Ich möchte mal wieder moralische Grundsatzfragen erörtern. Vor einigen Wochen hatte ich darüber geschrieben, dass ich in der Sauna versehentlich einem Herrn, der augenscheinlich in der Beckenregion eine ähnliche Statur besitzt wie ich, die Badehose gestohlen habe. Das habe ich erst zu Hause gemerkt. Ein empörter Leser hat mir sinngemäß geschrieben, dass ich ein verkommenes Subjekt sei, weil ich, statt beschämt zu der Sauna zu fahren und die Badehose dort abzugeben, aus diesem Vorfall eine lustige Kolumne gebastelt habe. Statt in das ZEITmagazin würde jemand wie ich ins Gefängnis gehören.

Ich habe darüber nachgedacht. Ich glaube nicht, dass jemand, der eine Badehose vermisst, zur Wiederbeschaffung dieser Hose Wochen später noch mal in der Sauna nachfragt, es sei denn, diese Badehose ist ein persönliches Erinnerungsstück von hohem emotionalem Wert, etwa die Badehose, die er einst erregt auszog, um mit Hanna-Brigitte sein erstes Kind zu zeugen, nun, danach sah mir die Badehose irgendwie nicht aus. Es war auch eine relativ teure Sauna. Ständig wird über die Wiedereinführung der Vermögensteuer oder über eine Reichensteuer diskutiert, der Staat nimmt den Leuten, die in teure Saunen gehen, doch auch immerzu was weg, der Staat macht es mir doch vor.

Gut, ich gebe zu, mein Tun war fragwürdig. Was aber ist von einem Menschen zu halten, der Haftstrafen – ohne Bewährung! – für einen nicht vorbestraften, sozial relativ angepassten Kolumnisten fordert, nur, weil der sich mit der Badehose vertut? So jemand ist doch in einem faschistischen Staat besser aufgehoben als in einer liberalen Wochenzeitung, sag ich jetzt einfach mal.

Immer wieder stelle ich fest, dass Leute, die andere bei kleinen Missetaten ertappen, daraus das Recht herleiten, ihrerseits noch größere Missetaten zu begehen. Zum Beispiel fährt jemand relativ langsam auf der Überholspur der Autobahn, was man nicht tun sollte, und ein anderer fährt mit hohem Tempo hinten auf und blinkt und hat dabei auch noch das Gefühl, im Recht zu sein. Der eine verhält sich rücksichtslos, der andere bedroht dafür sein Leben.

Ein moralisches Überlegenheitsgefühl ist als Haltung, im Alltag und in der Politik, tausendmal gefährlicher als das Bewusstsein, gelegentlich ein Tunichtgut zu sein. Deswegen versuche ich nach Kräften, dieses Bewusstsein, ein fehlbarer Mensch zu sein, bei mir lebendig zu halten. Dazu ist leider hin und wieder eine Missetat erforderlich.

Noch größer war die Erregung eines anderen Lesers nach meiner Beichte, dass ich einmal Bücher verbrannt habe, und zwar zerfledderte, inhaltlich überholte Lehrbücher der Sprachwissenschaft, die garantiert niemand mehr braucht. Wo Bücher brennen, da brennen bald auch Menschen! Bei mir in der Wohnung wird das bestimmt so bald nicht passieren. Ich finde, man muss alles im Zusammenhang sehen, auch wenn dazu eine gewisse geistige Anstrengung erforderlich ist. Ein fröstelnder Kolumnist, der sich an nutzlosen Büchern wärmt, ist nicht zu vergleichen mit einem Nazi, der mit einer Bücherverbrennung zur Unterdrückung und Ermordung Andersdenkender aufruft.

Symbolhafte Taten – nicht alle, aber viele – können ihre Bedeutung je nach Zusammenhang verändern, aus der Militärparade wurde der Faschingsumzug. Natürlich habe ich einen Kitzel des Tabubruchs empfunden, das kann man verwerflich finden. Grundsätzlich aber glaube ich, dass ein Übermaß an Moralismus ebenso gefährlich und für ein entspanntes Zusammenleben hinderlich ist wie fast alle anderen geistigen Haltungen, die mit –ismus aufhören.