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Ein Wanderweg ist ein Wanderweg ist ein Wanderweg. Falsch! Es gibt prämierte und Nur-so-Wanderwege. Der Deutsche Wanderverband – und er ist nicht der einzige – zeichnet Jahr für Jahr neue "Qualitätswege Wanderbares Deutschland" aus.

Was darf man sich unter einem Qualitätsweg vorstellen? Einen Weg mit wegsameren Wegen, mit schöneren Naturschönheiten und höheren Highlights?

Eines ist klar: Bei einem deutschen Qualitätswanderweg muss alles seine Ordnung haben. Folglich findet man im Internet unter www.wanderbares-deutschland.de auch sage und schreibe 9 Haupt- und 23 Ergänzungskriterien, die einen Wanderweg aus den Niederungen der Gehwege in die Qualitätssphäre heben. Bewertet werden unter anderem: Verbund (Beton? Pflaster? Gehspur?), Oberfläche (erdig, grasig?), natürliche Stille, befahrene Straßen (höchstens 3 Prozent der Gesamtstrecke!), eindrucksvolle Aussichten ("mindestens 45Grad-Öffnung und 2000 Meter weit"), Rastmöglichkeiten (Bänke, Plätze, Hütten).

So geeicht, beschließe ich, Deutschlands jüngsten Qualitätssiegelträger, den Kyffhäuserrundweg in Thüringen, unter die rutschfesten Sohlen zu nehmen.

Wer die Kyffhäuserstadt Bad Frankenhausen auf dem Qualitätsweg nord-, also bergwärts verlässt, hat im Mai Fliederduft in der Nase. Die blühenden Büsche waren vor Jahrhunderten auf die verlassenen Weinterrassen eingewandert und haben sich von dort auf Gärten und Waldränder verteilt. Sie sind lila und weiße Pluspunkte in der Wanderwegstatistik und Werbeträger. Seit Anfang der Neunziger feiert man im Städtchen, das sich rühmt, den "schiefsten Kirchturm der Welt" zu besitzen, wieder die Wahl der Fliederkönigin. Die Tradition war 1939 abgebrochen und galt zu DDR-Zeiten offenbar nicht so recht als sozialismuskonform. Für die Saison 2008/09 trägt die Heidi I., 23, im bürgerlichen Leben die Verwaltungsangestellte Heidrun Eckebrecht, das Fliederzepter.

Der Südrand des Kyffhäusers ist toskanisch. Über steilen Gipskarsthängen schwingen Federgräser im Wind, Milane gaukeln vor weißen Bergkuppen, Frühlings-Adonisröschen nicken unter dem Ansturm von Hummeln und Sandbienen, blühender Weißdorn schäumt an Felsen, die einmal Meeresklippen waren, vor circa 300 Millionen Jahren. In der Qualitätskriterien-Tabelle müsste es unter Position 12 ("Aussicht, Öffnung Weite") für so eine natürliche Freilichtbühne ein dickes "positiv!" geben.

Oder doch Punktabzug? Inmitten der artenreichen Steppe thront ein überdimensioniertes Silo, etwas freundlicher ausgedrückt: ein gigantischer Säulenstumpf. Von Dutzenden Straßen- und Wegkreuzungen der Region aus wird das Bauwerk als "Panorama" ausgeschildert, was in diesem Fall nicht auf Rund- und Fernblicke, sondern auf Innenansichten hinweist: Die "Sixtina des Nordens" breitet in ihrem Zylinderbauch, auf rundum laufenden 123 Metern Leinwand und 14 Meter hoch, das Kolossalgemälde Frühbürgerliche Revolution in Deutschland aus, ein Gewimmel aus dem Pinsel von Werner Tübke (1929 bis 2004): Schlachten und Geschacher, Gräuel und Genre, historische Gestalten, Bibel- und Mythenzitate, alles im altmeisterlichen Stil inszeniert und Hieronymus-Bosch-artig verzwirbelt.

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Wieder im Freien, sucht und findet man – nicht ganz auf Anhieb – den kleinen Hügel mit dem Gedenkstein für den revolutionären Pastor Thomas Müntzer. Ein Unbekannter hat eine Glasvase mit Flieder aufgestellt. Die Einkerbung, die sich von hier aus zu einem kleinen Tal weitet, heißt Blutrinne in Erinnerung an die 7000 revoltierenden Bauern, die hier 1525 von Fürstenheeren niedergemetzelt wurden. Ein Turmfalke steht darüber im Rüttelflug; und wo sich die Büsche zu einem Mosaik mit Grasland und Felskuppen arrangieren, duellieren sich zwei Nachtigallen. Dominanzstreiterei in Subdominanten.

Ein paar Gehminuten weiter nördlich taucht der Weg (Belag erdig, grasig: also eindeutig positive Wertung!) in lichte Buchen-Eichen-Mischwälder ein. Ein Ehepaar aus Biberach, Mittsechziger, also im besten Wanderalter, hat nach der Vesper ("Komm, nemmet Se no au en Speck, ’s hat gnuag!") per Handy das Wegebegleitprogramm "Bei Anruf: Kurzgeschichten" angewählt und auf Senioren-Handy-Lautstärke gedrückt. So erfahre auch ich, dass hier ein Raubritter die Vorform der Lichtschranke erfunden hat: einen Stolperdraht mit Glocke, die ihn weckte, wenn Beute nahte. Diese Info fällt zwar nicht unter "Wegetafeln" oder "Flurinformation", scheint mir aber einen Sonderpunkt wert.

Ebenso wie ein Positivum, das im Katalog des Deutschen Wanderverbands nicht vorkommt: die hohe Wahrscheinlichkeit, ungestraft ohne Regenkleidung ausschreiten zu können. Der große Bruder des Kyffhäusers im Nordwesten, das Harzgebirge, wehrt einen Gutteil der Niederschläge ab und lässt dem kleinsten deutschen Mittelgebirge rekordverdächtig geringe 500 Millimeter im Jahr. Neuerdings sogar noch etwas weniger. Der Mangel ist Quell von Schönheit und üppig ausgestreuten Raritäten: Ich wandere vorbei an Trockenrasen und höchst seltener Orchideenpracht.

Wo sich eine Gehstunde später am Nordrand des knapp 80 Quadratkilometer kleinen Gebirges der Pfad im tief gekerbten Hohlweg zur Goldenen Au hinabschlängelt, bleibe ich stehen und fische eine Fotokopie aus dem Rucksack. Dieses Memo hat man mir im Frankenhäuser Info-Zentrum ausgehändigt. Ein Artikel aus der lokalen Tagespresse besagt: Heute wird in Tilleda der 11. Geo-Pfad eröffnet.

Ein kurzer, moderater Sprint, und ich bin noch rechtzeitig im Streuobstzentrum unterhalb von Tilledas Kaiserpfalz, die in den dreißiger Jahren und zur DDR-Zeit ausgegraben und kürzlich erlebnisdidaktisch aufbereitet wurde. Vor rund 900 Jahren soll Kaiser Barbarossa hier Hof und Gericht gehalten haben. Und heute, am 18. Mai 2008, feiern hier rund 70 Bürger mit kostenlosem Streuobstwiesenapfelsaft, mit preiswerten Thüringer Rostbratwürsten – nur echt auf Holzkohle! –, mit Böllerschuss und Banddurchschneiden eine "weitere Aufwertung der Region", wie Ernst Hofmann sagt, der eigens angereiste Chef der Verwaltungsgemeinschaft Goldene Aue.

Dann geht es im Pulk bergan, immer den roten Kolossalfinger des Kyffhäuserdenkmals vor Augen, hoch oben am Nordhang. Neue Schilder erklären, dass es nicht nur Streuobstwiesen, sondern auch Streuobstfelder gab und dank emsiger Landschaftsrestauratoren wieder gibt: kleinräumige Äcker im Schatten von Obstbäumen, die Clapps Liebling hießen oder Winterbananenapfel, Rheinlands Ruhm und Retina Tafelapfel. Ich notiere: mindestens einen Zähler für Punkt 13 der Qualitätsskala (attraktive Landschaften).

Am Mühlsteinbruch, wo die besten Mahlscheiben Thüringens gehauen wurden – sie schärften sich dank ihrer mineralischen Eigenart bei der Abnutzung fast von selbst –, verlasse ich die Gruppe und schwenke bergwärts, der 81 Meter hohen Rotsandstein-Kaiserkrone entgegen. Und wieder geht’s durch einen Hohlweg, den man wie einen Zeittunnel durchklimmt, berauscht von Frühlingslaub links und rechts.

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Dass Barbarossa, der Rotbärtige, 300 Höhenmeter weiter oben auf einen "wartet", stimmt zwar so nicht, auch wenn es im Reiseführer steht; aber bei seinem ideellen Hofvogt und Zeremonienmeister werde ich vorstellig. Heiko Kolbe, 44, ist Touristenführer am Kyffhäuserdenkmal, und das schon seit der Wende. Sein Arbeitsplatz ist – nach der in dieser Hinsicht uneinnehmbaren Wartburg – das am zweithäufigsten besuchte Burg-Ensemble Thüringens: ein Doppeldenkmal, in die Reste einer fast tausendjährigen Hochburg gesetzt. Eingeweiht wurde Deutschlands zweitgrößtes Denkmal am 18. Juni 1896, zu Ehren Kaiser Wilhelms I., der sich hier pickelhaubig und grünspanig über Kaiser Barbarossa erhebt. Vergeblich. Nach dem Publikumszuspruch bemessen, dominiere der ältere Kaiser deutlich, sagt Kolbe. Friedrich I. von Staufen (1122 bis 1190), so sein dynastischer Klarname, thront zeusartig, grimmig und ganz Bart in rotem Sandstein. Der große Staufer, im wirklichen Leben im Heiligen Land zu Beginn des dritten Kreuzzuges ertrunken, schläft, so will es die Sage, im Kyffhäuser, bis dass das Reich geeint sei. Kolbe, der bei Gelegenheit auch im Kettenhemd als Ritter Gerwig auftritt, hat dazu zwei Anmerkungen. Zum einen tun ihm die ortsansässigen Kolkraben oft den Gefallen, sozusagen aufs Stichwort vorbeizufliegen, wenn er die Mär vom schlafenden Barbarossa vorträgt: Rotbart schickt an jeder 100. Wiederkehr seines Todestages (10. Juni 1190) den Zwerg Alberich nach oben; kehrt der mit der Kunde zurück, die Raben flögen noch immer, sind abermals 100 Schlafjahre fällig. Schlechte Aussichten für Barbarossa: Die Raben kreisen, dank Naturschutz, mehr denn je.

Nach der zweiten Variante aber, die Kolbe erzählt, hätte Barbarossa allen Grund, seinen Schlaf zu beenden: In der deutschen Einheit von 1990 sieht Kolbe, nach exakt 800 Jahren, die sagenhafte Pointe aufs Erfreulichste erfüllt.

247 Stufen über der Plattform, auf der das Denkmal steht, blickt man aus der stilisierten Kaiserkrone in die Goldene Aue, eine weitgezogene Senke zwischen Kyffhäuser und Südharz, bei gutem Wetter bis zum Brocken. Und wenn man zur rechten Zeit oben steht, sieht man aus der Vogelperspektive auch ein "Pflugbild", ein 450 mal 500 Meter großes Areal, wo nach einer Idee von Kolbe mit Pflug und Blumensamen Landschaftsbilder gestaltet werden. Derlei Landart passt wohl nicht ins Kategorialsystem der Qualitätsbewerter, ist aber ungemein prächtig, wie Luftbilder aus den letzten Jahren belegen.

Hingucker auf den zweiten Blick sind die zwei versteinerten Baumstämme, jeder locker 300 Millionen Jahre alt, die ein paar Wanderminuten tiefer den Eingang zum Biergarten Denkmalswirtschaft flankieren. Und in einer Nische des sandsteinernen Gastrokomplexes, nach vieljährigem Nachwendeschlaf wieder gut bewirtschaftet, kauert ein Steinadler auf dem Haupt eines blinden Barden. Dessen Bartfaltenwurf verrät, dass er aus derselben Werkstatt stammt wie der Rotbart eine Etage höher.

Immer wieder Barbarossa! Er ist heute der touristische Anchorman der Region. Zwar würde die Barbarossahöhle am entgegengesetzten Ende des Kleingebirges mit ihren Gipskarstvorhängen und grün schimmernden Teichen auch ohne den romantelnden Namen etwas hermachen. Aber die Vorstellung, der für Touristen eigens installierte unterirdische Thron sei nur kurzfristig verlassen, damit man selbst Platz nehmen kann, gefällt jährlich etlichen Zehntausend Besuchern.

Höhlen sind verlässliche Punktebringer. Höhlen gehen tief: Der Homo sapiens touristicus spürt unbewusst sein zighunderttausendjähriges Erbteil. Und wer es noch anschaulicher braucht, wendet sich ein paar Kilometer weiter südwärts: In Bilzingsleben werden 400000 Jahre alte Knochen und Gebrauchsgegenstände von unserem Vorläufer Homo erectus freigelegt und ausgestellt. Ein Superlativ, der sich noch nicht so recht rumgesprochen hat.

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INFORMATION

Anreise: Mit dem Auto aus Richtung Norden über die A7, von Süden über die A9/A38 nach Bad Frankenhausen. Mit der Bahn bis Sondershausen und weiter per Bahnbus nach Bad Frankenhausen

Übernachtung : Burghof Kyffhäuser, Tel. 034651/45222. Unterhalb des Denkmals gelegen, Gastronomie im Baustil des Denkmals. DZ mit Frühstück 60 Euro

Haus Toskana, Bad Frankenhausen, Tel. 034671/55575. Neue Zimmer, hervorragendes Frühstück. DZ ab 60 Euro

Sehenswert: Barbarossahöhle: geöffnet April bis Oktober täglich 10–17 Uhr. November bis März täglich außer montags 10–16 Uhr, Eintritt 6 Euro. Tel. 034671/5450, www.hoehle.de

Kyffhäuser-Denkmal: geöffnet April bis Oktober 9.30–18 Uhr, im Winter 10–17 Uhr, Eintritt 6 Euro. Tel. 034651/2780, www.kyffhaeuser-denkmal.de

Freilichtmuseum Kaiserpfalz Tilleda: geöffnet April bis Oktober 10–18 Uhr, im Winter 10–16 Uhr, Eintritt 3 Euro. Gruppensonderführungen anzumelden unter Tel. 034651/2920, www.tilleda.ottonenzeit.de

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Panorama-Museum mit Kolossalgemälde: geöffnet April bis Oktober Di–So 10–18 Uhr, Eintritt 5 Euro, Tel. 034671/6190, www.panorama-museum.de

Literatur: Ursula Mania: "Der Urmensch von Bilzingsleben". Die informative Broschüre ist zu beziehen über die Naturparkverwaltung Kyffhäuser

Horst Müller: "Der Kyffhäuser". Edition Leipzig 2002; 126 S. Geschichte und Vorgeschichte des Denkmals. Nur noch antiquarisch

Gerd Lindner: "Vision und Wirklichkeit, Das Frankenhausener Geschichtspanorama von Werner Tübke". Panorama-Museum, Bad Frankenhausen 2006; 132 S., 17 Euro. Exzellente kulturkritische, bildstarke Dokumentation

Auskunft : Tourismusverband Kyffhäuser, Tel. 034671/71716, www.kyffhaeuser-tourismus.de ; www.naturpark-kyffhaeuser.de