Das Dolder war eine Diva unter den Grandhotels. Sie lag zurückgezogen auf dem Züricher Hausberg und blickte auf das Volk und den See herab. Politiker und Künstler von Nelson Mandela bis Madonna waren ihre Gäste; und Thomas Mann soll hier den Oberkellner Franz Westermeier kennengelernt haben, der ihn zur Figur des Hochstaplers Felix Krull inspirierte. Vier Jahre hat die Diva einen Schönheitsschlaf gemacht. Derweil durften bekannte Größen sie aufhübschen, der Architekt Norman Foster zum Beispiel, die Inneneinrichter des Londoner Unternehmens United Designers und die amerikanische Spa-Expertin Sylvia Sepielli. 440 Millionen Schweizer Franken aus dem Privatvermögen des Schweizers Urs E. Schwarzenbach wurden verlegt, verbaut und verklebt, um aus dem »Curhaus«, das 1899 erstmals Gäste empfing, ein »City Resort« zu machen. Herausgekommen ist, um es gleich zu sagen, etwas Großes, wenn nicht sogar Großartiges.

Norman Foster und sein Team haben das ursprüngliche Gebäude mit seinen Türmchen, Zinnen und Balkonen in den Originalzustand versetzt, Anbauten aus den sechziger Jahren abgerissen und den Haupteingang wieder zur Südseite verlegt, die dem Zürichsee zugewandt ist. Sie haben einen Neubau aus Glas, Stahl und Sandstein wie eine Stola um die Diva gelegt. Rechts und links des alten Hauses steht je ein Flügel, beide sind auf der Rückseite miteinander verbunden.

Schon beim Betreten des Dolders wird man von seinem Zauber erfasst. Man schreitet über weißen Marmor, am Concierge-Tisch stehen junge Männer, weiße Hemden, braune Anzüge, keine Krawatten, dann steht man in der Lobby, sieht eine restaurierte Kassettendecke, von der moderne, große Edelstahllampen in der Form von Kuhglocken herunterhängen. Sie werfen ihr Licht auf Clubsessel aus Samt und weichem Rindsleder, sandfarben, braun und auch lila. Ein gelungener Eklektizismus.

Im historischen Gebäude stehen die modernen Badewannen wie einst auf Füßchen. Auf Antik getrimmtes Mobiliar und Stuck erinnern an damals. Aber diesmal geht es in den linken Flügel des Neubaus, den sogenannten Spa-Wing. Dort befindet sich Zimmer 3211. Dunkles Eichenholz auf dem Boden, weiße Wände, cremefarben das Bett, das mitten im Raum steht. Hat man sich einmal hingelegt, muss man nicht mehr aufstehen, denn das ganze Zimmer gehorcht ferngesteuert. Mit einem schicken mobilen Touchscreen von der Größe eines Mobiltelefons dimmt man das Licht, stellt die Klimaanlage ab, fährt die Markisen über dem Balkon hoch, schließt die Gardinen und lässt vor der Zimmertür die »Bitte nicht stören«-Lampe aufleuchten. Man liegt also da, traumhaft verklärt, eine gewisse Hightechromantik macht sich breit, man hört ein wenig Klassik, berührt dann noch einmal zart die Fernbedienung, und plötzlich erscheint auf dem Flachbildschirm Fuck me wild. 21 Pornofilme hat das Dolder ins Pay-TV eingespeist, was genauso wenig zum Haus passt wie die Besucherin, die auf der Sonnenterrasse liegt: Über sechzig ist sie sicher, wasserstoffblond, Musikstöpsel in den Ohren. Plötzlich reißt sie sich das Bikinioberteil vom Leib, reckt die Arme zum Himmel, wiegt sie wie eine Raverin auf der Loveparade hin und her und gibt laute Grunzgeräusche von sich. Da freut man sich doch über die Geschlechtertrennung im 4000 Quadratmeter großen Spa.

Im Dolder gibt es einen Service, der in Hotels dieser Güte Standard sein sollte: Man kann die Schuhe abends vor die Tür stellen, morgens sind sie geputzt, gratis. Und im Restaurant wird niemand mit Buffets abgespeist. Selbst das Frühstück gibt es komplett à la carte. Da sitzt man dann wie in einer kalifornischen Strandbar in den Fünfzigern, weiße Holzwände, braune Sesselchen. Gar nicht geklappt hat die Idee, mit silbernen Perlenketten ein paar Tische voneinander zu trennen. Missglückt ist auch das Design der Salz- und Pfefferstreuer, die aussehen wie Inhalationsgeräte für Asthmatiker.

Aber sonst gibt es im Dolder nur etwas zu bemängeln, das man nicht sieht: Die alten Concierges und Kellner, die einst durchs Haus schlurften und mit ihrer Erfahrung zu den Meistern des Dienens gehörten, sind allesamt wegrationalisiert und durch heftig strahlende schöne junge Menschen ersetzt. Schade. Zu einem Haus, das sich dem Alten verpflichtet fühlt, hätten sie noch gut gepasst. Und zu einer Diva erst recht!

The Dolder Grand, Kurhausstraße 65, CH-8032 Zürich, Tel. 0041-44/4566000, www.thedoldergrand.com , EZ ab 349 Euro, DZ ab 549 Euro, Junior Suite ab 710 Euro, Suite ab 1807 Euro