Was der große Nil hat, hat die kleine Nette auch: zwei Quellen. Der Nil ist ein Weltfluss, die Nette ein Allerweltsbach. Die erste Quelle, die offizielle, versteckt sich unterhalb des Schönebergs in der Vulkaneifel. Inmitten eines Nadelwalds liegt eine Sumpffläche mit Grasbüscheln, von Wildschweinen zerwühlt, von Torfmoos und Veilchen umrahmt. »Nach der amtlichen preußischen Landvermessung von 1895 liegt der Ursprung hier«, erklärt Herbert Schlich, Ortsbürgermeister der 370-Einwohner-Gemeinde Hohenleimbach, und zeigt auf eine Stelle neben einem Fichtenstumpf.

Ein paar Meter daneben scheint die Sonne durch die Wipfel auf eine wassergefüllte Kuhle. Just in dem Moment, als wir in den Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg schauen, in dem jetzt Kröten und Molche leben, donnern zwei Tornados vom Fliegerhorst Büchel in der Eifel über unsere Köpfe hinweg. Da gehen wohl auch das Muffelwild, die scheuen Wildkatzen und seltenen Luchse in Deckung.

Auf Mountainbikes rollen wir nun zur zweiten Quelle. Bewaldete Hänge flankieren ein Tal mit Wiesen und Sumpfdotterblumen. Ein Kohlweißling und ein Aurorafalter-Männchen mit orangefarbenen Flügelspitzen flattern vorbei. Vor uns fließen zwei Bächlein durch die Wiesen aufeinander zu, um schließlich am Waldrand ihre Wasser zu vereinen. »Für den Volksmund ist der Zusammenfluss von Lederbach und Leimbach der Ursprung der Nette«, erklärt Bürgermeister Schlich. Wie dem auch sei, fortan ist dieses Fließwasser die einzige und wahre Nette.

Gerade einmal 55 Kilometer bächelt sie von ihrem Austritt in der Vulkaneifel hinunter bis zu ihrem Eintritt in den Rhein. Jetzt ist die kleine Nette zu großen Ehren gekommen: Die Naturfreunde Deutschlands und der Deutsche Anglerverband kürten sie zur »Flusslandschaft des Jahres 2008/09«.

Gemächlich plätschert der von Schwarzerlen und Eschen gesäumte Bach dahin, windet sich durch Wiesen, fließt unter Holzbrücken hindurch. In der nächsten Stunde begegnen uns nur zwei Wanderer und ein Fuchs, der seinen Pelz in den Auen sonnt. Dann erreichen wir Netterhöfe, ein ehemaliges Köhlerdorf mit einem Dutzend Bruchsteinhäusern, neun Einwohnern und einem Briefkasten. »Wir sind ein Rentnerdorf«, sagt Paul-Willi Holthaus, der in Blaumann und Holzfällerhemd vor seinem Haus hockt. Nur am Wochenende komme Leben ins Dorf, wenn die Städter aus Oberhausen, Düsseldorf und Köln ihre Ferienhäuser aufsuchen. Früher war Holthaus Landwirt und hielt Milchvieh. Und was macht er heute? »Holz!«, sagt der Endsechziger. »Die Böschungen im Dorf sauber halten.« Dass die Nette, die Näht, wie Holthaus im Eifeler Platt sagt, Flusslandschaft des Jahres ist, davon hat er noch nichts mitbekommen.

Auch die Touristiker müssen sich erst an die Auszeichnung der Nette gewöhnen. Bisher gibt es keinen durchgängigen Wander- oder Radweg, man kann dem Bach nur streckenweise ans Ufer rücken. Einzig eine Landstraße führt durch das schluchtartige, von waldigen Berghängen beengte Flusstal bis Mayen. Unter der Woche rasen hier gestresste Berufspendler, am Wochenende kurvensüchtige Motorrad-Biker, an ehemaligen Getreidemühlen vorbei. Die Falkleymühle ist heute eine Kolonie für Dauercamper, die Hammesmühle ein Ausflugsrestaurant.

Das restaurierte Bürresheim hat es in einen »Indiana Jones«-Film geschafft