äre sie eine Gestalt der Renaissance, wäre sie eine intrigante Borgia, eine kunstsinnige Medici, eine grandiose Visconti gewesen, gewiss gäbe es längst Musicals und Filme über sie. Dabei reichten auch die Abenteuer ihres Lebens für mehr als drei Biografien. Denn die Mailänder Prinzessin Cristina Belgiojoso gehört zu den faszinierendsten Gestalten des 19. Jahrhunderts. Eine Salonkönigin war sie, eine Historikerin, ein souveräner Geist. Vor allem: eine Freiheitsheldin, eine Protagonistin im Kampf der Italiener gegen Habsburg.

Cristina Belgiojoso stritt mit der Feder, als Kurierin im Untergrund und, wenn es sein musste, auf den Barrikaden. Mehr als einmal in ihrem Leben führte sie ein kleines Heer von Aufständischen an. Und mehr als einmal wurde sie gezwungen, den Weg ins Exil anzutreten. Aber selbst in Italien, das Garibaldi, Mazzini, Cavour und den anderen Einigern der Nation Denkmal um Denkmal errichtete, blieb sie eine Fremde. Das Land, dem ihre ganze Liebe galt, scheint sie vergessen zu haben.

Nur noch als Phantom geistert sie durch die Memoirenwerke und Korrespondenzen des 19.Jahrhunderts. Wie falsch eingestellte Bücher findet man sie durch Zufall, unter der Rubrik »Muse« oder »Weggefährtin berühmter Männer«, und da stößt man naturgemäß auf blühendste Kolportage. Zum Beispiel in dem berühmten Buch Liebe, Tod und Teufel, das der italienische Literaturhistoriker Mario Praz 1930 über die schwarze Romantik geschrieben hat , wo sie, bis zur Unkenntlichkeit fiktionalisiert, als vampireske belle dame sans merci erscheint.

Das Gegenstück zu dieser Mystifikation hatte ein Jahrhundert zuvor ein Größerer geliefert, Heinrich Heine nämlich. In den Florentinischen Nächten wurde er 1836 zum Ikonenmaler: »Nie kommt mir dieses Gesicht aus dem Gedächtnisse. Es war eines jener Gesichter, die mehr dem Traumreich der Poesie als der rohen Wirklichkeit des Lebens zu gehören scheinen; Konturen, die an da Vinci erinnern, jenes edle Oval mit den naiven Wangengrübchen und dem sentimental spitz zulaufenden Kinn der lombardischen Schule. Die Färbung römisch sanft, matter Perlenglanz, vornehme Blässe, Morbidezza.«

Heine, Liszt, Balzac, Chopin – alles drängt sich um sie

Cristina Belgiojosos Erscheinung stimulierte die Lust der Epoche an romantischer Theatralisierung. Schon vor ihrer Ankunft in Paris im Mai 1831, zur selben Zeit etwa wie Heine, hatte die Legendenbildung eingesetzt. Eine junge, schöne Aristokratin, die mit 19 Jahren, nach einem kurzen Ehefiasko, in den Untergrund gegangen und nach einem gescheiterten Aufstand und abenteuerlicher Flucht von einem Getreuen huckepack außer Landes geschmuggelt worden war – versprach das nicht den Stoff für eine große Oper? In Paris grassierte gerade die italomania. So erschlafft Frankreichs revolutionärer Geist über der Forderung des Tages – »Enrichissez vous!« (Bereichert euch!) – auch war, auf der Bühne gab er sich gern der süßen Selbstfeier hin, wenn geschundene Heroinen mit Wahnsinnsarien gegen ihr Schicksal aufbegehrten.

Es war die Zeit des Bürgerkönigs Louis Philippe, den die Karikaturisten gern als Birne verspotteten. Doch besser als zu Hause lebte es sich hier allemal. Denn dort führten die Habsburger ein rigides Regiment: Zensur-Schikanen, Hausdurchsuchungen, Bespitzelungen bestimmten den Alltag der Intellektuellen. Der Arm des ewigen Wiener Staatskanzlers, des Fürsten Metternich, reichte bis nach Mailand und Venedig, in ganz Lombardo-Venetien regierte il bastone tedesco, der österreichische Stock. Im päpstlichen Kirchenstaat, der noch weite Teile Mittelitaliens umfasste, herrschten mittelalterliche Verhältnisse; der Süden, das sizilianische Königreich der Bourbonen, versank in jämmerlichster Armut.