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Wer von Québec erzählt, kommt um dieses Gebäude nicht herum, also bewundern wir es gleich jetzt: Hoch ragt das Château Frontenac über der Stadt empor, ein Spukschloss, dem die Türme und die Giebel schreckstarr zu Berge stehen. Es ist das einschüchternde Wahrzeichen der Stadt, ein Wunderwerk der Neogotik, und unter seinem mächtigen Satteldach könnte das Weltparlament der Fledermäuse tagen.

Ein Ort der Geschichte, zweifellos, obwohl das Château nie eine Festung, sondern immer ein Luxushotel war. Doch hier wurde im August 1943 das Schicksal Europas entschieden. Im Hotel und in der alten Zitadelle nebenan planten Churchill und Roosevelt die alliierte Invasion in der Normandie. »In diesem Gemäuer ist alles ins Rollen gekommen, mein lieber deutscher Freund, und ich sage dir: Sei froh darüber«, knurrt der ältere amerikanische Reisende, mit dem ich vor dem Château Frontenac ins Gespräch komme. Dann sagt er: »Wo wäre ich jetzt, wenn dieser Angriff nicht stattgefunden hätte? Und vor allem: Wo wärst du jetzt? Sicher nicht hier.«

Québec, so scheint es, hat Geschichte nie einfach nur über sich ergehen lassen. Québec ist das natürliche Einfallstor, ein Turnierplatz der Geschichte. Die Stadt liegt am St.-Lorenz-Strom, welcher in den Nordosten des amerikanischen Kontinents hineinschneidet wie ein gewaltiger Atlantik-Zubringer. Man befindet sich zwar 1400 Kilometer entfernt vom Meer, aber die Stadt wird dennoch von Salzwasser umspült. Bis zu sieben Meter steigt es mit der Flut, im Winter schieben sich Schollen von Treibeis malmend hin und her.

Hier ist der mächtige Fluss so eng, dass man ihn an den kältesten Tagen mit einigem Geschick zu Fuß überqueren könnte. Die Stelle, die in der Sprache der indianischen Ureinwohner Kebek (»wo der Fluss enger wird«) hieß, war stets eine Schleuse der menschlichen Interessen: Hier musste man durch, wenn man auf der Flucht war oder jemanden verfolgte, hier war der Ort, Feinden aufzulauern und Hinterhalte zu errichten.

Aber es war auch der Ort der Geschäftemacher und der Missionare. Pelzhändler errichteten in Québec ein Imperium, das bis weit in den Westen des Kontinents und hinab bis Louisiana reichte. Die Jesuiten betrieben von hier aus die Rettung der amerikanischen Seelen. Und hier wurde auch das Holz verladen, aus dem die Europäer ihre Kriegsschiffe bauten. Riesige Flöße brachten die Weißkiefern aus dem Algonquin-Hochland herab.

Immer war Québec ein Ort von schwerer Symbolik: die magische, tief im Hinterland verborgene Pforte des Kontinents. In einer entscheidenden Schlacht haben hier 1759 die Engländer über die Franzosen gesiegt; auch aus diesem Grund spricht nur noch eine Minderheit der Nordamerikaner französisch, und das einst mächtige »Nouvelle France« schrumpfte zu einer einzigen kanadischen Provinz. Diese Schmach rumort noch immer im kollektiven Gedächtnis der Québécois, aber reden wir nicht mehr davon. Jetzt stehen Festtage an. Am 3. Juli 1608 hat der Forschungsreisende Samuel de Champlain Québec gegründet. Und der 3. Juli 2008 ist das Datum, auf das die 700.000 Bewohner der Stadt seit den ersten Frühlingstagen entschlossen hinfeiern. 400 Jahre Québec! Eine der ältesten Städte Nordamerikas! Die einzige mit einer Stadtmauer bewehrte Ansiedlung Nordamerikas! Die Wiege des französischen Amerika! Charles Aznavour wird in diesem Sommer auftreten und Placido Domingo, Céline Dion und der Cirque de Soleil. Am alten Hafen wurde ein Ausstellungszentrum, der Espace 400e, errichtet, ein neuer Park entlang des Stroms ist entstanden, Feste und Konzerte gibt es jeden Abend, und am 20. Juni wird das größte Lichtkunstspektakel aller Zeiten beginnen: The Image Mill.

Bildermühle? Ausgedacht hat sich das der poetische Weltkünstler und Theaterregisseur Robert Lepage, der aus Québec stammt und in einer ehemaligen Feuerwache am Hafen sein interdisziplinäres Theater-, Forschungs- und Selbstdarstellungszentrum Ex Machina betreibt. Lepage also, der (abgesehen von zahlreichen Eishockeyspielern) berühmteste lebende Sohn der Stadt, hat Bilder, Szenen, Filme aus der Ortsgeschichte gesammelt und wird sie auf ein 600 Meter langes Getreidesilo projizieren.

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Dieses Silo, ein von Lüftungsgeräuschen dröhnender und von Körnerstaub umschwebter Sperrriegel zwischen Stadt und Fluss, ist die blinde und trostlose Gegenfestung zum Château Frontenac. Lepage ist fest entschlossen, das Monster zum Leben zu erwecken. Es soll sich unter seinen Bildern in ein Riesenchamäleon verwandeln, auf dessen gewölbter und geriffelter Haut die Geschichte erglühen wird: The Image Mill, das Silo der Bilder.

Speicher der Vergangenheit – das ist eine Metapher, für die Québec ohnehin empfänglich ist. Die Stadt versteht sich als Umschlagplatz und Depot der Erinnerungen. Fünf Millionen Menschen sind hier seit der Stadtgründung angekommen.

Im Espace 400e werden die Wege erforscht, die sich an diesem Punkt gekreuzt haben. Jeder Besucher erhält am Eingang einen Koffer und geht mit ihm durch die Ausstellung. Der Koffer löst Lichtschranken aus und setzt Animationen in Gang, der Betrachter wird zum Passagier. Bewohner der Stadt Québec berichten in Videofilmen von der Reise, die ihre Vorfahren hinter sich haben. Auf klackernden Anzeigetafeln, wie wir sie von Flughäfen kennen, tauchen Namen und Uhrzeiten auf: Anna – 16.34. Charles – 18.11. Das, so suggeriert die Schau, sind die Babys, die gerade geboren werden, die Neuankömmlinge, die jüngsten Reisenden.

Immer wieder frage ich Einwohner Québecs, woher sie denn stammen, und sie wissen es verblüffend genau: norwegischer Ururgroßvater, französische Ururgroßmutter, aufs Boot gegangen in der Normandie im Jahre X … Offenbar sind sie an der Geschichte viel aktiver interessiert, als es die Kinder der Sesshaften sind. Die Sesshaften wollen nicht wissen, woher sie stammen, weil die Antwort enttäuschend wäre. Ihre Familie ist nur in der Zeit vorangekommen, aber nicht im Raum. Die Québécois hingegen stammen von Reisenden ab, verzweifelten Reisenden zumeist, die ihre Heimat für einen vagen Begriff von Freiheit und Wohlstand aufgegeben haben. Wie viel Wagemut und Not da geherrscht haben müssen! Sich auf enge, von Ratten und von Krankheiten verseuchte Schiffe zu zwängen, ohne zu wissen, was einem bevorstand, und für die Schiffspassage allen Besitz hinzugeben!

Der Mut der Vorfahren scheint die Urenkel noch immer zu beflügeln: Sie haben sich nicht träge fortgepflanzt, sie sind gereist. Sie sind freundlich, offen, unerschrocken. Sie wissen zu leben. Sie reisen immer noch. Man gerät in Québec so haltlos zwischen die Kulturen und Klischees, dass man sich schon wieder geborgen fühlt: Die Leute haben von den Franzosen den Charme, aber nicht die Arroganz, sie haben die Kochkunst, aber nicht das einschüchternde Bewirtungsritual; sie haben von den US-Amerikanern die umstandslose Freundlichkeit und die Coast-to-Coast-Gelassenheit, aber nicht den Lärm und die Großspurigkeit der Macht.

In der Dreimillionenstadt Montréal, die drei Zugstunden südwestlich liegt, erinnern viele Fassaden und Interieurs an New York. Das mag damit zusammenhängen, dass amerikanische Filmleute, wenn sie New Yorker Szenen drehen, gern nach Montréal ausweichen, weil es günstiger und ruhiger ist, sodass wir also oft, wenn wir im Kino New York zu sehen glauben, in Wahrheit Montréal sehen. Québec hingegen, vor allem seine ummauerte Altstadt, erinnert an Frankreich. Szenen aus Saint-Malo oder La Rochelle könnte man problemlos hier filmen, und die hübsche Laden- und Handwerkergasse Rue du Petit-Champlain in der Basse-Ville, der Unterstadt, ist der schier zu Tode fotografierte Beleg dafür, dass Nordamerika auch romantisch sein kann. Verlässt man den modernen, »amerikanischen« Teil und geht zur Altstadt empor, klettert man erst einmal durch das Quartier St.-Jean-Baptiste. Dieser enge Bezirk mit seinen an den Hang geklatschten Holzhäusern und den nackten Strommasten erinnert an eine nordeuropäische Fischerstadt, Stavanger oder Bergen. Zu jedem Stockwerk führt eine eigene, separate Außentreppe, sodass neben dem eigentlichen Haus ein verwinkeltes Stiegenhaus steht, worin es sich in den heißen Sommern wunderbar sitzen lässt.

Kommt man dann oben an, auf der Höhe des Cap Diamant, so führt einen die Grande Allee entweder ostwärts in die französische Altstadt oder westwärts in ein herrliches, unter Bäumen verschwindendes Wohngebiet, das an die schönsten Abschnitte von New Yorks Upper Westside erinnert. Parallel dazu verläuft der Parc des Champs-de-Bataille. Das ehemalige Schlachtfeld ist einer der größten Stadtparks der Welt.

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Eine gleichsam natürliche Distanz zu den Vereinigten Staaten und auch zu den englischsprachigen Provinzen, genannt Troc (The Rest of Canada), ist zu spüren. »Als was fühlt ihr euch denn eigentlich?«, frage ich beim Mittagessen in Québecs Café du Monde, einem hellen Hafenrestaurant mit Blick auf den Sankt-Lorenz-Strom und einer quirligen Kellnerschaft, die gleich mehrere Geburtstagstorten mit Wunderkerzen zu den voll besetzten Tischen bringt. »Wir sind Franzosen«, sagt mir Paule Bergeron vom Québec-City-Tourismusbüro, und sie zieht für einen Moment die Brauen hoch wie eine Pariserin, die mit einer Zumutung konfrontiert wird.

Franzosen im Geiste sind sie, und das (gescheiterte) Unabhängigkeitsreferendum der Frankokanadier im Jahr 1995 hätte das ganze Land fast kulturell gesprengt. Aber in Frankreich leben, das wollen die meisten doch nicht. »Ich fahre oft hinüber«, sagte mir René, mein Guide in Montréal, »ich will schon wissen, wo ich herkomme, aber ich fahre dann auch gern wieder fort. Es ist mir zu eng dort, zu laut.« – Man weiß das ja alles: Kanada, flächenmäßig das zweitgrößte Land der Erde, hat nur 32 Millionen Einwohner. Die Provinz Québec, fünfmal so groß wie Deutschland, hat gerade 7 Millionen Einwohner. Aber wenn man dann erlebt, wie rasch man die Metropole Québec hinter sich lassen und aufs Land fahren kann, staunt man doch: Eine halbe Stunde, und man ist im Skigebiet, in den Bergen von Sainte-Anne-des Monts. 15 Minuten, und man steht vor einem Wasserfall, der höher ist als die Niagarafälle: La Chute Montmorency. 20 Minuten, und man ist auf einer wunderschönen Flussinsel, die Québec gegenüber liegt, lang und hügelig, ein riesiger Pfropfen im Lorenzstrom: die Île dOrléans wurde im 17. Jahrhundert von 300 Familien besiedelt, sie ist ein der Zeit enthobenes Eiland mit lichten Hainen und sanften Hügeln, über die sich, tatsächlich, Weinreben hinziehen. Erst nach Jahrhunderten wurde eine Brücke zum Festland gebaut, zuvor waren die Inselbewohner, bis heute ein eigenbrötlerisches Volk, in den langen Wintern völlig auf sich gestellt.

Von hier aus sollte man weiterreisen, flussabwärts, am Strom entlang, ins Charlevoix: Das ist eine grandiose Mischung aus hügeligem Uferland (ungefähr wie Oberschwaben am Bodensee) und dunkler, nordischer Waldwelt, zwischen riesigem Park und ungewisser, schon von Meereslicht und Atlantikwetter eingefärbter Mündungslandschaft.

Fährt man weit genug aus Québec heraus, 230 Kilometer nach Nordosten, bis ins Dorf Tadoussac, dann kann man sehen, wie der Fjord von Saguenay in den Lorenzstrom mündet. In diesem süßsalzigen Wasser leben Krill, Plankton und Fische in Hülle und Fülle. Sie locken alle Arten von Walen an, und so ist die Bucht von Tadoussac eines der schönsten Walbeobachtungsgebiete der Erde. Man fährt mit einem aggressiven, wespenhaft brummenden Schlauchboot hinaus auf den Fluss, der hier schon 25 Kilometer breit und nur vier Grad warm ist. Wo der Wal ist, verraten die Möwen, die fressen, was er übrig lässt.

Man hört ihn, ehe man ihn sieht: seinen schnaubenden Atem beim Auftauchen, einen Laut, so scharf und verächtlich, als sei ihm unsere Nähe lästig. Man sieht seinen Rücken, die Bewegung eines riesigen Rades, das sich mit seinem Scheitel aus dem Wasser wälzt, und nach zwei Sekunden ist er wieder fort.

Man muss das gesehen haben, und vor allem muss man es gehört haben: das knappe, dringliche, abweisende Atmen des Wales. Dann versteht man das Bonmot des ehemaligen kanadischen Premierministers William Lyon Mackenzie King, über das man vor der Reise noch gespottet haben mag: »Andere Länder haben zu viel Geschichte, Kanada hat zu viel Geografie.«

Québec lehrt den Reisenden, auch die Geografie als Geschichte zu begreifen – als eine, deren geheime Herrscher sich von 400 Jahren menschlicher Geschichte nur schnaubend abwenden würden; als eine, die wir nicht mal ansatzweise erzählen könnten.

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Information

Anreise:
Am schönsten: Ankunft auf dem Trudeau International Airport Montréal (Air Canada ab Frankfurt am Main). Dann Weiterreise mit Via Rail ( www.crd.de/viarail ), der kanadischen Eisenbahngesellschaft, ab Via Rail Train Station

Unterkunft:
Hotel Le Place d’Armes, ein wunderschönes Boutique-Hotel in der Altstadt Montréals (55, Rue Saint-Jacques, Tel. 001-514/8421887, www.hotelplacedarmes.com ), riesige Räume mit restaurierten Backsteinwänden. DZ ab 107 Euro

Hotel Pur, ein aufs Wesentliche reduziertes Designerhotel (395, Rue de la Couronne, Québec, Tel. 001-418/6472611, www.hotelpur.com ). DZ ab 127 Euro

In Tadoussac in einer Bucht steht das Hotel Tadoussac (165, Rue Bord de l’Eau, Tel. 001-418/2354421, www.hoteltadoussac.com ), in dem der John-Irving-Roman »Hotel New Hampshire« verfilmt wurde

Sehenswürdigkeiten:
Alles über Wale weiß das Centre d’interprétation des mammifères marins (CIMM), 108, Rue de la Cale Sèche, Tadoussac, Tel. 001-418/2354701, www.gremm.org

Auskunft:
Canadian Tourism Commission, Tel. 01805/526232, www.bonjourquebec.com . Tourist Information, Tel. 001-418/6416290, www.quebecregion.com , www.monquebec2008.com

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umfasst von der einzigen Stadtmauer Nordamerikas, wurde von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärtDas ChÂteau Frontenac, Québecs WahrzeichenFoto: Fred Thomas/Hoa-Qui/laif Foto: Frédéric Reglain/Fedephoto/StudioX Foto: Grant Faint/gettyimages Foto: Diane Cook/Len Jenshel/gettyimages