Siebzig Prozent – diese Zahl sollten Sie sich merken. Es ist der Anteil der Frauen in mehreren Gemeinden des Ostkongos, die seit Ausbruch des Krieges 1997 vergewaltigt worden sind. Die meisten Täter sind Rebellen, Soldaten oder Milizionäre. Seit 2002 herrscht im Kongo offiziell Frieden. Die Vergewaltigungen aber gehen weiter.

1820 – auch diese Zahl sollten Sie sich merken. Es ist die Nummer der Resolution des UN-Sicherheitsrats gegen sexuelle Gewalt, die vergangene Woche verabschiedet wurde.

Na und?, werden Sie jetzt einwenden. Papier ist geduldig, und wohlklingende Appelle sind billig. In diesem Fall stimmt das nicht. Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen hat deren mächtigstes Gremium anerkannt, dass sexuelle Gewalt das Ausmaß einer globalen Krise angenommen hat. Es hat anerkannt, dass Vergewaltigungen immer wieder als Kriegsstrategie eingesetzt werden und als Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Teil eines Völkermords zu ahnden sind.

Noch im vergangenen Jahr war ein ähnlicher Vorstoß gescheitert. Die UN-Botschafter Russlands, Chinas, Südafrikas und Indonesiens erklärten, Vergewaltigungen seien nun mal ein »Nebenprodukt« von Kriegen, höchst bedauerlich zwar, aber kein Thema für den Sicherheitsrat. Boys will be boys – was will man da schon machen. Auf Druck und Drängen von Menschenrechtsgruppen und des amerikanischen Außenministeriums haben sie ihre Meinung offenbar geändert. Systematische sexuelle Gewalt ist kein soldatisches Kavaliersdelikt mehr, sondern – so steht es ausdrücklich in Resolution 1820 – eine Gefahr für Frieden und Sicherheit. Genau wie Waffenschmuggel, Hunger oder Terrorismus.

Es geht nicht um eine Hierarchie des Leidens, also um die Frage, was fürchterlicher ist: Opfer einer Autobombe oder einer Massenvergewaltigung zu werden. Es geht um die Wirkung der Tat auch auf jene, die nicht direkt betroffen sind. Autobomben sind deshalb so effektiv, weil sie nicht nur töten und verletzen, sondern auch jedes Gefühl von Sicherheit in einer Gesellschaft zerstören. Systematische Vergewaltigungen sind so effektiv, weil sie nicht nur töten und verletzen, sondern darüber hinaus eine Familie, ein Dorf eine ethnische Gruppe zerstören können.

Im Kongo war und ist es gängige Praxis von Rebellen, Frauen vor den Augen ihrer Männer zu vergewaltigen und zu verstümmeln. In Darfur ist es gängige Praxis der Dschandschawid-Milizen, vergewaltigte Frauen nackt mit einem Brandmal in ihre Dörfer zurückzuschicken. Der Körper des Opfers als Nachricht, als Aufforderung an die ganze Gruppe, zu fliehen. Für diese Form der Vertreibung müssen die Täter nicht mal Gewehrkugeln verschwenden. Und sie wissen, dass die meisten Opfer und ihre Familien aus Scham schweigen.

Deswegen ist Vergewaltigung eine so wirkungsvolle Waffe: Es ist das einzige Verbrechen, bei dem das Stigma der Tat am Opfer haften bleibt, nicht am Täter. Dieses Stigma gilt, wenn auch unterschiedlich stark, überall auf der Welt. Aber wo immer die Ehre der Männer von der »Reinheit« der Frauen abhängig gemacht wird, funktioniert diese Kriegsstrategie besonders gut.