Gelenkig war er nicht. Aber er hatte Mark in den Knochen; und ein bisschen Marx. Was also hat den am vergangenen Sonntag mit 78 Jahren gestorbenen Peter Rühmkorf zum wohl sprachmächtigsten Virtuosen seiner Generation gemacht, zu einem, der von sich sagen konnte "Ich fahr lieber nur mit dem Finger / leichthin über hauchdünne Dinger"?

Es nistet ein Geheimnis in der Schönheit seiner Poesie, und es ist schwer, das auch nur ansatzweise zu lüften. Ich glaube, es ist jenes Gran Einsamkeit, das nur wenige entdeckten hinter den kunstvollen Verschmitztheiten, dem auch Kessen seiner Wortgewebe. Ja, die schwebten und hoben uns mit hinauf über das irdische Jammertal, das er – mal böse, mal traurig – oft genug besang. Gewiss, der Artist trompetete auch in früheren Jahren auf Marktplätzen und ließ lustvoll die Silben schmettern; doch der Peter Rühmkorf, der Mann mit dem schönen Gesicht und den schmalen Händen, entzog sich. Er hatte seinen Heine, den großen Entzingelungskünstler, gut gelesen, noch besser verstanden. Deswegen schwingen seine Verse hart und zart zugleich: weil sie Stahlsaiten entlockt sind, wie es die betörendsten Violinvirtuosen vermögen. Es ist aber immer Vorführung, Verführung auch – die Töne werden hervorgezaubert aus einem Instrument; für den Dichter des gloriosen vokabulären Spiels war das die Sprache. Der Rückschluss vom Artikulierten auf den Silbenmagier ist gefährlich, wenn nicht unzulässig. Ob gemoddert, gemuddelt oder gedonnert – seine Gedichte sind immer Teilchenbeschleuniger, aber nur in Bruchstücken geben sie Teile eines Selbst preis; wenn es so scheint, sind es Rücknahmen.

"Hoffnungen – ach Ade! – Sie schlagen keine Brücken.
Sie wühlen nur herauf, was du verfluchst.
Erinnerungen?– Stoff Zumdranersticken."

Das Betörende wie Verstörende dieser Lyrik verdankt sich dieser Eisblumentechnik – ein Hauch, und Bild, Figur und Umriss sind verändert. Wer da aber haucht, steht hinter dem gefrorenen Glas allein: Er hat für uns etwas gemacht, hergestellt; sich hat er nicht produziert, nicht hingestellt. Ein leises Schlenkern ist immer dabei.

Anteilnahme ja. Teilhabe nein. Es werden sich ja jetzt viele zu seinem Freund ausrufen. Ich, der ihn über lange Jahrzehnte kannte, zögere da. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob dieser im Kern Unberührbare überhaupt Freund sein konnte, ob der Zirkelschlag seiner herrlichen Girlanden nicht auch Grenzziehung war. Wir sind uns oft begegnet – bei privater Einladung, zu der er sich sicherheitshalber Wurstbrote mitbrachte wie bei den obligaten öffentlichen Veranstaltungen. Er hat verblüffend ausführlich zu meiner Arbeit Stellung bezogen, zu diesem und jenem Buch. Ich war bei so mancher Gelegenheit sein Laudator. Wir haben gar verwunderlich zärtliche Briefe gewechselt. Und noch der Sterbende hat sich über meinen Besuch gefreut. Aber ich bringe den Titel "Mein Freund Rühmkorf" nicht über die Lippen. Und das keineswegs mit Rücksicht auf Kräche – er nannte mich "Affe", ich verübelte ihm private Indiskretionen –; wo gäbe es derlei in der Zunft der Schreibenden nicht. Nein, es geht um einen anderen Valeur, um jenes existenzielle Schweigen, das den Menschen Peter Rühmkorf umgab, ihn ausmachte. Diesem Schweigen stahl er seine Worte. Und die schenkte er uns. Sich schenkte er nicht. Gut erinnere ich mich stummer Begegnungen, wenn wir beide – in jungen Jahren Streuner durch die Nacht – aneinander vorbeiglitten in den dunklen Vierteln der Hansestadt: ein Zublinzeln, ein Kopfneigen, ein Schattenhuschen; es mochte sogar passieren, dass wir uns nebeneinander bei billigem Korn und warmem Bier fanden am Tresen eines fragwürdigen Etablissements. Kein Wort wurde gewechselt. Diese Münze wäre lau und abgegriffen gewesen für Peter Rühmkorf, er barg sie lieber für ein "Loddl"-Gedicht, für seine "private Geheimschrift".

"Was ich denke, steht mir nicht gut zu Gesicht,
und kein lustiger Vers will sich fügen –
Mein immer präsentes Über-Ich
weiß auch nichts Erhebendes über mich,
es sei denn, es müsste lügen –"

So erweitere ich das berühmte Diktum von Walter Benjamin, wer meine, ein Gedicht verstanden zu haben, der habe es gerade nicht verstanden, auf Peter Rühmkorf: Wer meint, er habe ihm auf die Schulter klopfen können, der hat die Schulter nicht verstanden.

Unser Zeitgenosse war nicht dickhäutig, aber dickköpfig. Mit dieser Stirnhaltung konnte er sich dem Werk mancher Kollegen nähern. Deswegen war Rühmkorf ein großartiger Essayist. Schon seine Spitzigkeiten der frühen Studentenjahre, die sich Leslie Meiers Lyrikschlachthof nannten, zeigen einen hellen Interpretengeist. Und seine kürzliche Würdigung der beiden misstrauisch vergötterten Überväter Benn und Brecht in einem als Cicero- Gespräch getarnten glanzvollen Aufsatz führt uns eine Feder vor, die weich streicheln und zugleich zugespitzt aufspießen kann. Nur mit bewunderndem Neid las man, wie sich da ein veritabler Künstler des analytischen Wortes der Umstrickung und der Verstrickungen seiner Vorbilder aussetzte wie erwehrte.

Verstrickungen waren dem Toten ja nicht fremd, dem Lobpreis wahrlich gebührt – der sich aber auch gerne die List des armen BB ausborgte, wenn es galt, sich hinwegzuschlängeln. Schründe und Klüfte – wie bei uns allen – gibt es also durchaus. Schon die Pirouetten seiner Distanzvermessung zum Kollegen Enzensberger waren immer etwas kokett, immer Bruderkuss mit Vipernzunge. Der Degen in des – warum eigentlich? – verabscheuten Biermanns Brust scharf gedengelt. Mir war es dann reichlich unbehaglich, wie Rühmkorf in den ohnehin peinlichen Totenbettinterviews der letzten Zeit (peinlich vor allem für die sich drängelnden Befrager) sich danebenstellte in einer Sache, in die er doch genau hineingehört: die 68er, die Vorläufer und die Nachfolger. Wer so lange mit Klaus Rainer Röhl und seiner SED-finanzierten Postille zusammenarbeitete – der hätte sich zum Ende hin nicht die Clownsmaske aufschminken sollen, in der er "rein ästhetisch" davongetanzt sei, als das Grobianische der Kunst die Keule zeigte. Da wurde Rühmkorfs so bezauberndes Lächeln schiefmäulig, sein Lied vom noli me tangere klang falsch. Solche Art List stand schon ihrem Erfinder schlecht zu Gesicht.