Ihn gibt es in jeder Kunst: den Mann, auf den alle anderen Künstler sich einigen. Den artists’ artist, also den Meister, dessen Name fällt, wenn das Unerreichbare, die Ausnahme gepriesen wird. Das deutsche Theater kannte so einen Mann auch, einen, zu dessen Füßen Neid und Häme verebbten, es war der 1941 als Pfarrerssohn im Badischen geborene und nun auf einer Insel namens Belle-Île-en-Mer vor der Küste der Bretagne 67-jährig gestorbene Regisseur Klaus Michael Grüber.

Ihn nennen nahezu alle großen Regisseure den Wahrhaftigsten ihrer Kunst. Selbst der knurrige, seiner Branche in herzlicher Abneigung verbundene Peter Stein macht da keine Ausnahme. Stein und Grüber, das waren die großen Köpfe der einstmals weltbedeutenden Berliner Schaubühne, beides »Provinzjockel« (Stein) mit prägenden Jahren im Südwesten (Stein verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Donaueschingen, Grüber wuchs in Neckarelz auf), beide in Bremen bei Kurt Hübner bekannt und dann in Berlin berühmt geworden. Stein und Grüber galten als Antipoden, welche die Schaubühne in der Spannung und der Balance hielten. Eine Premierenkonstellation dieses Theaters aus dem Jahr 1984 sagt viel über Prestige und Ruf der beiden Regisseure: Beide brachten innerhalb von zehn Tagen ein Stück von Tschechow heraus, Peter Stein im großen Haus die Drei Schwestern und Klaus Michael Grüber das Frühwerk An der großen Straße auf der Probebühne der Schaubühne in der Cuvrystraße.

Während Stein an der ersten Schaubühnen-Adresse ein schweres, tief in seine Requisiten und in die behauptete Bühnenzeit hinabgesunkenes Prunkstück magisch-realistischer Überwältigungskunst bot, zelebrierte Grüber im nackten Zuschauerraum vor einer mit Eisentritten beschlagenen Wand ein von Schweigen beherrschtes Theater des Wartens und der Agonie.

Seine Figuren führen ein Leben außerhalb aller Systeme

Stein kam auf ausrasierten, nachvollziehbaren Denkwegen an seine künstlerischen Ziele; Grüber hingegen bewegte sich mit assoziativen Sprüngen querfeldein. Stein war der Prunk- und Zeremonienmeister, welcher seine Inszenierungen mit Kunst-Zeichen überlädt, der Hirte, der dafür sorgt, dass keine Bühnenkreatur unserer Gleichgültigkeit zum Fraß hingeworfen wird. Grüber hingegen bewegte seine Schauspieler und Figuren als »Zeichen« einer unlesbaren Schrift oder einer ausgestorbenen Sprache – eher dem Verstummen als der Aufklärung verpflichtete Nomaden, Rätselwesen. Stein hat den Gegensatz immer wieder mit kokettem Selbsthass betont: Ein »kleinlicher Bastler« und »mieser kleiner Entzifferer« sei er selbst, so Stein, im Gegensatz zu Grüber. Der habe nie lesen müssen. Der habe – gesehen.

Man kann es auch anders sagen: Stein war der oberste PR-Stratege, der eloquenteste Deuter und Sprecher der Schaubühne. Grüber dagegen war an diesem Haus der genialische Gast, der früh beschlossen hatte, gar keine PR zu machen und weder Sprecher noch Deuter seines Werks zu sein. Er versank in seinem Bart und wurde legendär. Und das wenige, was man erfuhr, stammte aus ergriffenen Probenbesuchen von Publizisten, die fortan zur Grüber-Gemeinde gehörten.

Grüber, der an der Schauspielschule Stuttgart studierte, kam über den Theaterkritiker und -wissenschaftler Siegfried Melchinger mit Giorgio Strehler in Kontakt. Vier Jahre lang war er Regieassistent an dessen Piccolo Teatro in Mailand. Dort gab er 1967 (als erster Ausländer) sein Regiedebüt mit Bert Brechts Der Prozess der Jeanne d’Arc zu Rouen . In Deutschland führte er erstmals 1968 Regie: In Freiburg im Breisgau inszenierte er Goldonis Impresario von Smyrna . 1969 holte ihn Kurt Hübner nach Bremen; dort kam es auch zur ersten Opernregie, der viele folgten, es war Alban Bergs Wozzeck . Von 1973 an arbeitete Grüber dann an der Schaubühne.