Nix zu tun, was?
Wer nach Cádiz hineinfährt, gerät in eine steinerne, meerumspülte Sackgasse. Am Ende der schmalen, vollends bebauten Landzunge (beziehungsweise Stadtzunge) warten ein wunderbares Gassengewirr und lauter Ausblicke auf den Atlantik. Und an einem Rand der gedrängten Altstadt kann man nicht nur ins Freie treten, sondern sich auch ins Freie legen, nämlich an den halbrunden, von zwei Festungen eingefriedeten Strand La Caleta. Kein Strand für Touristen: Die fahren, wenn sie denn schon unterwegs sind, eher raus an ein Stück offenerer Küste. Ein Strand für die Städter selbst: einfache Leute meist, die zu selten wegkommen von ihrer steinernen Insel. Die Arbeitslosen allerdings, von denen Cádiz so viele haben soll, dass selbst die Bewohner sagen, alle seien arbeitslos, diesen Arbeitslosen kann man nicht beim Sonnenbaden zusehen. Stattdessen tummeln sich vor allem kleine Kinder und deren Großeltern. Die einen schöpfen mit Plastikeimern Meerwasser zum Sandburgenbau ab, die anderen sitzen gemütlich im Alu-Stühlchen unterm Sonnenschirm und haben ein Auge darauf. So wie Pepi, eine rüstige Rentnerin, deren perfekt sitzende Dauerwelle und Ohrringe nicht vermuten lassen, dass sie gleich ins Wasser springt, obwohl sie entschieden behauptet: "Ich sitze hier nicht nur, ich bade auch!" Nebenbei verfolgt sie die Wege ihrer dreijährigen Enkelin, die mal hier, mal da mit anderen Kindern spielt.

Gerade hockt die Kleine im Schatten des imposanten weißen Kurhauses, das auf steinernen Pfeilern den Strand überragt und wie ein idyllischer Ort für einen gehobenen Nachmittagskaffee wirkt. "Keine Chance", sagt Pepi, "das balneario war zuerst als Kurhaus ein Reinfall und dann als Restaurant. Hier haben die Leute kein Geld für so nen Luxus." Um den strahlenden Bau nicht verfallen zu lassen, wurde er zum Zentrum für submarine Archäologie umgewidmet. Eine kuriose Zweckentfremdung, allerdings am rechten Ort. Denn Cádiz ist eine Siedlung aus phönizischer Zeit mit untergegangenen Tempeln. Außerdem legten von hier viele Schiffe in die Neue Welt ab. Einige endeten unglücklich auf dem Grund des Atlantiks, wo es sicher noch manche Münze zu heben gibt. Heute legen von La Caleta nur noch ein paar Dutzend Fischerbötchen ab, um in nahen Gewässern Makrelen zu fangen. Die gelten als lokale Delikatesse und gelangen deshalb – wie viele Einwohner – auch nur selten über die Altstadt hinaus.

Immer der Düne nach

Fünfunddreißig Kilometer Nichts. Gleißender Sand, flirrendes Licht, schimmernde See. Und ein endloser Strand in ständiger Bewegung – unstet wie der Wind, nur viel langsamer. Neun bis zehn Meter legen die Wanderdünen des Nationalparks Doñana jährlich zurück. In einer unregelmäßig gestaffelten Viererreihe rücken sie allmählich gegen die Marschen vor, ins Paradies der Zugvögel. Aus jedem Dünental stehen Schirmkiefern auf, bis sie von der nächsten Sandwelle irgendwann wieder begraben werden.

Wer vom Strand aus ein Stück in die Dünenlandschaft vorstoßen will, begibt sich kurz hinter dem Parkeingang in Matalascañas auf einen hölzernen Eineinhalb-Kilometer-Parcours. Die Schritte davon abzulenken ist verboten. Dabei lässt sich der vorgeschriebene Weg nur näherungsweise einhalten. Denn über manchen Abschnitt ist die Düne schon wieder skrupellos hinweggekrochen. Aus ihrem feinen weißen Sand ragt mitunter nichts mehr weiter auf als ein letztes Stück vom Handlauf des Boardwalk. Der Strand immerhin bleibt frei gepustet und ist auf ganzer Länge zugänglich, wenn auch nur zu Fuß vom einen oder anderen Parkende aus. An einem langen Wandertag ließe sich bestimmt die Komplettpassage entlang seiner 35 Kilometer bewältigen. Zum Baden oder zum Sonnen bliebe dann wenig Zeit. Dafür ließe man alles gemeine Strandpublikum weit hinter sich. Auf Kilometer 17,5 wäre man bestimmt allein zwischen dem schwappenden Meer und der wandernden Düne, am einsamsten Punkt der Costa de la Luz. Es wäre das Paradies. Kein Strandbüdchen weit und breit, keine spielenden Kinder, kein Sonnenschirm. Es wäre die Hölle.

Strandkommune 1
Miguel Carmona hat kein Handtuch unter dem Hintern, sondern einen Teppich. Er hat ihn gleich für die ganze Saison mit an den Strand gebracht. Genauso wie sein kleines Zelt. Das hält er allerdings versteckt. Denn das Übernachten am Strand von Caños de Meca ist schon lange nicht mehr erlaubt. Nur bei Regen holt er das Zelt heraus: "Dann patrouilliert die Polizei sowieso nicht." Carmona, ein drahtiger Kerl um die sechzig mit gegerbtem, dunklem Teint, hat es sich in einem kleinen Knick inmitten der Steilküste so gemütlich wie möglich gemacht. Rundherum ragen Sandsteinwände auf, darüber stehen Pinien. Der Strand ist schmal, vor allem bei Flut. Große Felsblöcke sorgen für lauschige Ecken zum verschwiegenen Sonnenbaden.

Die meisten Tagesgäste liegen nackt im Sand. Das ist so Tradition. Schon zu Francos Zeit, Anfang der siebziger Jahre, stritten junge Hippies in Caños de Meca für eine Nacktbadeerlaubnis. Miguel Carmona war damals einer von ihnen. Nach ersten abschlägigen Bescheiden wies man der libertären Meute schließlich die letzten, schwer zugänglichen Ausläufer des Steilküstenstückes zu. Aber die Hippies eroberten sich bald den ganzen Strand – und gaben ihn lange nicht mehr aus der Hand. Carmona lebte mehrere Sommer über hinter einem improvisierten Schilfrohrzaun gemeinsam mit einem halben Dutzend anderer Familien. Die Strandkommune kochte auf einer einzigen großen Feuerstelle im Zentrum des selbst abgesteckten Areals. "Meine fünf Kinder haben hier einen guten Teil ihrer Kindheit verbracht", sagt Carmona. Seine Clique war nicht die einzige, die Caños de Meca damals zu einem weithin bekannten Hippiestrand machte. Doch in den Achtzigern nahmen die Drogen überhand, und manche der Dauerbewohner verwahrlosten. Die Dörfler erreichten irgendwann, dass die Guardia Civil durchgriff. Seither ist mit der Koloniebildung Schluss.

Miguel Carmona ist übrig geblieben. Er kommt noch immer für mehrere Monate im Jahr nach Caños de Meca. Er hat eine Angel und einen tragbaren Grill dabei. Gelegentlich fischt er Brassen aus dem Meer, Tintenfische, auch schon mal eine Languste. Das alles wird umgehend zubereitet und meist allein gegessen. Von Zeit zu Zeit schauen noch mal Strandkameraden von früher vorbei. Die gehen dann allerdings nachts auf den Campingplatz.

Gut gebaut
Mit der Jungfräulichkeit ist es vorbei", sagt Isidro Martín, in einen dunkel gebeizten Holzstuhl gelehnt, die platinfarbene Sonnenbrille lässig um den Hals. "Aber wenn du früher hier hinunter an den Strand wolltest – das war Indiana Jones." Inzwischen gibt es Schneisen durch das Wacholdergesträuch, das die Dünenlinie hinter La Barrosa noch immer überwuchert. Nun kann man auf Holztreppchen bequem zum Meer hinabsteigen. Damit ist nun auch die südöstliche Hälfte des acht Kilometer langen Strands in der Nähe von Chiclana de la Frontera für den Tourismus erschlossen. Und Isidro Martín, der Betreiber des Strandimbisses La Loma ganz am Ende von La Barrosa, kann auf Kundschaft zählen.

Wer von Martíns Büdchen aus den Strand überblickt, der sieht das Meer, sehr viel Sand, locker verteilte Urlauber und die Dünenkette. Sonst nichts. Dabei ist hier der Strand mit der höchsten Hotelbettenkonzentration an der gesamten Costa de la Luz. Gleich jenseits der Dünen gehts los: ein knappes Dutzend ausgedehnter Hotelkomplexe, auf mehrere Kilometer verteilt. Die größten davon wirken wie Städtchen, mit andalusisch-maurischer Ornamentik und enormen Pool-Landschaften. Die zugehörigen Golfplätze liegen nahebei. Das alles gehört zu Novo Sancti Petri, dem umfangreichsten touristischen Entwicklungsprojekt der Costa de la Luz. Es hat die Hotelbettenzahl von Chiclana in zwanzig Jahren von acht- auf vierzigtausend hochgejagt und Schluss gemacht mit der hohen Arbeitslosigkeit am Ort.

Und dem Strand ist bei alldem nichts zugestoßen. Denn an der Costa de la Luz, der Nachzüglerin, wird zwar einiges aufgeholt, aber anderes sorgsam vermieden. Die direkte Umlagerung der Strände durch Hotelzylinder und Bungalowtrauben zum Beispiel. Deshalb bleiben die Großanlagen bescheiden hinter den Dünen zurück, und unten am Meer steht nur alle paar Hundert Meter ein Büdchen. Martíns La Loma ist das letzte, aber auch edelste unter ihnen, mit einer Speisekarte in Gold und Schwarz, zugeschnitten auf die Klientel von Novo Sancti Petri. Als einziger Imbiss in La Barrosa nimmt er sogar Tischreservierungen entgegen.

Windige Burschen
Der Sand ist fein, der Strand ist breit, das Wasser glitzert grünlich – und am diesigen Ende des Horizonts liegt Marokkos Küste wie ein breites Band über dem Meer. Doch wichtiger, als was das Auge sieht, ist, was man an Haut und Haaren spürt: die Stärke des Windes. Sie entscheidet, ob es ein lebhafter oder ein lauer Tag wird in Valdevaqueros bei Tarifa, am Lieblingsstrand der Kitesurfer. Ein ordentlicher Surfer weiß allerdings vor der Tuchfühlung schon übers Internet, über windguru.com, ob ihn vor Ort ein levante aus dem Osten oder ein poniente aus dem Westen erwartet. Weil vor Tarifa die Winde besonders kräftig wehen und Valdevaqueros für beide Windrichtungen taugt, hat der Strand international Karriere gemacht. Weniger bei reinen Badegästen natürlich, die hier immer damit rechnen müssen, dass ein unglücklich abstürzendes Segel eines unerfahrenen Kitesurfers auf sie niedergeht.

Der Katalane Kim Gomez ist über Anfängerfehler längst hinaus. Er kommt seit zwanzig Jahren zum Surfen nach Tarifa und bleibt meist gleich für ein halbes Jahr. Seine Koteletten sind schon grau, aber die satte Körperbräune, das kernige Lächeln und seine Muskelpakete beweisen, dass er weiterhin vollen Einsatz zeigt. Gomez hat als Windsurfer angefangen und ist später umgesattelt: "Die riesigen Sprünge beim Kitesurfen sind einmalig", sagt er, "und du hast immer freie Sicht, weil dir das Segel nicht direkt vor der Nase steht." Gomez gehört zur In-Crowd der Surferszene, er kennt die windreichsten Spots, er kann mit seinen Kameraden aus ganz Europa beim nachmittäglichen Chill-out ausdauernd über gelungene Manöver, günstige Gezeiten und abenteuerliche Brisen fachsimpeln. Gelegentlich kommt auch die spanische Weltmeisterin Gisela Pulido zum Training an den Strand. Vor ihr hat Gomez Respekt, auch wenn er Frauen am Kite sonst nur bedingt schätzt: "Die lassen sich nicht mehr so leicht beeindrucken."

Kitesurfen ist zu einem Modesport geworden, Valdevaqueros zu einem Modestrand. In der Hochsaison herrscht auf dem Wasser dichter Verkehr, auf dem Sand kann es Parkplatzmangel für die breiten Segel geben. Doch von diesem Gewusel abgesehen, liegt die Gegend da, als hätte der Auftrieb nicht einmal begonnen. Kühe grasen in Strandnähe, kein Hotelklotz ragt ins Bild. Im Hintergrund machen sich nur die Hügel der Sierra del Aljibe breit. Auf deren Rücken stehen einzig, wie könnte es anders sein: Windräder.

Information

Anreise:
Der nächstgelegene Flughafen ist Jerez de la Frontera. In der Hauptsaison montags und freitags Direktflüge mit Condor und Tuifly zum Beispiel ab Frankfurt am Main

Unterkunft:
Valdevaqueros: Hotel Hurricane. Hier sind nicht nur Surfer untergebracht. Das schönste Hotel direkt am Strand, mit großem, schattigem Garten. Nationalstraße N340, km. 78, Tarifa. Tel. 0034-956/684919, www.hotelhurricane.com , DZ ab 85 Euro

Caños de Meca: Hotel Breña. Ein neues kleines Hotel am richtigen Ende des Dorfes. Von hier bis zum Strand sind es nur 100 Meter. Avenida Trafalgar 4, Caños de Meca, Tel. 0034-956/437368, www.hotelbrena.com , DZ ab 60 Euro

La Barrosa: Barceló Sancti Petri. Neuestes Großhotel hinter der Dünenlinie von Novo Sancti Petri. Anlage mit eigenem Strandzugang. Urbanización Loma de Sancti Petri o. N., Chiclana de la Frontera, Tel. 0034-956/242790, www.barcelo.com , DZ ab 180 Euro

La Caleta: Las Cortes de Cádiz. Eines der wenigen kleinen Altstadthotels, untergebracht in einem ehemaligen Bürgerpalast. Calle San Francisco 9, Cádiz, Tel. 0034-956/220489, www.hotellascortes.com , DZ ab 78 Euro

Playa de las Piletas: Posada de Palacio. Nicht in unmittelbarer Strandnähe, dafür besonders stilvoll – kleines Altstadthotel in einer Residenz aus dem 18. Jahrhundert. Calle Caballeros 9–11, Sanlúcar de Barrameda, Tel. 0034-956/365060, www.posadadepalacio.com , DZ ab 80 Euro

Doñana: Der Badeort Matalascañas am Nationalpark Doñana hat keinen besonderen Charme. Eine der netteren Hoteloptionen bietet das Doñana Blues, Sector 1, Matalascañas, Tel. 0034-959/448132, www.donanablues.com , DZ ab 65 Euro

Auskunft:
Spanisches Fremdenverkehrsamt, Frankfurt am Main, Tel. 069/725033, www.spain.info