Es war Sommer. M. hatte einige Monate frei, er musste nicht ins Büro, was sich besser anhört, als es war. Meistens stand er um 7 Uhr 30 auf, duschte, trank Kaffee, er pflegte nicht zu frühstücken, dann setzte er sich an den Computer und versuchte, an dem Roman weiterzuschreiben, den er sich für diesen Sommer vorgenommen hatte.

Bei einem Abendessen hatte ihn seine Nachbarin gefragt, warum er das tue. Er hatte geantwortet, dass Schreiben sein Beruf sei, so einfach sei das. Diese Antwort hatte ihr nicht gefallen. Sie hatte etwas Heroischeres erwartet, vielleicht, dass er das Wattenmeer retten wollte oder dass er ein traumatisches Liebeserlebnis bearbeite oder dass es da irgendeine Schweinerei in der Finanzwelt gebe, von der er Wind bekommen habe. Nichts dergleichen.

Am Anfang versucht man, eine Stimme zu finden, in der man sprechen könnte, einen Sound, verstehen Sie, und eine Frage, auf die man keine Antwort weiß, eine Frage, die man nur beantworten kann, indem man eine Geschichte erzählt. Man setzt sich hin, man arbeitet, man steht wieder auf. Das hatte ihr nicht gefallen. Mir gefällt es auch nicht, sagte M., aber darauf kommt es nicht an, ich tue das nicht, um dabei das Glück zu finden. Falls Sie wissen, wie man das Glück findet, sagen Sie es mir, und ich höre sofort auf mit allem anderen. Schicken Sie mir eine SMS. Bis dahin setze ich mich jeden Morgen hin und arbeite.

Es war der Sommer, in dem an vielen Balkonen tibetische Fahnen zu sehen waren und in dem auffällig viele Frauen auffällig tiefe Dekolletés trugen. M. fragte sich, ob er sich das mit den Dekolletés vielleicht nur einbilde, aber andere bestätigten ihm, doch, das sei ein Trend. Sie erwähnten den Namen der Bundeskanzlerin, die diesem Trend ebenfalls gefolgt sei.

M. hatte, wie wahrscheinlich viele Männer, wenn nicht die meisten, ein zwiespältiges Verhältnis zu Dekolletés, weil er bei der Begegnung mit einer solchen Frau nie wusste, wie er seine Blicke organisieren sollte.

Einerseits ist ein solches Dekolleté dazu da, die Aufmerksamkeit der Männer zu wecken, die Frauen werden das wohl nicht in erster Linie aus Gründen der Bequemlichkeit anziehen. Andererseits soll man das Dekolleté nicht anstarren, egal, wie interessant man es findet. Man soll so tun, als ob man etwas nicht bemerke, was doch in Wirklichkeit bemerkt werden soll, ein Angebot, von dem die erste Stufe der Höflichkeit verlangt, dass man es scheinbar ausschlägt, während eine zweite Stufe der Höflichkeit verlangt, dass man dieses Angebot sehr wohl annimmt, auf eine so beiläufige Weise, dass es nur ansatzweise wahrnehmbar ist.

Eine Frau, die mit einem auffälligen Dekolleté antritt, um das kein einziger Mann sich auch nur im Geringsten schert, wird doch sicher Zweifel an ihrer Aura bekommen. Das möchte man ihr nicht antun. M. fiel das Buch über die Kunst der Verstellung ein, das er kürzlich gelesen hatte.