Levent Boran war 13, als seine Eltern ihn das erste Mal zum Psychiater schickten. Der Istanbuler Arzt bescheinigte ihm, »unnormal« zu sein. Jungen, die sich zu Jungen hingezogen fühlten, verstießen gegen die Moral und den Koran. Levent müsse sich ändern, sonst stehe ihm zur Strafe ein elendes Leben bevor. Levent [Name von der Redaktion geändert] ist heute 22 und kann sogar ein wenig lächeln, wenn er die Geschichte erzählt. »Ich habe aufgehört, meine natürlichen Neigungen zu ersticken«, sagt er. »Aber mein Leben zwischen 13 und 18 war ein quälendes Ringen mit mir und der Therapie des Arztes.«

In einem Punkt hatte der furchtbare Psychiater recht: Das Leben ist schwer für Homosexuelle im Nahen und Mittleren Osten. Liegt es am Islam? Alle monotheistischen Religionen hadern mit der gleichgeschlechtlichen Liebe. Das Alte Testament hält zur Abschreckung die Geschichte von Lot in Sodom bereit. In einigen westlichen Ländern liegen Verbote und Verfolgungen kaum zwei Jahrzehnte zurück. Doch heute dürfen Homosexuelle vielerorts heiraten. Ende der Woche werden Gay Pride Parades über Europas Boulevards ziehen, das rosarote Berlin fiebert dem Christopher Street Day entgegen. In den meisten muslimischen Ländern ist das undenkbar, Homosexuelle werden gehetzt und verfemt. Warum?

Istanbul ist ein Ort, an dem auf den ersten Blick alles erlaubt scheint. Beyoglu, das ehemals christliche Viertel und Herz der lebenslustigen Türkei, verwandelt sich abends in die schillernde Partyzone eines andernorts tiefgläubigen Landes. Musik dringt aus jeder offenen Tür. In den Clubs tanzen die Transvestiten, an der Tarlabasi-Straße stehen die aufgedonnerten Strichjungen zwischen den grell geschminkten Prostituierten. Im Café Erdbeere und im Café Lila Katze treffen sich Schwule und Lesben auf einen Drink. Und drumherum schlürfen die ausgehfreudigen Istanbuler ihren eisgekühlten Raki.

Levent hat seine braunen Haare nicht kurz geschoren, wie sonst bei türkischen Männern üblich. Im Übrigen ist er vorsichtig. »Die Türken zelebrieren männliche Identität.« Also meidet er bunte Kleidung.

Wenn das Versteckspiel auffliegt, schlägt die Gesellschaft zu

Hat den markigen Schritt des türkischen Mannes verinnerlicht. Geht mit seinem Freund niemals Hand in Hand auf der Straße. »Ich gebe vor, wie die anderen zu sein, ich verstecke mich – aus Selbstschutz.« Und wenn nicht? »Dann schlägt die Gesellschaft zu.« Anschnauzen, Beleidigungen, Prügel – 37 Prozent der türkischen Homosexuellen haben laut Umfragen schon Gewalt erfahren. Wegducken ist die Reaktion. Wie die meisten Homosexuellen in der muslimischen Welt spricht Levent ungern über sich. Mit seinen Eltern hat er niemals offen geredet.

»Sichtbarkeit zieht Gewalt nach sich«, urteilt ein Bericht von Human Rights Watch über die Lage türkischer Homosexueller. Ähnlich in der arabischen Welt. Die Diskriminierung beginnt in den Familien, wo manche Väter, Brüder und Onkel die sexuelle Neigung ihrer Verwandten mit Faustschlägen bekämpfen, in Einzelfällen mit Waffen. Vor Gericht rechtfertigen sich Täter mit dem »unmoralischen« oder »unislamischen« Verhalten ihrer Opfer. Die Gesetze schützen nicht selten die Täter.