Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert. 1998 – als Frankreich mit einer Equipe Weltmeister wurde, die vielfältiger war als der Sicherheitsrat der UN – hat Deutschland auf dem Rasen noch wenig Weltläufigkeit geboten. Sean Dundee war damals der einzige und zudem fehlgeschlagene Versuch, sich fußballerisch an der Fremde zu bereichern.

Heute besteht der deutsche Sturm ausschließlich aus Spielern mit »Migrantionshintergrund«: Gómez, Klose, Kurányi, Neuville, Podolski; ebenso die zwei dribbelstärksten Mittelfeldspieler, Odonkor und Trochowski. Und wie vor wenigen Tagen gegen Polen im Auftaktspiel der EM für jeden zu sehen war, müssen wir uns um den deutschen Multikulti-Sturm keine Sorgen machen, ganz im Gegensatz zu der germanischer klingenden Verteidigung, deren Namen allein jedem Gegner einen Schrecken einjagen müsste – Adler, Friedrich, Fritz, Mertesacker – und die trotzdem die typischen deutschen Tugenden der Ordnung, Übersicht und Disziplin vermissen lässt.

Was lernen wir daraus? Etwa, dass Deutschland dort stark ist, wo es sich der Welt öffnet und die Chancen der Einwanderung begreift, und dort schwach, wo es sich aus ethnonationalem Reflex abschottet? Oder bildet der Fußball eine Ausnahme, ein seltenes Revier gelungener Integration, wo der einstmals Fremde sich meritokratisch durchsetzen kann und sein Erfolg von den Alteingesessenen toleriert wird? Gibt es im Fußball mehr Chancengerechtigkeit als in anderen Lebensbereichen?

Betrachten wir doch einmal die »Migranten« genauer. Oliver Neuville wurde als Sohn eines Aachener Fußballprofis und einer kalabrischen Mutter im Tessin geboren; der französisch klingende Nachname stammt von seinem belgischen Großvater. Wären die Gesetze etwas toleranter, könnte er neben dem deutschen auch einen italienischen und einen Schweizer Pass besitzen. So wie der in Brasilien geborene und in Panama aufgewachsene Kevin Kurányi, der tatsächlich drei Staatsangehörigkeiten sein Eigen nennt: die deutsche, die brasilianische und die panamaische. Seine Familie stammt väterlicherseits aus Ungarn, sein Vater wanderte aus Ludwigsburg nach Rio de Janeiro aus. Und sollte sich jemand erfrechen, David Odonkor (dessen Vater aus Ghana stammt) aufzufordern, nach Hause zurückzukehren, müsste dieser antworten: Nach Bünde in Westfalen? Was soll ich denn dort? Unsere Stürmer sind in ihrer Herkunft so multinational wie viele Bürger dieses Landes.

Das ist mit Sicherheit kein Resultat der deutschen Immigrationspolitik, die sich von jeher als Katastrophenschutz versteht, bis hin zu dem katastrophal unentschlossenen Zuwanderungsgesetz des Jahres 2005. Obwohl das Land dringend Fachkräfte (etwa Innenverteidiger) benötigt, nimmt die Zuwanderung aufgrund der vielen protektionistischen Begrenzungen sogar ab. Die befristete Zuwanderung ist von 2006 auf 2007 um 30 Prozent gesunken, und wer weiß, dass ein Arbeitgeber ein Jahresgehalt von 85.000 Euro jährlich aufbieten muss (für einen Fußballverein natürlich kein Problem), um für seine Mitarbeiter eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zu ergattern, wird sich nicht wundern, dass fähige junge Profis eher nach Kanada ziehen. Im globalen Kampf um die besten Köpfe liegt Deutschland weit abgeschlagen hinten, und erst allmählich kapieren die Ghettoisten in dieser Gesellschaft, dass uns keineswegs Überfremdung droht, sondern vielmehr Vereinsamung. Wenn keiner mehr zu uns kommen will, wird dies angesichts einer schwindenden Bevölkerung und eines Mangels an qualifizierten Arbeitskräften katastrophale Folgen haben. Bald werden wir nur mehr mit acht Mann auf dem Feld stehen.

Aber wieso bietet der Fußball, so wie auch Musik und Tanz, eine egalitäre Spielfläche, auf der Einwanderer reüssieren können? Wieso haben in der jüngsten Folge der Castingshow Deutschland sucht den Superstar fast nur junge Einwanderer die Endrunde erreicht: Fady Maalouf, während des Bürgerkriegs im Libanon geboren, Monika Ivkic, die vor dem Bürgerkrieg aus Bosnien floh, Collins Owuso, aufgewachsen in Ghana, der Afrodeutschamerikaner Jermaine Alford, dazu Thomas Godoij, Stella Salato, Rania Zeriri. Der Berliner Tagesspiegel schrieb spöttisch schon von einem »Migrantenstadl«. Wieso fehlt es uns an führenden Politikern oder Topmanagern mit »Migrationshintergrund« (dieses Unwort muss so oft wie möglich an den Pranger gestellt werden)?

Liegt es etwa an irgendwelchen inhärenten Fähigkeiten, getreu dem Basketball-Motto: White men can’t jump (weswegen der weltbeste Spieler vergangenes Jahr ein gebürtiger Würzburger war)? Oder liegt es daran, dass Singen, Tanzen, Fußballspielen Tätigkeiten sind, die viel Talent, aber nicht sonderlich viel Bildung voraussetzen und damit traditionell Aufstiegschancen für eine Unterschicht bieten?