Eine gleichsam natürliche Distanz zu den Vereinigten Staaten und auch zu den englischsprachigen Provinzen, genannt Troc (The Rest of Canada), ist zu spüren. »Als was fühlt ihr euch denn eigentlich?«, frage ich beim Mittagessen in Québecs Café du Monde, einem hellen Hafenrestaurant mit Blick auf den Sankt-Lorenz-Strom und einer quirligen Kellnerschaft, die gleich mehrere Geburtstagstorten mit Wunderkerzen zu den voll besetzten Tischen bringt. »Wir sind Franzosen«, sagt mir Paule Bergeron vom Québec-City-Tourismusbüro, und sie zieht für einen Moment die Brauen hoch wie eine Pariserin, die mit einer Zumutung konfrontiert wird.

Franzosen im Geiste sind sie, und das (gescheiterte) Unabhängigkeitsreferendum der Frankokanadier im Jahr 1995 hätte das ganze Land fast kulturell gesprengt. Aber in Frankreich leben, das wollen die meisten doch nicht. »Ich fahre oft hinüber«, sagte mir René, mein Guide in Montréal, »ich will schon wissen, wo ich herkomme, aber ich fahre dann auch gern wieder fort. Es ist mir zu eng dort, zu laut.« – Man weiß das ja alles: Kanada, flächenmäßig das zweitgrößte Land der Erde, hat nur 32 Millionen Einwohner. Die Provinz Québec, fünfmal so groß wie Deutschland, hat gerade 7 Millionen Einwohner. Aber wenn man dann erlebt, wie rasch man die Metropole Québec hinter sich lassen und aufs Land fahren kann, staunt man doch: Eine halbe Stunde, und man ist im Skigebiet, in den Bergen von Sainte-Anne-des Monts. 15 Minuten, und man steht vor einem Wasserfall, der höher ist als die Niagarafälle: La Chute Montmorency. 20 Minuten, und man ist auf einer wunderschönen Flussinsel, die Québec gegenüber liegt, lang und hügelig, ein riesiger Pfropfen im Lorenzstrom: die Île dOrléans wurde im 17. Jahrhundert von 300 Familien besiedelt, sie ist ein der Zeit enthobenes Eiland mit lichten Hainen und sanften Hügeln, über die sich, tatsächlich, Weinreben hinziehen. Erst nach Jahrhunderten wurde eine Brücke zum Festland gebaut, zuvor waren die Inselbewohner, bis heute ein eigenbrötlerisches Volk, in den langen Wintern völlig auf sich gestellt.

Von hier aus sollte man weiterreisen, flussabwärts, am Strom entlang, ins Charlevoix: Das ist eine grandiose Mischung aus hügeligem Uferland (ungefähr wie Oberschwaben am Bodensee) und dunkler, nordischer Waldwelt, zwischen riesigem Park und ungewisser, schon von Meereslicht und Atlantikwetter eingefärbter Mündungslandschaft.

Fährt man weit genug aus Québec heraus, 230 Kilometer nach Nordosten, bis ins Dorf Tadoussac, dann kann man sehen, wie der Fjord von Saguenay in den Lorenzstrom mündet. In diesem süßsalzigen Wasser leben Krill, Plankton und Fische in Hülle und Fülle. Sie locken alle Arten von Walen an, und so ist die Bucht von Tadoussac eines der schönsten Walbeobachtungsgebiete der Erde. Man fährt mit einem aggressiven, wespenhaft brummenden Schlauchboot hinaus auf den Fluss, der hier schon 25 Kilometer breit und nur vier Grad warm ist. Wo der Wal ist, verraten die Möwen, die fressen, was er übrig lässt.

Man hört ihn, ehe man ihn sieht: seinen schnaubenden Atem beim Auftauchen, einen Laut, so scharf und verächtlich, als sei ihm unsere Nähe lästig. Man sieht seinen Rücken, die Bewegung eines riesigen Rades, das sich mit seinem Scheitel aus dem Wasser wälzt, und nach zwei Sekunden ist er wieder fort.

Man muss das gesehen haben, und vor allem muss man es gehört haben: das knappe, dringliche, abweisende Atmen des Wales. Dann versteht man das Bonmot des ehemaligen kanadischen Premierministers William Lyon Mackenzie King, über das man vor der Reise noch gespottet haben mag: »Andere Länder haben zu viel Geschichte, Kanada hat zu viel Geografie.«

Québec lehrt den Reisenden, auch die Geografie als Geschichte zu begreifen – als eine, deren geheime Herrscher sich von 400 Jahren menschlicher Geschichte nur schnaubend abwenden würden; als eine, die wir nicht mal ansatzweise erzählen könnten.