Lieber Harald,

heute laufe ich zum letzten Mal aufs Feld, Zeit also für ein Resümee. Zuerst einmal: Fußball. Was ist das überhaupt? Was ist sein höherer, ja, sein philosophischer Wert? Schadet oder nützt er dem Euro, der Völkerverständigung, dem Rassenhass, der Versöhnung zwischen Ost und West, zwischen Mann und Frau? Lachen Sie nicht, ich habe es auch meistens geschafft, nicht zu lachen, als ich dauernd diese Fragen gestellt bekam, in den letzten Wochen, von diversen Journalisten. Wir zwei gehören ja zu den glücklichen Hofnarren, die mehr oder weniger treiben dürfen, was sie wollen, aber diese armen Vollzeitjournalisten müssen täglich ihre überdimensionierten EM-Beilagen füllen. Und da klopfen sie eben verzweifelt auf den Ball oder Stein, hoffend, dass Wasser rauskommt oder Feuer oder ein geistiger Mehrwert.

Wissen Sie, was ich denke? Alles ein Schaas, auf gut Österreichisch. Fußball ist Fußball und sonst nichts, ein total infantiles Vergnügen zur Triebabfuhr, weil der Mensch, jedenfalls der demokratische, nicht immer klug und kontrolliert sein kann. Dann brüllt und schreit er halt vor dem Fernseher oder im Stadion, greift nach gewonnenem Spiel zum fünften Bier oder nach seiner Frau oder beides, nur der Türke greift irritierenderweise sofort nach Abpfiff zum Autoschlüssel und rast hupend durch die Nacht.

Aber mehr ist es doch nicht! Gut, dauernd gibt es neue Bälle, die flattern oder nicht, die Liberos sind abgeschafft zugunsten irgendwelcher Ketten, das Spiel veränderte sich von der Mann- zur Raumdeckung, heute bekommen die Spieler Millionen und nicht, wie mein Vater anno dazumal, einen warmen Händedruck und einen bachernen (falls nicht in Ihrem Wörterbuch: ollen) Bronzeteller. Dafür riskieren sie heute viel mehr, komplizierte Brüche, multipel gerissene Bänder, und nicht, wie mein Vater, bloß seine Nase, die ihm bei Kopfbällen zweimal gebrochen wurde. Ja, alles ist irgendwie hochgerüstet, aber die Sache bleibt dieselbe.

Am allerschlimmsten ist, dass der italienische Fußball immer derselbe bleibt. Ich liebe dieses Land, seine Nudeln, seine Weine, das ganze fuchtelnde, zeternde Temperament seiner Menschen, aber der Fußball, der kotzt mich nur noch an. Das machen die doch seit Jahrzehnten! Mit acht, neun Mann hinten reinstellen und mauern, während vorne ihre hoch bezahlten Schönlinge von Stürmern mit den geölten Haaren warten wie reglose Raubvögel, die herabstürzen, sobald der erschöpfte Gegner den klitzekleinsten Fehler macht. Und dieser Luca Toni! Der hat sich tatsächlich jedes einzelne Mal, wenn ihm der Ball abgenommen wurde, mit einem Gesicht fallen lassen, als hätte er einen Dolch im Gedärm. Ich sage Ihnen, die Verletzung eines Italieners glaub ich inzwischen erst, wenn er blutend vom Platz getragen wird. Also, ich hab mich riesig für die Spanier gefreut.

Aber nun zu Ihnen, mein lieber älterer Freund und gütiger Österreich-Versteher. Sie schlagen mir den Anschluss vor? Noch einmal sollen wir es zusammen versuchen? Ihr spielt für uns Fußball, wir fahren im Gegenzug für Euch Ski, wir schwimmen für Euch, wir spielen Tischtennis, kämpfen im Judo, halten die Badeseen sauber und die Altstädte historisch, wir kochen und schreiben und singen für Euch, und dann freuen wir uns alle immer zusammen über unsere Siege, ohne Arg und List? Das ist so schön, lieber Harald, dass ich mir wünsche, ich könnte mit Ihnen zusammen das Finale sehen, wodkabefeuert in Ihren Armen liegen, wenn hoffentlich Ihr, ach: wenn wir die wilden jungen Russen schlagen. Aber so vernünftig sind jedenfalls meine Landsleute nicht, die bestehen zwanghaft auf Unterschieden wie Kartoffel oder Erdapfel. Für den Satz: "Wir sprechen die gleiche Sprache" würden Sie in Österreich übrigens gesteinigt, Harald!

Also wird es bleiben, wie es immer war: Wir werden weiterhin Fußball spielen wie die ersten Menschen und uns auf den Nachteil des kleinen Landes berufen, so als gäbe es Holland, Portugal, Kroatien gar nicht. Ihr werdet weiterhin einen ordentlichen Fußball spielen, solide und verlässlich wie Euer Ingenieurswesen, Eure Justiz und Euer bekümmerter Selbsthass. Wissen Sie, wie viele Ihrer Landsleute mir am 16. Juni, als ich vor einer Münchner Großleinwand keck ein rotweißrotes Fähnchen schwenkte, versicherten, sie hielten ganz fest zu Österreich, weil sie den deutschen Jubel nicht ertrügen?