Martin Welcker lässt sich was einfallen, wenn es um die Fitness seiner Leute geht. Schon vor Jahren schlug der Geschäftsführer des Kölner Maschinenbauers Schütte vor, in den Pausen Kniebeugen zu machen. "Da haben mich alle für bekloppt erklärt", sagt Welcker, ein Urenkel des Unternehmensgründers. Doch seine Fürsorge kommt nicht von ungefähr. Schließlich hat mehr als ein Viertel der rund 700 Mitarbeiter schon die 50 überschritten. Und das Unternehmen ist daran interessiert, dass auch die Älteren noch einige Jahre durchhalten.

In den Schütte-Hallen gibt es überall Tageslicht und Industrieparkett; "wer bei Kunstlicht acht Stunden auf hartem Beton steht, der hält das nicht ewig durch", sagt Welcker. Die werkseigene Kantine kocht selbst, "damit es statt Currywurst was Gesundes zu essen gibt". Ältere nehmen selbstverständlich an den normalen Weiterbildungen teil. Wer den Stress nicht mehr aushält, wenn er auf Montage fährt und ihm ständig der Kunde über die Schulter schaut, der wird schon mal ins Lager umgesetzt. Kann ein Monteur aber gut mit Kunden umgehen, wechselt er vielleicht in den Verkauf. Nicht Menschenfreundlichkeit steckt dahinter, sondern die Erkenntnis, dass ein gut laufendes Unternehmen seine Facharbeiter braucht. Auch die älteren.

Doch so fortschrittlich Schütte sein mag, den idealen Weg, um älteren Arbeitnehmern gerecht zu werden, hat auch diese Firma nicht gefunden: An die fünf Prozent der Beschäftigten würden weiterhin jährlich vorzeitig in den Ruhestand gehen –, das ist die tarifvertragliche Obergrenze, sagt der Betriebsrat Dieter Kartusch. Zudem laufe "die Umsetzerei" und die Weiterbildung in Wirklichkeit gar nicht so großartig. Nur – hängt das miteinander zusammen? Und ist die frühe Verrentung nun eher gut oder eher schlecht? Auch der Betriebsrat kämpft mit seinem Urteil. Als Mitarbeiter sagt Kartusch: Wenn einer in Altersteilzeit gehe, "dann tut uns das weh". Gleichzeitig verteidigt Kartusch als Gewerkschafter die Position der IG Metall, dass Altersteilzeit unverzichtbar sei. Bei Schütte gebe es harte Akkordarbeit. Das könne man nicht bis zum Alter von 67 Jahren machen.

Es arbeitet wieder jeder zweite Deutsche über 55

Wie man mit älteren Arbeitnehmern umgehen sollte, ist eine der gesellschaftlichen Fragen, die Jahr für Jahr an Bedeutung gewinnen. Zwar arbeitet derzeit fast in jedem zweiten Betrieb kein einziger Mensch mehr, der älter ist als 50 Jahre. Doch ist der Anteil der Älteren unter den Erwerbstätigen in den vergangenen zehn Jahren stärker als bei den übrigen Beschäftigten gestiegen. Nimmt man alle Deutschen über 55 Jahren, so arbeitet wieder jeder Zweite, ab 60 Jahren immerhin noch jeder Dritte und bei den 64-Jährigen jeder Zwanzigste. Die Gesellschaft altert. Und das zeigt sich nach und nach auch in den Betrieben.

An die Oberfläche drängt der demografische Wandel gerade durch den Streit um die Altersteilzeit: Die IG Metall kämpft lautstark um einen neuen Tarifvertrag zur Fortführung der Altersteilzeit und verhandelt am Freitag dieser Woche erneut mit den Arbeitgebern. Unterdessen will die SPD eine im Jahr 2009 auslaufende gesetzliche Förderung fortschreiben. Satte 1,4 Milliarden Euro kostet sie jährlich und wird von der Bundesagentur für Arbeit ausgezahlt. Noch. Denn die CDU wehrt sich erbittert, diese Praxis über 2009 hinaus zu verlängern. In beiden Auseinandersetzungen geraten die grundsätzlichen Fragen ein wenig aus dem Blick: Welche Rolle sollte die Altersteilzeit überhaupt in einer alternden Gesellschaft spielen? Und wie muss sich die Arbeitswelt zum Nutzen aller verändern?

"Bei vielen Unternehmen herrscht immer noch der Jugendkult", moniert Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Und das, obwohl Fachkräfte bereits heute knapp werden und bis 2020 die Zahl der Menschen zwischen 55 und 64 Jahren um 40 Prozent zunimmt. Dass die Zahl der älteren Erwerbstätigen wieder steigt, erklärt Brenke denn auch weniger mit den Bemühungen der Unternehmen als mit der Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Statistisch betrachtet tut die Masse der Unternehmen weiterhin kaum etwas für die Förderung älterer Mitarbeiter. "Die Chancen auf eine Weiterbildung sind für Ältere nur halb so hoch wie für andere Beschäftigte", hat Lutz Bellmann vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarktforschung herausgefunden. Nur jeder fünfte Betrieb praktiziert laut seiner Studie eine Gesundheitsvorsorge für die alternde Belegschaft, die über die gesetzlichen Mindestnormen hinausgeht. Das sei nicht schön, aber logisch, kontert Markus Gunkel aus der Geschäftsführung der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände. "Wenn die Betriebe wissen, es gibt kein Entrinnen, der Arbeitnehmer bleibt bis 67 bei uns, dann investieren sie auch in Weiterbildung", sagt er. "Weil die sich dann auch mehr rentiert." Genau deshalb sei ein Ende der Altersteilzeit ein wichtiges Signal. Indirekt räumt aber auch Gunkel ein, dass nicht wenige Betriebe scheinheilig agieren. Wenn die Konjunktur sich eintrübe, dann könnte es schon sein, "dass manche Unternehmen wieder gern die Frühverrentung als Mittel des Personalabbaus einsetzen".