Der Verfassungszusatz, den der US-Kongress im Februar 1869 verabschiedete, war kurz und klar: "Das Wahlrecht der Bürger der Vereinigten Staaten darf von den Vereinigten Staaten und den Einzelstaaten nicht aufgrund der Rassenzugehörigkeit, der Hautfarbe oder vormaliger Dienstbarkeit verweigert oder beschränkt werden." Mit dieser Bestimmung, die nach der Ratifizierung durch die Bundesstaaten im März 1870 als 15. Zusatzartikel zur Verfassung in Kraft trat, sollte nach der Abschaffung der Sklaverei und der Garantie der Gleichheit vor dem Gesetz die politische Emanzipation der ehemaligen Sklaven vollendet werden.

Innerhalb weniger Jahre hatte sich ein dramatischer Wandel vollzogen. Im Jahre 1860, am Vorabend des Bürgerkrieges, lebten im amerikanischen Süden rund vier Millionen Sklaven. Die etwa 400000 freien Schwarzen bildeten fast überall im Land eine unterdrückte und verachtete Minderheit, der bürgerliche Gleichberechtigung und politische Mitwirkung verweigert wurden. 1857 noch hatte der Oberste Gerichtshof geurteilt, dass Schwarze niemals Bürger der USA sein könnten. Und vier Jahre später, zu Beginn des Sezessionskrieges, erklärte Präsident Abraham Lincoln, das Kriegsziel der Union sei allein die Rettung der nationalen Einheit und keineswegs die Abschaffung der Sklaverei.

Lincoln musste freilich bald erkennen, dass der Krieg gegen die Sklavenhalter nur zu gewinnen war, wenn er zu einem Kampf gegen die Sklaverei gemacht wurde. Mit seiner Emanzipationserklärung von 1862/63 setzte er eine Dynamik in Gang, die Historiker zu Recht als "zweite amerikanische Revolution" bezeichnet haben. Dabei waren die schwarzen Amerikaner keineswegs Zuschauer. Rund 200000 afroamerikanische Soldaten dienten in der Unionsarmee; 40000 von ihnen ließen ihr Leben.

Und sie kämpften nicht bloß für das Ende der Sklaverei. Um die Früchte des Sieges zu sichern, so forderten schwarze Soldaten 1863 in einer Petition, sei es notwendig, "den schwarzen Mann zum Wähler zu machen, so wie man ihn zuvor zum Soldaten gemacht hat". Das Argument blieb nicht ohne Wirkung. Auch Lincoln, der über die bürgerliche Gleichheit der Rassen sehr skeptisch dachte, sprach sich vorsichtig dafür aus, "denen, die tapfer in unseren Reihen gefochten haben", das Wahlrecht zu gewähren.

Die große Mehrheit der Weißen im Norden war freilich anderer Ansicht. Als nach dem Bürgerkrieg mehrere Staaten des Nordens Volksabstimmungen über das Wahlrecht für Schwarze abhielten, stimmten die Wähler fast überall mit Nein. Die Macht sollte allein in der Hand des weißen Mannes bleiben. Dass es überhaupt zur Annahme des eingangs zitierten 15. Verfassungszusatzes kam, hatte vor allem einen Grund: Mit dem Wahlrecht für die befreiten Sklaven wollte die Republikanische Partei ein Bollwerk gegen das Wiederaufleben der Rebellion im Süden errichten und die eigene Machtbasis sichern. Da die Besetzung der besiegten Südstaaten nicht ewig währen konnte, sollten die schwarzen Einwohner dort zukünftig per Stimmzettel Einfluss bekommen, um die "Partei Lincolns" zu stärken.

Unter den Befürwortern des Schwarzenwahlrechts war strittig, ob man zugleich auch das Frauenwahlrecht einführen sollte. Viele der amerikanischen Suffragetten waren aktiv für die Abschaffung der Sklaverei eingetreten und hofften nun, "am starken Arm des schwarzen Mannes in der blauen Uniform in die Wahlkabine einzumarschieren", wie es die Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton formulierte. Die gleichzeitige Einführung des Wahlrechts für Schwarze und Frauen erschien den Republikanern jedoch zu revolutionär. Mit dem Hinweis, jetzt sei erst einmal die "Stunde des Negers" gekommen, wurden die Frauen zur Geduld ermahnt. Tatsächlich sollte es noch 50 Jahre dauern, bis auch die amerikanischen Frauen das Wahlrecht erhielten.

Den befreiten Sklaven indes wurde der Stimmzettel bald wieder aus der Hand geschlagen. Zwar leistete 1870 der erste schwarze Senator, Hiram Rhoades Revels aus Mississippi, seinen Eid auf die Verfassung. Doch der 1866 gegründete Ku-Klux-Klan und andere Terrorgruppen führten im Süden einen brutalen Kleinkrieg gegen die angebliche "Negerherrschaft" und versuchten, durch Gewalt und Einschüchterung Schwarze von den Wahlurnen fernzuhalten. Vorerst jedoch schützten Bundestruppen die politischen Rechte der ehemaligen Sklaven, die trotz ihrer Unerfahrenheit die Bedeutung des Wahlrechts klar erkannten. Wo die schwarze Bevölkerung zahlenmäßig dominierte, wählte sie viele eigene Abgeordnete in die Staatsversammlungen.

Spätestens mit dem Ende der militärischen Besetzung des Südens im Jahre 1877 wendete sich jedoch das Blatt. Unter dem Schlachtruf der "weißen Vorherrschaft" gingen die Demokraten in den Südstaaten nun zielstrebig daran, die politische Emanzipation der Afroamerikaner wieder rückgängig zu machen.