin hat ein letztes Mal gleich drei Dreierpacks Mieder bestellt, eine zweite ging mit einer 300-Euro-Rechnung für lauter Kleinteile nach Hause. »Seltsam«, sagt Claudia Wiemer, »plötzlich ist unsere Ware richtig. Die Leute kaufen, als gäbe es nie wieder etwas – und zwar zum normalen Preis.«

Es war einer der letzten Tage vor dem Beginn des Räumungsverkaufs, und noch war es im Laden beinahe so, wie es jahrzehntelang gewesen war. Eine Art Rückgrat des Ladens war immer die große Treppe ins Obergeschoss. Wie eine ausschwingende Revuetreppe sollte sie die Kundinnen einladen, die 30 Stufen in die Wäschewelt hinaufzusteigen. Das Gros der Dessous, vor allem deutscher Qualitätslieferanten, wollte erkennbar eher den Geboten der Funktionalität gehorchen als denen der Galanterie. Claas Wiemer: »Ein Büstenhalter besteht aus bis zu 50 Einzelteilen.« Er wollte damit sagen: Ein so delikates Wäschestück will mit Sorgfalt gewählt sein: »Die Kundin soll hier ungestört in Ruhe aussuchen können. Woanders sieht man der Präsentation der Ware an, dass sie sich schnell drehen soll. Wir signalisieren der Kundin, dass sie bei uns Zeit hat.« Schon arg geschrumpft war zuletzt die Frottierabteilung. »Mit Handtüchern«, sagt Claas Wiemer, »deckt man sich heute bei Tchibo oder Ikea ein. Bei uns ergänzt man nur noch mit besonderen Farben, die es woanders nicht gibt.« Die Ware kam von den beiden letzten deutschen Frottierwebereien.