Dieses Silo, ein von Lüftungsgeräuschen dröhnender und von Körnerstaub umschwebter Sperrriegel zwischen Stadt und Fluss, ist die blinde und trostlose Gegenfestung zum Château Frontenac. Lepage ist fest entschlossen, das Monster zum Leben zu erwecken. Es soll sich unter seinen Bildern in ein Riesenchamäleon verwandeln, auf dessen gewölbter und geriffelter Haut die Geschichte erglühen wird: The Image Mill, das Silo der Bilder.

Speicher der Vergangenheit – das ist eine Metapher, für die Québec ohnehin empfänglich ist. Die Stadt versteht sich als Umschlagplatz und Depot der Erinnerungen. Fünf Millionen Menschen sind hier seit der Stadtgründung angekommen.

Im Espace 400e werden die Wege erforscht, die sich an diesem Punkt gekreuzt haben. Jeder Besucher erhält am Eingang einen Koffer und geht mit ihm durch die Ausstellung. Der Koffer löst Lichtschranken aus und setzt Animationen in Gang, der Betrachter wird zum Passagier. Bewohner der Stadt Québec berichten in Videofilmen von der Reise, die ihre Vorfahren hinter sich haben. Auf klackernden Anzeigetafeln, wie wir sie von Flughäfen kennen, tauchen Namen und Uhrzeiten auf: Anna – 16.34. Charles – 18.11. Das, so suggeriert die Schau, sind die Babys, die gerade geboren werden, die Neuankömmlinge, die jüngsten Reisenden.

Immer wieder frage ich Einwohner Québecs, woher sie denn stammen, und sie wissen es verblüffend genau: norwegischer Ururgroßvater, französische Ururgroßmutter, aufs Boot gegangen in der Normandie im Jahre X … Offenbar sind sie an der Geschichte viel aktiver interessiert, als es die Kinder der Sesshaften sind. Die Sesshaften wollen nicht wissen, woher sie stammen, weil die Antwort enttäuschend wäre. Ihre Familie ist nur in der Zeit vorangekommen, aber nicht im Raum. Die Québécois hingegen stammen von Reisenden ab, verzweifelten Reisenden zumeist, die ihre Heimat für einen vagen Begriff von Freiheit und Wohlstand aufgegeben haben. Wie viel Wagemut und Not da geherrscht haben müssen! Sich auf enge, von Ratten und von Krankheiten verseuchte Schiffe zu zwängen, ohne zu wissen, was einem bevorstand, und für die Schiffspassage allen Besitz hinzugeben!

Der Mut der Vorfahren scheint die Urenkel noch immer zu beflügeln: Sie haben sich nicht träge fortgepflanzt, sie sind gereist. Sie sind freundlich, offen, unerschrocken. Sie wissen zu leben. Sie reisen immer noch. Man gerät in Québec so haltlos zwischen die Kulturen und Klischees, dass man sich schon wieder geborgen fühlt: Die Leute haben von den Franzosen den Charme, aber nicht die Arroganz, sie haben die Kochkunst, aber nicht das einschüchternde Bewirtungsritual; sie haben von den US-Amerikanern die umstandslose Freundlichkeit und die Coast-to-Coast-Gelassenheit, aber nicht den Lärm und die Großspurigkeit der Macht.

In der Dreimillionenstadt Montréal, die drei Zugstunden südwestlich liegt, erinnern viele Fassaden und Interieurs an New York. Das mag damit zusammenhängen, dass amerikanische Filmleute, wenn sie New Yorker Szenen drehen, gern nach Montréal ausweichen, weil es günstiger und ruhiger ist, sodass wir also oft, wenn wir im Kino New York zu sehen glauben, in Wahrheit Montréal sehen. Québec hingegen, vor allem seine ummauerte Altstadt, erinnert an Frankreich. Szenen aus Saint-Malo oder La Rochelle könnte man problemlos hier filmen, und die hübsche Laden- und Handwerkergasse Rue du Petit-Champlain in der Basse-Ville, der Unterstadt, ist der schier zu Tode fotografierte Beleg dafür, dass Nordamerika auch romantisch sein kann. Verlässt man den modernen, »amerikanischen« Teil und geht zur Altstadt empor, klettert man erst einmal durch das Quartier St.-Jean-Baptiste. Dieser enge Bezirk mit seinen an den Hang geklatschten Holzhäusern und den nackten Strommasten erinnert an eine nordeuropäische Fischerstadt, Stavanger oder Bergen. Zu jedem Stockwerk führt eine eigene, separate Außentreppe, sodass neben dem eigentlichen Haus ein verwinkeltes Stiegenhaus steht, worin es sich in den heißen Sommern wunderbar sitzen lässt.

Kommt man dann oben an, auf der Höhe des Cap Diamant, so führt einen die Grande Allee entweder ostwärts in die französische Altstadt oder westwärts in ein herrliches, unter Bäumen verschwindendes Wohngebiet, das an die schönsten Abschnitte von New Yorks Upper Westside erinnert. Parallel dazu verläuft der Parc des Champs-de-Bataille. Das ehemalige Schlachtfeld ist einer der größten Stadtparks der Welt.