Militärische Blasmusik, zackige Reden, klirrende Sektgläser: Es ist fast immer das gleiche Ritual, wenn in irgendeinem Hafen irgendwo auf der Erde ein Schiff getauft wird. Neulich im litauischen Klaipeda galt die Zeremonie allerdings keinem Schiff, sondern nur einem riesigen, rostfarbenen Stahlquader. Wie Findlinge liegen noch einige davon auf den Kais von Klaipeda, Litauens größtem Hafen, herum. Sie sollen zum Montageschiff für die Errichtung von Windkraftanlagen auf hoher See verschweißt werden – und im Frühjahr 2009 in der Deutschen Bucht zum Einsatz kommen: um den ersten großen deutschen Hochsee-Windpark zu bauen.

So ungewöhnlich die Feierstunde für die Kiellegung war, so ungewöhnlich ist auch der Auftraggeber des Montageschiffes. Denn mit der erst 2004 gegründeten Bremer Bard Engineering will ausgerechnet ein mittelständisches Unternehmen das Kunststück schaffen, vor den etablierten heimischen Energiekonzernen Deutschlands den ersten kommerziellen Hochsee-Windstrom zu erzeugen.

Obwohl die rot-grüne Regierung schon im Jahr 2000 im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) einen eigenen Vergütungspreis für die Einspeisung von Offshore-Windstrom festlegte und mittlerweile 20 Projekte in der Nord- und Ostsee über eine Baugenehmigung des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie verfügen, dreht sich bis heute noch keine einzige Turbine über deutschen Hochseegewässern. Gründe sind die Milliardeninvestitionen und die Unwägbarkeiten bei der Installation und beim Betrieb der Windräder in tosender See. Sie haben bis dato Geldgeber davon abgehalten, das Risiko Offshore anzugehen. Bisher hat sich noch keine Bank offiziell an die Finanzierung der Hochseeprojekte in Deutschland gewagt. Dazu kamen ungelöste Netzanschlussfragen und das Desinteresse der dominierenden Energiekonzerne.

Bard-Chef Arngolt Bekker ficht das alles nicht an. Der 2002 aus Russland eingewanderte ehemalige Gasfunktionär hat in Deutschland ein integriertes Offshore-Geschäft aufgebaut. Seine Firmengruppe lässt dafür nicht nur eigens ein Installationsschiff in Litauen herstellen. Der gelernte Ingenieur ist außerdem in die Konstruktion eigener Windkraftmaschinen am Hafen in Emden eingestiegen und baut die dortigen Kaianlagen aus, um die Turbinen später verschiffen zu können. Auch den komplizierten und teuren Bau der Fundamente für die riesigen Offshore-Windräder organisiert Bekker selbst. Mittlerweile arbeiten 250 Mitarbeiter für ihn. »Wir brauchen noch weitere 350«, sagt er.

Um all diese Aktivitäten umsetzen zu können, benötigt er aber vor allem Geld. Allein der geplante Windpark mit seinen 80 Maschinen zu je 5 Megawatt Leistung kostet rund 1,2 Milliarden Euro. Doch das scheint für den Deutschrussen kein Problem zu sein. Bekker saß zu Sowjetzeiten im Gasministerium und gründete nach Auflösung des kommunistischen Riesenreichs mit dem Energiemulti Gasprom eine Privatfirma zum Bau von Gaspipelines. Unter Russlands Expräsident Boris Jelzin florierte das Geschäft der mächtigen russischen Erdgasnomenklatura. Bekker zählte dazu, saß sogar im Gasprom-Aufsichtsrat. Dass er trotz der Erfolge das Land verließ, erklärt Bekker damit, dass er schon immer »in die Heimat seiner Vorfahren zurückkehren wollte«.

Doch es gab auch Vorwürfe: Bekker – mittlerweile zum Multimillionär aufgestiegen – habe wegen Geldgeschichten Ärger mit der Putin-Regierung bekommen. Das streitet Bekker ab. »Das einzige Problem, das es mit dem Kreml gab, war wegen Falschparkens«, sagt er knapp. Auch über sein Vermögen äußert sich der 72-jährige Manager nicht näher. Das Magazin Forbes taxierte es vor einigen Jahren auf 300 Millionen Euro. »Viel zu hoch«, sagt er. Für die Finanzierung der Projekte habe Bard ein Bankenkonsortium gewinnen können, erklärt Bekker, ohne aber Namen und Größenordnung des Kredits nennen zu wollen.