Neunundzwanzig Tage hat das Landgericht Bremen verhandelt, es hat achtzig Zeugen und acht Gutachter aufmarschieren lassen, jeder Polizeibeamte, jeder Nachbar, jeder Sozialarbeiter, der Kevin in den zweieinhalb Jahren seines Lebens flüchtig gesehen hat, wurde vernommen, jede medizinische Verästelung des Falles bis ins Letzte verfolgt. Vor den Bleiglasscheiben des Saals 218 wurde aus dem Herbst ein trüber Winter und dann ein heißer Frühling, und manchmal hätte man meinen können, das Gericht schiebe das Urteil durch immer neue Zeugenladungen vor sich her.

Am Ende gab es trotzdem wenig Gewissheit über den kleinen Jungen, dessen Tod hier verhandelt wurde. Sein verkümmertes Leben und sein gewaltiges Leid bleiben im Dunkeln. Die ihn gesehen haben, schilderten ein unterernährtes, zurückgebliebenes Kind. Ein verschüchtertes Kerlchen, das auf jedes bisschen Zuwendung fremder Leute dankbar reagierte, das kaum jemandem auffiel, weil es – wie viele malträtierte Kinder – versucht hatte, durch eine möglichst geräuschlose Existenz das eigene Überleben zu sichern. Das zwar kaum gehen und gar nicht sprechen konnte, dafür aber gelernt hatte, lautlos in sich hineinzuweinen, um bloß niemanden mit seiner Not zu behelligen. Das trotz all seiner Versuche, sich unsichtbar zu machen, vom Freund der Mutter zuletzt doch zu Tode misshandelt worden ist. Und das Monate nach seinem schlimmen Ende immer noch keiner vermisst hat.

Als die Polizei Kevin am 10. Oktober 2006 endlich holen kam, fand sie nur noch seine Leiche im elterlichen Kühlschrank. Kevin war in eine blaue Decke gewickelt und in einen gelben Müllsack gestopft worden, er trug ein rotes T-Shirt, eine rote Hose und zwei Windeln übereinander. Doch selbst dem stark verwesten Kind war noch anzusehen, wie lieblich es im Leben gewesen sein musste mit seinem langen blonden Haar und dem Puppengesicht.

Dass man von Kevin so wenig weiß, liegt vor allem am Schweigen des Angeklagten. Der drogensüchtige 43-jährige Bernd K., der seit dem Tod von Kevins Mutter im November 2005 bis zu seiner Festnahme elf Monate mit dem – zuletzt toten – Kind in der Isolation einer Sozialwohnung des Bremer Problemviertels Gröpelingen gehaust hat, macht von seinem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern. Er ist der einzige Zeuge, der über Kevin und sein Sterben Auskunft geben könnte. Doch er sagt nichts. Wie der hünenhafte Mann – machmal wütend, manchmal schmerzlich blickend – auf der Anklagebank sitzt, macht er eigentlich nicht den Eindruck des heruntergekommenen Junkies, der er in Wahrheit ist. Er hat einen langen Entzug hinter sich und erinnert nun mit seinem gut geschnittenen Gesicht und den zu einem Pferdeschwanz gebundenen grauen Haaren an den Leadgitarristen einer Rockband.

Ihm gegenüber, auf der anderen Seite der Richterbank, sitzt der junge Staatsanwalt. Eigentlich müsste dort auch die Nebenklage Platz genommen haben, doch Kevin hat keine Hinterbliebenen, die für ihn streiten könnten: Seine Mutter starb nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Lebensgefährten Bernd K. an einer Ruptur ihrer durch Drogenmissbrauch geschwollenen Milz, sein leiblicher Vater ist unbekannt, Geschwister hatte Kevin nicht.

Ist das Opfer tot, schlägt die Stunde der Gerichtsmedizin. Bernd K. mag schweigen – Kevins toter Körper erzählt genug über das, was er dem Kind angetan hat. Der Hamburger Rechtsmediziner Jan Sperhake stellt in seinem Gutachten fest, dass Kevin in seinen letzten sechs Lebensmonaten an Armen und Beinen insgesamt 24 Knochenbrüche erlitten hat, hervorgerufen durch Schütteln, Schleudern, Reißen, plötzliches Stauchen und Verdrehen der Extremitäten. Die Leiche hatte Unterblutungen am Kopf, am Auge und am Genital. All diese Verletzungen hat der Zweijährige in aller Stille überlebt. Gestorben ist er schließlich wohl am gewaltsam herbeigeführten Bruch des linken Oberschenkels. Der eröffnete die Markhöhle des Knochens, Fett gelangte in die Blutbahn und verursachte eine Lungenembolie.

Dass Kevin schwerstens misshandelt wurde, war den Behörden bekannt