In der deutschen Sozialdemokratie geschieht zuweilen Wundersames. Neulich erst, als die politischen Erregungswellen noch in voller Wucht über dem wortbrüchigen Kurt Beck zusammenschlugen, lernte die SPD einen Frank-Walter Steinmeier kennen, der ihr bis dato fremd war.

Soeben hat Fraktionschef Peter Struck mit dem politischen Bericht die Sitzung der 222 sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten eröffnet, als Steinmeier das Wort ergreift. Nicht als Vizekanzler, nicht als Außenminister, sondern als Stellvertreter Becks wendet er sich an die Parlamentarier. Verzagt haben die zuletzt darauf verwiesen, welche Absurditäten die Linkspartei fordere. Kleinmütig haben sie nachgerechnet, was deren große Versprechungen denn kosten. Gebetsmühlenartig haben sie betont, dass ein Bündnis mit den Lafontaine-Linken im Bund nicht infrage komme. Steinmeier macht Schluss mit der Verzagtheit, dem Kleinmut, dem verbalen Wiederkäuen des Ewiggleichen, dem ganzen Duckmäusertum. »Es geht um Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung«, schmettert er den Abgeordneten entgegen. »Wir werden klarmachen, was wir wollen – und dann werden die Leute schon sehen, dass mit denen nichts geht.« Die SPD dürfe der Linkspartei nicht hinterherlaufen, sie müsse sich von ihr unterscheiden.

Als Steinmeier endet, schauen sich die Genossen kurz verdutzt an – und dann jubeln sie. In Deutschlands höchstem Diplomaten versteckt sich ein sozialdemokratischer Kämpfer, lautete die eine Erkenntnis, die sie mit nach Hause nehmen, mit an die verzagte, kleinmütige, duckmäuserische Basis. Die zweite: »Der kann auch Partei.«

Frank-Walter Steinmeier, Sohn eines Tischlers und einer Fabrikarbeiterin aus Detmold-Brakelsiep im Kreis Lippe, legt derzeit eine der erstaunlichsten politischen Karrieren hin, die das Land bislang gesehen hat: gestern noch erster Zuarbeiter, heute schon letzte Hoffnung. Vor drei Jahren war Frank-Walter Steinmeier der deutschen Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt, heute führen ihn die Umfragen als beliebtesten Politiker neben der Kanzlerin. Und jetzt soll er auch noch die traditionsreichste deutsche Partei retten, die SPD. Seine SPD, die SPD von Willy Brandt und August Bebel. Die SPD, die jetzt zur Partei von Kurt Beck geschrumpft ist. Eine Volkspartei ohne Volk.

Parteichef Beck traut niemand mehr die Rettung zu. Zu beschädigt die Glaubwürdigkeit, zu orientierungslos der Kurs, zu hoffnungslos tief im Keller die persönlichen Umfragewerte, als dass Beck da retten könnte, wo er selbst kaum noch zu retten ist. Also muss Steinmeier ran, der Mann, der lange schon als einzige Alternative gilt. Der Mann, den so viele mögen – und den so wenige wirklich kennen.

Um die SPD zu retten, muss Steinmeier erst mal das werden, was er gefühlt schon ist: Kanzlerkandidat. Und dann gilt es, die Partei zu einen, ihr wieder eine Richtung zu geben und die Weinerlichkeit zu vertreiben. Als Kandidat muss Steinmeier Kampfesmut wecken und Siegeszuversicht vermitteln – und, ach ja, er muss die Wahl im Herbst 2009 anständig bestehen. Dass er sie sogar gewinnt, diese Wahl, würde heute niemand von ihm erwarten. Es reicht schon, wenn er bis dahin die SPD rettet.

Aber kann er das überhaupt? Kann dieser Mann eine Partei, die seit Jahren zerstritten ist, die auf die Herausforderung der Globalisierung bis heute keine Antwort gefunden hat, die jede Richtung und jedes Selbstverständnis verloren hat, wieder zu einer Einheit zusammenschweißen – und dabei Angela Merkel Paroli bieten? Jedenfalls sind all die Erwartungen und Hoffnungen ganz schön viel für einen, der nie laut »hier« gerufen hat, als in der Sozialdemokratie die Macht verteilt wurde. Für jemand, der 15 Jahre lang, von 1990 bis 2005, sein Dasein als Machtschattengewächs gefristet hat. Als Büroleiter des niedersächsischen Ministerpräsidenten, als Leiter der Staatskanzlei, als Chef des Bundeskanzleramts. Für Gerhard Schröder, seinen Herrn und Mentor, hat Steinmeier, der promovierte Jurist, Spiegelstriche sortiert, Vorlagen erarbeitet, Kontakte geknüpft. Für Schröder hat er ein Stahlwerk in Salzgitter gerettet, den Atomausstieg erstritten, die Agenda 2010 erfunden.