Es ist an der Zeit, mit einem weitverbreiteten Irrtum aufzuräumen: mit dem Glauben, teures Öl sei gut für den Klimaschutz. Ist es nicht, wie die jüngste, von BP veröffentlichte Statistik des Weltenergieverbrauchs offenbart. Zum wiederholten Mal ist danach der Kohleverbrauch stärker gestiegen als der Energieverbrauch insgesamt. Das bedeutet nicht nur, dass das globale Energiesystem kohlenstoffintensiver wurde; es bedeutet eben auch, dass es klimaschädlicher geworden ist. Wohlgemerkt, dieser Vorgang spielte sich ausgerechnet im vergangenen Jahr ab, dem Jahr der Klimapolitik, das im Dezember mit der UN-Konferenz auf Bali seine Krönung fand. Doch offenbar liegt zwischen dem Universum der Diplomatie und dem der realen Energiemärkte mindestens eine Galaxie.

Als ob die Marktakteure nichts davon wissen wollten, was die seit mehr als 15 Jahren rotierende Verhandlungsmaschinerie in Sachen Klimaschutz vielleicht – vielleicht aber auch nicht – eines Tages zustande bringt, ließen sie 2007 erst einmal den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO₂) um rund drei Prozent steigen. Warum? Weil die Preise sie dazu animierten. Kohle, die hauptsächlich zur Stromerzeugung genutzt wird, wird schon seit Längerem im Vergleich zur Konkurrenzenergie Erdgas billiger. Der Erdgaspreis hängt wiederum vom Ölpreis ab, weshalb letztlich das teure Öl den wachsenden Klimafrevel verursacht hat.

Es ist fast grotesk: Während Interessierte oder Ahnungslose eine Renaissance der Kernenergie herbeireden oder -schreiben, die empirisch nicht festzustellen ist, findet die Renaissance der Kohle längst statt, vor allem in China, aber eben nicht nur dort. Auch in den alten Industrienationen wendet sich die Energiewirtschaft wieder verstärkt der Kohle zu.

Auch in Deutschland ist das so – und gegen diesen Trend hat sich hierzulan- de eine regelrechte Bürgerbewegung formiert. Keine Atomkraft, keine neuen Kohlekraftwerke: Wie da in Zukunft die Stromnachfrage gedeckt werden soll, wird allerdings vielen immer schleierhafter, einschließlich des Bundesumweltministers.

Tatsächlich befürwortet ausgerechnet Deutschlands oberster amtlicher Klimaschützer Sigmar Gabriel den Bau neuer Kohlekraftwerke. Die stoßen zwar etwas weniger CO₂ aus als die alten, aber immer noch viel zu viel, um dreißig, vierzig, vielleicht fünfzig Jahre am Netz bleiben zu können, ohne das Klima zu ruinieren. Womöglich kann man ihnen den CO₂-Ausstoß abgewöhnen und das Klimagas irgendwo unterirdisch sicher verstauen. Ob das gelingt, ob es vor allem bezahlbar ist, weiß allerdings noch niemand. Solange das aber so ist und trotzdem der Bau neuer Kohlekraftwerke befürwortet wird, verlässt sich die Umweltpolitik, einschließlich des zuständigen Ministers, auf das Prinzip Hoffnung.

Das hat nun auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen moniert. Die Ökoweisen haben in ihr soeben veröffentlichtes Gutachten zwei Sätze geschrieben, die nicht nur glasklar sind, sondern auch noch für viel Streit sorgen werden. Sie lauten: "Angesichts dramatischer Klimaveränderungen ist ein möglicherweise massiver Ausbau von Kohlekraftwerken auf der Basis ungesicherter technologischer Zukunftserwartungen nicht zu rechtfertigen. Deshalb ist die öffentliche Kritik am Neubau von Kohlekraftwerken verständlich."