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Ist es ein Fleck oder eher eine Rötung? Eine allergische Reaktion womöglich auf die Sonne, die übers Jahr auf Tennisplätze herniederscheint? Oder ist das da auf seiner rechten Wange einfach nur ein Pickel, wie ihn jeder mal bekommt. Sein Management spricht leise von einer "Hautirritation", ein psychosomatischer Hintergrund sei nicht auszuschließen. Andere Vermutungen gehen dahin, dass der Meister Anfang des Jahres tatsächlich an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt war, dieses aber nicht richtig auskurierte und bei dem Turnier von Sydney unverantwortlicherweise schon wieder spielte.

Wenn es etwas gibt, das der beste Tennisspieler der Welt nicht mag, dann sind es Dinge, die er nicht kontrollieren kann, also auch diesen Pickel. Deshalb zieht Roger Federer die Zugbrücke hoch und entscheidet: keine Porträtfotos in diesen Tagen des Tennisturniers am Hamburger Rothenbaum. Mit diesem Makel im Gesicht möchte der Schweizer nicht groß in die Zeitungen kommen. Dabei wäre das Signal zur Einordnung wichtig. Ein Pickel, bei ihm, könnte als eine Art irdisches Zeichen dafür gewertet werden: Der Mann ist auch nur von dieser Welt!

Denn es gibt diese Versuchung, Federer überirdisch zu verorten. Wenn er nach dem verwandelten Matchball den Centre-Court verlässt, nie schwitzend, allenfalls leicht transpirierend seinen Gegner gleichsam an unsichtbaren Haaren hinter sich herzieht – wenn es sie also wieder gegeben hat: die Federer-Momente. Schläge, die scheinbar die Schwerkraft überwinden, die Physik und alles, was sonst so logisch ist im Leben, außer Kraft zu setzen scheinen.

Sein Stil ist klassisch, er selber nannte es einmal "Tennis im Retro-Stil". Einhändig Vorhand und Rückhand, trockene Volleys und immer wieder diese Aufschläge, die ihre Wirkung weniger ihrer Härte als der bemerkenswerten Präzision verdanken. Wieder und wieder kommt es in Federer-Spielen vor, dass Gegner ihre ganze Kraft und Wut, alles was sie haben, in einen einzigen Schlag legen. Das entzückte Publikum beginnt bereits zu applaudieren, der Punkt scheint sicher. Doch dann das. Der Ball kommt zurück. Irgendwo, unerreichbar im Winkel von Grund- und Außenlinie, kommt er nieder. Plopp.

Diese "Momente" zu erleben, sei "eine religiöse Erfahrung", notierte der Schriftsteller David Foster Wallace tief verbeugt. In einem Beitrag für die New York Times schwärmte Wallace von der "Schönheit der Bewegung" im Spiel des Schweizers, wollte in diesem scheinbar schwerelosen Auftreten gar eine "Aussöhnung des Menschen mit seinen körperlichen Beschränkungen" erkannt haben. Hymne auf einen Mann, der im Olymp des Sports angekommen ist wie Muhammad Ali und Tiger Woods, wie Michael Jordan und Michael Schumacher.

Weil Roger Federer in diesem Jahr beim Tennisturnier in Rom im Viertelfinale ausschied, ist der 26-Jährige ein paar Tage früher als geplant zu seinem nächsten Auftritt nach Hamburg gekommen, zum nächsten Turnier. Pfingstmontag, soeben hat er sich im Rothenbaumclub hoch über dem Centre-Court der Presse gestellt. Diesen Termin macht die ATP, der Weltverband der Tennisprofis. Die Verabredung abzusagen, sei es wegen des Pickels oder der allfälligen Fragen nach einer Formkrise, liegt nicht in seiner Macht.

Vierzig Journalisten, zwanzig Minuten. Die Luft stickig, dazu die Kameras, die sich ihm förmlich entgegenbohren. Die Objektive streichen über seine schwarze Trainingshose, die hellblaue Jacke, dann zoomen sie auf das Gesicht. Jemand stellt eine Frage, die auf die ungewisse Zukunft des Turnierstandortes Hamburg zielt. Federer will nichts versprechen, er unterstreicht, dass er immer für die Hansestadt gewesen sei. Es klingt eher wie ein unverbindliches Plädoyer für den Artenschutz, und doch kann man den Eindruck haben, dieser Federer will Hamburg wirklich retten. Zum Ende der Antwort scheint er sich am liebsten abwenden zu wollen, mit einem Finger tupft er sich die rechte Wange, "next question".

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Seine Begleiter, sieben Mann, Betreuer der ATP und Bodyguards in dunklen Anzügen, haben den Tennisspieler nach dem Gruppeninterview sachte zu einem Bistro-Tisch ganz am Ende des Restaurants bugsiert. Obwohl pausenlos Walkie-Talkies quäken, legte Federer den Weg wie in Trance zurück. Als er bemerkt, dass da noch jemand ist, wacht er auf: "Hi, ich bin der Roger." Sein Händedruck ist so sanft wie sein Lächeln.

Man kann es nicht anders sagen, der womöglich beste Tennisspieler aller Zeiten ist ein zuvorkommender Mensch. Dass er, wovon auszugehen ist, alle Fragen dieser Welt schon einmal beantwortet hat, lässt er sich nicht anmerken. Kein Satz, den er branchentypisch mit einem "Ja gut" oder "Fakt ist" beginnt. Lieber macht Federer hier und da eine Pause, um nach den passenden Worten zu suchen.

Wie ist das Gefühl, überall den Frontmann zu geben, kennt man als die Nummer eins noch Angst? "Angst ist nicht das richtige Wort", erwidert Federer, ihn irritiere allerdings das Gefühl, "wenn ein Match plötzlich gegen mich läuft". Warum spielt der Gegner plötzlich so gut und man selber so schlecht – die ewige Frage. "Ein mulmiges Gefühl." Federer hält inne, er scheint ganz bei sich. "Ich gewinne so viele Matches, die ich schon verloren glaubte, es beruhigt mich, dass ich immer wieder einen Weg finde."

Hat er einen Rat für all die namenlosen Tennisspieler der Welt? Letzter Satz, Tiebreak, Matchball für den Gegner – eigener Aufschlag, was tun? "Ich würde eher wenig riskieren, ich halte den Ball im Spiel und gebe den Druck weiter." Wenn ihn Tennis etwas lehre, dann dies: "Die Dinge kommen während des Spiels. Wenn der Gegner dich nach hinten drückt, er dich zwingt, gute Bälle zu spielen, dann gerätst du in Euphorie. Ohne dass du es weißt, spielst du die besten Bälle." Manchmal habe er erst nach dem Spiel, beim Betrachten der Fernsehbilder, erkannt, wie gut er gewesen sei.

Von sich aus erwähnt Federer seine Vorbilder. Boris Becker, dem er als Erstem nacheiferte. Dann der Schwede Stefan Edberg, schließlich der Amerikaner Pete Sampras, mit dem Federer eine besondere Beziehung verbindet. 2. Juli 2001, Achtelfinaltag in Wimbledon, zum ersten Mal schlägt der Schweizer auf dem Centre-Court auf, ihm gegenüber steht Pete Sampras, sein damaliges Über-Ich. Nach drei Stunden 41 Minuten ist es passiert, Sampras ist geschlagen, die Wachablösung nimmt ihren Lauf. "Notieren Sie in Ihrer Agenda den 2. Juli", schreibt der Reporter der Times, bis über die Ohren enthusiasmiert, "es war der Tag, an dem sich in Wimbledon alles änderte."

Der Tennissport bringt ungewöhnliche Typen hervor. Aber so einen wie Federer, darin ist sich die Fachwelt einig, gab es bislang noch nicht. Als er die große Bühne betritt, liegen die Flegeljahre hinter ihm. Er zertrümmert keine Schläger mehr, lässt Schiedsrichtern das letzte Wort und ehrt die Etikette von Wimbledon. Das unterscheidet den Schweizer von einem Berserker wie John McEnroe.

Weder mochte der Amerikaner Presseleute sonderlich – "Ihr könnt mich damit zitieren, dass Ihr Typen der letzte Dreck seid" –, noch hielt er es mit der Tradition. Als McEnroe 1981, dem Geburtsjahr Federers, das Wimbledon-Endspiel gegen Björn Borg gewonnen hatte, war es seine erste Amtshandlung, dem traditionellen Champions Dinner fernzubleiben. Wie er tags darauf erläuterte, hatte er einfach keine Lust gehabt auf einen Abend mit einem "Haufen von Halbtoten, die alle siebzig oder achtzig Jahre alt sind und mir erzählen wollen, ich hätte mich wie ein Kamel aufgeführt".

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Roger Federer ist anders. Vor allem, kein Tamtam! Obwohl der Schweizer in der Welt schnell so bekannt geworden ist wie Pestalozzi, Dürrenmatt und Rotkreuzbegründer Dunant zusammen, bleibt er sich treu und legt sich in den Ferien einfach irgendwo an den Strand. Man muss es ihm glauben, Fotos gibt es nicht. Gelegentlich wird er gesehen, wenn er, Gipfel seiner Exaltiertheit, in einer Wollhose von Prada eine Modenschau in New York besucht, begleitet von Anna Wintour, der Vogue- Chefredakteurin. "Ich bin an Mode interessiert", stellt der Tennisspieler klar, "allerdings nicht krankhaft."

Ihn umgibt kein großer Tross, wenn er auf Reisen geht. Um die Organisation im Unternehmen Federer kümmert sich seine Freundin Mirka Vavrinec, eine ehemalige Profispielerin aus der Ostschweiz, die in der Slowakei geboren wurde. Bleibt noch etwas zu tun, dann gehen Lynette und Robert Federer, die Eltern, gerne mit zur Hand, die Bodenhaftung des Juniors lag ihnen immer am Herzen.

Sie haben ihn damals nicht gedrängt. Austoben sollte der Junge sich, als er mit dreieinhalb Jahren die ersten Tennisbälle über das Netz schlug. Sie beobachteten, wie der Sohn lauter "seltsame Schläge" ausprobierte, besorgten ihm in Basel die ersten Trainer. Jahre später, Roger ging noch zur Schule, las Lynette in einem der ersten Interviews ihres Sohnes, dass der sich vom ersten großen Preisgeld "einen Mercedes" kaufen wolle. War dies das Ergebnis ihrer Erziehungsarbeit? Die Mutter protestierte, bat die Redaktion, das Tonband noch einmal abzuhören. "Mehr CDs", das war es, was der Kleine sich wirklich gewünscht hatte.

Gemessen an der grimmigen Präsenz eines Ivan Lendl kommt dieser Schweizer mit dem Charme und der Leichtigkeit eines Eintänzers daher. Anders als Pete Sampras zeigt dieser Federer seine Emotionen dem Publikum ohne Scheu. Er tut es auch an diesem Samstag im Juni 2003, wahrlich ein Tag zum Weinen, wie sich zeigt: Wimbledon-Finale, Roger Federer trifft auf den Australier Mark Philippoussis. Während der Partie habe er immer wieder an die Alinghi denken müssen, erzählt Federer, an dieses stolze schweizerische Segelschiff, das damals überraschend den Americas Cup gewonnen hatte. "Ich erinnerte mich an den Moment, in dem die Schweizer nach Wettfahrten 3:0 vorne lagen und davonsegelten. Nach dem zweiten Satz dachte ich: Jetzt segle doch einfach davon."

Und es geschieht. "Game, Set and Match Federer, seven six, six two, seven six." Federer ist auf dem Weg zum Netz, sinkt in die Knie, nicht aus Erschöpfung. Er beginnt zu weinen. Zum Champions Dinner am Abend erscheint er im weißen Smoking, mit einer kurzen Rede sorgt Federer dafür, dass der Abend im All England Lawn Tennis and Croquet Club nicht allzu hüftsteif gerät. Er sei stolz, mit seinem Sieg Mitglied des Clubs geworden zu sein. "Ich werde es genießen, hier ohne Druck einige Bälle zu schlagen. Wer Lust hat, mit mir zu spielen, soll mich doch einfach anrufen."

Die Einladung ist eine nette Geste, nicht mehr. Unter den Tennisprofis der Welt jedenfalls schwindet zunehmend die Lust, mit Federer zu spielen. Roger and over! Wer es bei einem Turnier tun muss, darf schnell die Koffer packen, und nicht jeder ist in der Lage, seine Eindrücke so treffend zu formulieren wie der Russe Michail Juschni. "Roger give me gud less’n", fasst Juschni zusammen, nachdem er das Endspiel des Turniers von Dubai 2007 verloren hatte. Mehr hatte der Russe nicht zu sagen, dann war er auch schon aus der Tür.

Wenn der Schweizer aufschlage, stünde den Zuschauern ein "faszinierendes, einmaliges Spektakel" bevor, meint der ehemalige Weltranglistenerste Jimmy Connors. "Manche Schläge von ihm hat man noch nie auf dieser Erde gesehen." Ivan Lendl analysiert, dass dieser Federer einfach über einen größeren Vorrat an Gewinnschlägen verfüge. "Die meisten Spieler beherrschen zwei oder drei dieser Schläge, um einen Punkt zu machen. Roger hat einfach mehr davon."

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Seit 229 Wochen hält sich Roger Federer als Nummer eins in der Tenniswelt, Rafael Nadal begleitet ihn seit über 130 Wochen als Nummer zwei. Allerdings mehren sich die Anzeichen, dass Nadal dem König näherkommt. Ein Sieg Federers beim Turnier in Wimbledon könnte die neue Generation der heute 20-jährigen Tennisprofis auf Distanz halten. Es wäre der Sieg des Skalpells über die Axt. Hier Federer, ihm gegenüber Nadal, der Tennisbarbar aus Manacor auf Mallorca, der immer so spielt, als wäre es das letzte Mal. Nachdem Federer 2007 das Turnier von Wimbledon gewonnen hatte , kam der Schweizer ahnungsvoll auf den Mann von der Insel zu sprechen: "Ich freue mich über jedes Grand-Slam-Turnier, das ich noch gewinne, bevor er anfängt, alle zu gewinnen." Ist es jetzt so weit?

Als Björn Borg 25 Jahre alt war, zog er sich aus dem Sport zurück, überließ das Feld John McEnroe. Was macht Federer, der jetzt in dem Alter ist, in dem Borg damals war? Hat das Finale eines großen Tennisturniers, hat das Endspiel in Wimbledon für ihn etwas von einem Überlebenskampf? "Es geht nicht um die letzten Dinge", sagt er, "es geht an die Details. Wer hat mehr Erfahrung, wer hat härter trainiert, alles kommt zusammen." Fällt es ihm heute leichter zu verlieren? Federer schweigt einen Augenblick – Unmut über die Frage? Es falle ihm leichter, meint er dann. "Früher hatte ich immer Entschuldigungen parat. Du hast nicht genügend trainiert, du bist noch zu jung, du spielst noch zu dumm." Heute ginge das nicht mehr. "Es gibt keine Entschuldigungen, es ist leichter damit."

Im Restaurant am Rothenbaum beginnen die Walkie-Talkies lauter und lauter zu quäken, die Bodyguards sind bereit, Federer wieder in die Mitte zu nehmen. Müssen wir uns wegen Wimbledon Sorgen machen? Die Nummer eins lächelt wieder. Wer von dem Problem auf Federers Wange nichts weiß, könnte diesen kleinen Makel in seinem Gesicht glatt übersehen.

Roger Federer, geboren 1981 in Basel, spielt Tennis seit seinem dritten Lebensjahr. Mit 17 wurde er Profi. In Wimbledon hat er fünfmal hintereinander gewonnen. Ab 23. Juni tritt er dort wieder an.