Ach Eva,

wie viel der Fußball doch mit Ehre und Haltung und Respekt zu tun hat. Wenn wir in diesen Brunnen blicken, tief hinab, dann leuchten auf seinem Grunde die alten, oft missbrauchten, scheinbar vergessenen Tugenden. Man darf Spiele verlieren, aber nicht sein Gesicht. Man muss kämpfen, man muss alles geben. Ehrlos ist, wie in Sparta, wer aus der Schlacht ohne Wunde heimkehrt. Ihr Österreicher habt Euer Gesicht nicht verloren, Ihr dürft stolz sein, Eva.

Bei der Übertragung des Spieles habe ich mit Ihnen gelitten, wegen der Überheblichkeit des deutschen Kommentators. Ich kann es nicht mehr ertragen, wie mit Euch umgegangen wird. Die österreichischen Möchtegernhelden. Das sieht oft schön aus, sogar richtig elegant, bis zum Strafraum. Hier und da gefällige Aktionen. Angriffsversuche. Nicht direkt drittklassig. Wenn er so weiterspielt, wird er vielleicht bei Werder Bremen öfter einmal eingewechselt. Das ist alles im deutschen Fernsehen gesagt worden, so redet man über Österreich, live, Eva. In der Fabrikhalle, wo ich der Übertragung beiwohnte, trat vor dem Spiel ein ehemaliger Bundesligaspieler auf, Schatzschneider, man muss den Namen nicht kennen. Hannover 96. Schatzschneider sagte, Österreich können wir jederzeit schlagen. Weckt uns morgens um drei, schickt uns im Schlafanzug aufs Feld, und wir schlagen Österreich. Das ist diese Arroganz, die ich meine. Deutschland gewinnt eins zu null, und alle sagen, Deutschland war schlecht, eins zu null gegen Österreich ist ganz schlecht. Aber ihr dürft stolz sein. Ihr habt das richtig gut gemacht.

Ich werde jetzt mutig sein. Warum versuchen wir es nicht noch einmal zusammen? Ich wäre dazu bereit. Ich würde es riskieren. Bei Paaren, die sich nach längerer Trennungszeit neu zusammenfinden, funktioniert es in 65 Prozent aller Fälle besser als beim ersten Mal, wussten Sie das? Deutschland und Österreich sprechen die gleiche Sprache. Ihr spielt schön – so schön. Wir schießen Tore, wir grätschen weg und machen die Räume eng. So eng. Ihr müsstet Euch in den engen Räumen nie wieder mit diesen garstigen kroatischen Abwehrspielern herumplagen, wir übernehmen das. Wir beschützen Euch. Ja, wir nehmen auch die Niederlagen hin, die Siege dürft Ihr mitfeiern. Es gibt keine Überheblichkeit mehr. Nur Fürsorglichkeit. Reden die Westdeutschen etwa überheblich über die Ostdeutschen? Ja, aber nur selten. Sie sind so teuer. Sie sind so viel selbstbewusster geworden durch unsere Vereinigung. Wir bauen ihnen Straßen, wir reparieren ihre schrecklichen Wohnungen, wir führen Programme durch. Es geht ihnen gut, fragt sie ruhig. Sie hätten sie vorher einmal sehen müssen. Ihr dürftet ohne Sorgen eure Berghütten bewirtschaften, Walzer tanzen, Lieder singen. Udo Jürgens hat vor dem Spiel in einem Interview gesagt: "Der typische Österreicher ist kultiviert, kann gut erzählen." Die Kultur wäre eure Aufgabe, alles Schöne, wir würden uns da heraushalten. In Deutschland ist mit der Kultur sowieso nichts mehr los, außer Anselm Kiefer vielleicht. Mein eigener Anteil, ja, gut, nicht ganz unerheblich, aber das haben Sie gesagt. Sie, Eva – ich darf das eigentlich gar nicht schreiben, Sie schimpfen immer, wenn ich Komplimente mache –, Sie dürften künstlerisch sein, kultiviert erzählen, singen, warum denn nicht, Sie haben als Österreicherin bestimmt eine klare, volle Singstimme. Singen Sie. Ich würde Autos und Eisenbahnen bauen, Banken gründen und in Afghanistan das Café Griensteidl verteidigen. Das meine ich natürlich nur als Metapher. Wir können viel von Euch lernen. Österreich hat in allen Europameisterschaften in fast 50 Jahren nur ein einziges Tor geschossen, zum Unentschieden, und wie hat es sich gefreut. Wir schießen in einem einzigen Spiel ein Tor, siegen und sind unzufrieden. Die deutsche Arroganz macht mich krank. Sorgen Sie sich nicht wegen der anderen. Die anderen Länder würden das mit uns beiden akzeptieren, trotz der unglücklichen Vorgeschichte. Vor uns beiden hat keiner Angst, schauen Sie uns doch an. Sie müssen nur Ja sagen. Ich erledige die Formalitäten.

Jetzt spielen wir gegen Portugal. Eine große Nation, eine Kulturnation. Ein schönes Land, ein melancholisches Land. Gesalzener Fisch. Pessoa. Vanilletörtchen. Leider im Sommer oft regnerisch, und der gesalzene Fisch, na ja. Vielleicht verlieren wir. Wahrscheinlich sogar. Wissen Sie, Eva, die Portugiesen sind schnell, wieselflinke Melancholiker, so was gibt’s also auch, das kommt von dem Salzfisch, der wühlt in den Gedärmen und macht die Portugiesen unberechenbar. Wir werden kämpfen, Eva, wir kämpfen jetzt auch für Euch mit, Ihr seid doch unsere Brüder und Schwestern. Ihr sollt stolz sein auf uns. Ehrlos ist nur, wer aus der Schlacht ohne Wunde heimkehrt.

Ganz Ihr Harald Martenstein